Von Julia Graven
An den ersten Arbeitstag von Frank Schellenberg im Staatstheater Kassel erinnert sich Hausherr Thomas Bockelmann noch gut. "Der kam ohne Rollköfferchen und ohne Krawatte", erinnert sich der Theater-Intendant. "Wir versuchen, nicht als arrogante Berater rüberzukommen", erklärt Unternehmensberater Schellenberg seinen unauffälligen Auftritt. Dazu gehört auch, dass er auf Berater-Englisch verzichtet, wo es nur geht.
Knapp drei Wochen verbrachte Frank Schellenberg am Kasseler Friedrichsplatz. Er sollte im Auftrag des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst herausfinden, ob das Staatstheater vernünftig wirtschaftet. Für Berater Schellenberg ein ganz normaler Auftrag. Er arbeitet für die Münchner Unternehmensberatung Actori, die auf die Kulturbranche spezialisiert ist. Trotzdem hört er oft, dass Unternehmensberater keine Ahnung von der Kunst hätten. Dort stehe schließlich das künstlerische Ziel im Vordergrund, nicht der Gewinn.
Die Vorbehalte sind gewaltig, wenn Unternehmensberater in deutschen Stadttheatern aufkreuzen. Schellenberg kann das verstehen: "Das ist natürlich nicht angenehm, da fühlen sich Menschen kontrolliert und bedroht." Auch in Kassel war erstmal Unruhe, erinnert sich der Intendant.
Hobby und Beruf zugleich
Trotzdem setzte Bockelmann auf einen vernünftigen Umgang mit dem Beraterteam. Er hatte sich bei Kollegen erkundigt, die nichts Schlechtes über Schellenberg sagen konnten. "Also sind wir uns mit offenem Visier begegnet", erzählt Bockelmann. Er verbrachte viel Zeit mit den Beratern, fütterte sie mit Zahlen und bat auch seine Mitarbeiter um Offenheit. Schließlich redete Schellenberg nicht nur mit dem Chef, sondern musste auch Werkstatt, Technik und Marketing auf ihre Wirtschaftlichkeit überprüfen.
In der Actori-Unternehmensberatung ist Schellenberg mit seinem Hang zur Kunst kein Exot. Bei seinen Beratern setzt Geschäftsführer Maurice Lausberg voraus, dass Aida für sie mehr als nur ein Kreuzfahrtschiff ist. Frank Schellenberg hat vor seinem Beraterjob als Musikmanager gearbeitet; schon sein Geschichtsstudium finanzierte der 36-Jährige, indem er Metal-Konzerte veranstaltete. Für ihn wäre es keine schöne Vorstellung, außerhalb des Kulturbereichs zu arbeiten: "Ich weiß nicht, ob ich Lust hätte, zum Beispiel ein Maschinenbauunternehmen bei der Restrukturierung zu beraten."
In der Welt der Kultur haben Berater einen schweren Stand
Das unterscheidet Schellenberg wohl von den kühlen Verfechtern der reinen Betriebswirtschaftslehre in den großen Universal-Beratungen, die ihr Denksystem und ihre Folien nach Schema F ausrollen, egal in welcher Branche. Für hohe Honorare "Optimierungspotentiale" ermitteln, ein paar Vergleiche in schöne Schaubilder übertragen - für das Denken von Unternehmensberatern entwickeln Theaterleute wenig Verständnis, aber umso mehr Kürzungsängste. In der Welt der öffentlich subventionierten Kultureinrichtungen haben McKinsey, Kienbaum und Co. mittlerweile einen schweren Stand. Zu oft haben ihre Gutachten millionenschwere Sparpotentiale versprochen und in der Realität nur für viel Protest und Ärger gesorgt.
Thomas Bockelmann kann sich noch gut an die Zeiten erinnern, als klamme Länder und Kommunen Scharen teurer Beraterteams losschickten, "die von Kenntnis nicht besonders getrübt waren". So habe McKinsey einst in Bremen unter anderem empfohlen, den Ruhetag zwischen Generalprobe und Opernpremiere zu streichen. "Das zeigte, wie viel Ahnung diese Herren hatten", erzählt Bockelmann süffisant, "ohne den Tag Pause würden die Sänger bei der Premiere keinen Ton herausbringen."
Am Ende eine dicke Kröte
Natürlich gebe es immer noch Firmen, die sagen: Unser Gutachten kostet 200.000 Euro. Dafür versprechen wir, dass Zehnfache an Einsparpotential zu finden. Mittlerweile reagiert Bockelmann auf solche Ankündigungen gelassen: "Diese Berater setzen sich nicht durch. Weil das, was die vorschlagen, nicht funktioniert."
Auch in dem Gutachten, das Frank Schellenberg am Ende seiner Arbeit über das Staatstheater Kassel erstellte, steckte allerdings eine dicke Kröte: Ein Szenario stellte dar, was die Schließung der Tanzsparte an Einsparungen bringen würde. "Natürlich war der Tanzdirektor nicht erfreut, dass so etwas zum Thema wird. Aber ich denke, er würde auch heute noch mit mir reden", sagt der Unternehmensberater.
Für ihn ist es ein ständiger Spagat, mit Auftraggebern aus der Politik und Kulturschaffenden gut auszukommen. Die Branche ist überschaubar. Wenn Schellenberg sich zu viele Feinde macht, muss er vielleicht doch irgendwann Maschinenbauunternehmen bei der Restrukturierung zur Hand gehen.
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