Von Sarah J. Tschernigow
Für den einen ist es Schrott, für Benjamin Rüggeberg eine kleine Goldgrube. Altes, modriges und oft feuchtes Holz, das irgendwo am Straßenrand von Kapstadt herumliegt. Etwa alle zwei Monate bekommt der 39-Jährige eine Containerladung aus Südafrika geliefert.
In Deutschland verkauft er das Holz als Bilderrahmen. Von Postkarten- bis Postergröße stapeln sich gut 2000 Stück im Lager seiner Firma Cape Times. Es sind alles Unikate mit, im wahrsten Sinne des Wortes, Ecken und Kanten und abgewetzten, scheckigen Oberflächen. "Diesen Look kriegt man synthetisch gar nicht hin", sagt Rüggeberg, der von Menschen lebt, die ihre Wohnungseinrichtung nicht in schwedischen Möbelhäusern kaufen wollen, sondern gezielt in kleinen, feinen Ateliers wie seinem. Die Interieur mögen, das auf alt gemacht aussieht.
Nur sind die Holzrahmen von Cape Times wirklich alt. "Das ist authentisch", findet der Mann, der selbst in Südafrika aufgewachsen ist. "Die einzige Bearbeitung besteht darin, dass wir Nägel und Schrauben entfernen, die Rückseite einmal hobeln und das Holz mit einem Mittel gegen Holzwürmer behandeln."
"Ich könnte das alles billiger haben", sagt Benjamin Rüggeberg. "Ich könnte nach China gehen und auf alt gemachte Rahmen für einen Spottpreis einkaufen. Jeder Geschäftsmann würde sich an den Kopf fassen!", lacht er. Benjamin Rüggeberg hat seine Berufung gefunden: "Ich will Südafrika modern und jenseits von geschnitzten Giraffen präsentieren und gleichzeitig etwas Gutes tun."
Für diese Handtasche geht ein Kind ein Jahr lang zur Schule
Was Gutes tun - das wollen die Jungunternehmerinnen Andrea Noelle und Annika Busse aus Hamburg auch, und vor allem wollen ihre Kunden das. Denn Beliya, ihr Label für Handtaschen, behauptet: Jeder Kauf ermöglicht einem Kind in Afrika den Schulbesuch für ein Jahr. "Wir haben sechs verschiedene Produkte. Wenn alle gekauft werden, kann ein Kind ein Jahr zur Schule gehen", erklärt Andrea Noelle. "Wenn ein Kunde zum Beispiel den Weekender, unsere große Umhängetasche kauft, deckt der Erlös die Schulgebühren. Ein anderes Teil ermöglicht die Fahrt mit dem Schulbus."
Die Freundinnen stehen in engem Kontakt mit Hilfsorganisationen, wie Steps for Children, einer Initiative, die Vorschulen unter anderem in Namibia gegründet hat und für ihre Leistungen vom Bundespräsidenten ausgezeichnet wurde. Beliya konnte nach eigenen Angaben seit der Unternehmensgründung vor sechs Monaten schon 40 Kindern helfen.
Der Haken: Für Andrea Noelle und Annika Busse bleibt vom Geld nichts übrig. Entwicklungshilfe ist ihnen gerade wichtiger als Profit. Sie leben von ihren Ersparnissen, hoffen auf einen Investor, wollen im Sommer bei der Fashion Week in Berlin dabei sein.
Müll von Jil Sander
Die Taschen laufen gut, auch wenn sie streng genommen aus Abfall sind. Gut, es ist Müll von Designern wie Jil Sander. Annika Busse erklärt: "Die Textilien sind Überschüsse aus Prêt-à-Porter-Kollektionen, das Leder von hochwertigen Sofas, die aber nicht verkauft werden, weil sie fehlerhaft sind." Auch weil Beliya günstig an die Stoffe kommt, können kleine Handtaschen teilweise für um die sechzig Euro angeboten werden. Die Unternehmerinnen wollen die Masse ansprechen und damit auch Spendenmuffel.
Wer in den Laden von Christine Mayer nach Berlin-Mitte kommt, ist in der Regel bereit, mehr auszugeben. Bei ihr kostet eine Jacke über 700 Euro, ein T-Shirt um die hundert Euro. Auch sie spendet Geld an Hilfsprojekte, auch sie betreibt Upcycling, und das auf höchstem Niveau. Doch mit dem Unterschied, dass ihre Kunden oft nichts davon wissen. "Ich möchte nicht, dass man meinen Produkten sofort ansieht, was sie ursprünglich einmal waren. Aber natürlich erzähle ich gerne die Geschichten dazu," sagt die Modedesignerin, die sich als Künstlerin sieht. Für ihre Mayer Peace Collection hat sie Militärsäcke von der Bundeswehr verarbeitet oder schwedische Ein-Mann-Zelte.
Eine Schule für Afganistan
"Natürlich geht es mir auch um Nachhaltigkeit. Aber vor allem interessieren mich alte Materialien mit Geschichte. Die haben eine ganz andere Aura. Und das spüren meine Kunden auch." Klar, wer hatte schon mal einen 150 Jahre alten Mehlsack von einer bayerischen Mühle am Körper? In Kleinstarbeit arbeitet Christine Mayer einen Saum ein oder färbt einige Stellen nach. Knopfleisten und Ösen bleiben, wo sie sind.
Das Ergebnis sind modische, taillierte Kleidungsstücke. "Ich spende einen Teil meines Gewinns. In Afghanistan habe ich vor einigen Jahren geholfen, eine Schule mit Bibliothek aufzubauen," erzählt sie, "in Indien unterstütze ich Waisenhäuser." Ihre aktuelle Charity-Aktion kommt einem Projekt in Nepal zugute. Der Gewinn aus dem 98-Euro-Shirt geht komplett an einen befreundeten Arzt vor Ort, der bedürftigen Kindern Hilfe leistet.
Aber nicht alle Charity-Shirts sind upgecyclet. Das letzte war verhältnismäßig unoriginell aus Biobaumwolle. Aber hing immerhin gleich neben Oberteilen aus Algen-Jersey. Denn Müll wird Mayer auch nicht mehr hinterher geschmissen: "Die Zeiten sind langsam vorbei. Immer mehr Designer wollen Abfall haben."
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