Von Marie-Charlotte Maas
Am Ende der Untersuchung gibt es zwölf Eier für den Herrn Doktor, als kleines Dankeschön. Das lässt sich Alma Schmidt, 89, nicht nehmen. Einmal im Monat schaut Michael Fink, 58, bei ihr und ihrem Mann vorbei, ein Routinebesuch. Die beiden sind seit 16 Jahren seine Patienten.
Die Praxis im 2000-Einwohner-Städtchen Gebhardshain hat Fink 1986 von einem Arzt übernommen, der in Pension ging. Die Patienten übernahm er gleich mit. Zwei Mal die Woche macht er seitdem die große Hausbesuchstour durch den Westerwald.
Im Wohnzimmer der Schmidts prasselt das Kaminfeuer, Michael Fink nimmt das Stethoskop aus seinem Arztkoffer, hört beide ab. Für sein hohes Alter ist das Paar erstaunlich fit, ab und zu gibt es kleinere Beschwerden, aber nichts Ernstes. "Dem Blutdruck nach ein junges Mädchen", sagt Fink. Frau Schmidt freut sich.
Untersuchung mit Kriegsgeschichten
"Brauchen Sie neue Medikamente?" will Michael Fink wissen und zückt seinen Rezeptblock. "Wie geht's dem Hund? Haben Sie den noch? Und die Hühner? Wie geht's der Nachbarin? Der Gerda?" Ein Landarzt ist immer auch ein bisschen Seelsorger, ein bisschen Freund.
"Als Allgemeinmediziner auf dem Land muss man wissen, dass man ein lebenslanges Vertrauensverhältnis mit den Patienten eingeht", sagt Fink. Berührungsängste sollte man da nicht haben: "Gerade am Anfang habe ich von den älteren Patienten viele Kriegsgeschichten gehört. Ich mache das gerne, finde es auch spannend, und es hilft, mit den Menschen warm zu werden."
Zu Beginn seines Studiums wollte Michael Fink Chirurg oder Internist werden. Dann machte er Station bei einem Hausarzt in Wiesbaden - und war begeistert: "Die Arbeit als Allgemeinmediziner ist vielfältig, von Blähungen bis Herzbeschwerden behandelt man alles. Man kann von allem, was man gelernt hat, etwas einbringen."
Die nachwachsende Ärztegeneration findet dieses Argument offenbar nicht sonderlich überzeugend: Rund 3600 Landarztstellen sind nach Schätzungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in Deutschland vakant. In den nächsten fünf Jahren geht laut KBV jeder dritte Haus- und Facharzt in den Ruhestand, auch im Westerwald. Und nur 16 Prozent der Medizinstudenten können sich vorstellen, später in der Provinz zu arbeiten, hat eine deutschlandweite Umfrage der Universität Trier im Auftrag der KBV ergeben.
Würstchen für den neuen Landarzt
Als Fink 1986 die Praxis in Gebhardshain übernahm, war der Beruf des Hausarztes noch sehr beliebt: "Damals zahlte man oftmals noch einen halben Kassenjahresumsatz als Ablösesumme an den in Rente gehenden Arzt." Wie er träumten viele Kommilitonen von einer eigenen Praxis und zogen dafür auch gerne aufs Land.
Für jüngere Ärzte gilt das nicht mehr - auch, weil ihre Partner auf dem Land nur schwer einen Job finden. Die Regierung hat das Problem erkannt. Anfang des Jahres trat das sogenannte Landarzt-Gesetz in Kraft: Landärzte sind seitdem von einer Honorarobergrenze befreit, ihre Praxen können sie sich von Kommunen oder Kassenärztlichen Vereinigungen ausstatten lassen und sie müssen nicht länger in der Nähe ihrer Praxis wohnen.
Auch Bundesländer und Gemeinden sind nicht untätig: Die Landesregierung von Rheinland-Pfalz fördert Ärzte in Gegenden, wo die hausärztliche Versorgung gefährdet ist, mit 15.000 Euro pro Praxis. Insgesamt stehen 400.000 Euro bereit. Und in einigen Gemeinden wird diskutiert, kostenlose Praxisräume anzubieten oder Ärzte mit Gutscheinen für Friseurbesuche oder Wurst beim Metzger zu locken.
In seiner Funktion als Vize-Präsident der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz hält Fink einmal im Jahr einen Vortrag an der Universität Mainz, um den Studenten einen Einblick in die Arbeit des Hausarztes zu geben. "Die Überraschung ist oft groß", sagt Fink. "Viele gehen von einem langweiligen Job mit schlechtem Verdienst aus und sehen dann, dass die Realität anders ist." Ein Praktikum bei einem Allgemeinmediziner müsste im Medizinstudium Pflicht sein, findet Fink: "Interesse entsteht durch neue Erkenntnisse".
Beratung zwischen Tür und Auto
Michael Fink muss weiter zum nächsten Termin. Alma Schmidt begleitet den Doktor zur Tür, steckt ihm die frischen Eier von den eigenen Hühnern zu, wie bei jedem Besuch. "Meine Frau und der Junior werden sich freuen", sagt Fink. Sein Sohn habe heute Geburtstag, werde 19 Jahre alt. "So alt ist er schon!?", fragt Frau Schmidt erstaunt, und schon ist man wieder in einem neuen Gespräch.
Zwischen Tür und Auto kommt dann noch ein spontaner Krankenfall dazwischen. Der Nachbar hat den Wagen von Fink entdeckt und sucht Rat: Seine Frau hat starkes Nasenbluten. Eine andere Ärztin war schon auf Krankenbesuch, aber eine zweite Meinung kann ja nie schaden. Und so gibt es eine kurze Beratung auf der Straße, bevor sich der Landarzt zum nächsten Patienten aufmacht.
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