Geschlechterdebatte Was noch schlimmer ist als Sexismus
"Mit Frauen kenne ich mich aus": Sexismus ist eine von vielen Waffen im Berufsalltag - nur steht sie vor allem Männern zur Verfügung. Schlimmer als Herrenwitze findet Berufsberaterin Uta Glaubitz pseudowissenschaftliche Erklärungen für den großen Unterschied.
Journalistinnen von SPIEGEL und "Stern" haben in den vergangenen Tagen über den täglichen Sexismus im Beruf geschrieben: anzügliche Witze, dumme Sprüche, peinliche Anmache. So was gibt es offensichtlich nicht nur bei den good ol' boys des Berliner Politbetriebs, die nicht mal kapieren, was falsch sein könnte an der Bemerkung "Mit Frauen Ihres Alters kenne ich mich bestens aus." Selbst die Piraten finden es toll, über das Liebesleben politischer Journalistinnen zu phantasieren. Denn eins ist mal klar: Eine Journalistin kommt natürlich nie durch gute Recherche an ihre Informationen, sondern immer nur durch Sex.
Ich persönlich finde offenen Sexismus primitiv, kann aber damit umgehen. Deutlich abstoßender finde ich scheinbar wissenschaftliche, vorzugsweise biologistische Belege für die Unterschiede zwischen Mann und Frau im Berufsleben. Zum Beispiel: Da Frauen gebären, seien sie von Natur aus fürsorglicher und kooperativer und also gar nicht gemacht für harte Entscheidungen, wie sie im Top-Management gefragt sind. Sollten Frauen versuchen, dorthin zu gelangen, handelten sie nicht nur unverantwortlich, sondern - Achtung! - wider die Natur.
So geht das in der Arbeitswelt: Jeder kämpft mit seinen Waffen. Sexistische Sprüche kosten nicht viel, sind dafür umso wirksamer. Allerdings ist der Zugang zu dieser Waffe streng kontrolliert: Man kann sie nicht einsetzen, weil man intelligent, strategisch, selbstbewusst, meinetwegen reich oder überhaupt ganz und gar toll ist. Man kann sie nur einsetzen, wenn man ein Mann ist.
Orientieren sich Männer paarungstechnisch nach unten?
Was mich zu einem Interview bringt, das der deutsche Managementtrainer und Bestsellerautor Reinhard K. Sprenger vor einigen Wochen der "Welt am Sonntag" gab. Dort erklärt er, dass die Arbeitswelt ein Erotikmarkt sei und Zweitfrauen gang und gäbe. Ein echter Chef unterhalte standesgemäß ein Verhältnis mit seiner Sekretärin.
Daran habe sich nichts geändert, führt er weiter aus, auch wenn heute in nahezu jeder Branche die weibliche Präsenz wächst. Schließlich habe die Evolution vorgesehen, dass Männer sich paarungstechnisch nach unten ("hierarchisch abwärts") und Frauen paarungstechnisch nach oben ("hierarchisch aufwärts") orientieren. Keine Quote der Welt würde daran etwas ändern, so Sprenger.
Sie haben Fragen zu Karrierethemen, Probleme am Arbeitsplatz, Themenanregungen? Unsere Experten freuen sich über Ihre Nachricht!
Ich habe dann sicherheitshalber noch mal nachgeschaut, von wann dieser Machokram stammt. Schreiben wir das 21. Jahrhundert? Ist Angela Merkel Kanzlerin, Christine Lagarde Chefin des Internationalen Währungsfonds und Monika Piel noch - und immerhin seit 2006 - Intendantin des WDR, eine der größten Rundfunkanstalten Europas? Wir hatten und haben eine Generalbundesanwältin, eine Kampfjetpilotin und sogar eine "Sportschau"-Moderatorin. Sic transit gloria mundi.
Frauen für den Chirurgenberuf zu hysterisch
Lange Jahre waren Abfälligkeiten Frauen gegenüber völlig normal. Jede Studie über die Unterschiede der Geschlechter lief darauf hinaus, dass Frauen irgendwie minderbemittelt seien und daher nur als Hauswirtschaftslehrerin oder Erzieherin taugten. Später kam die Rolle als akademisch gebildetes Muttertier hinzu, das in der Vorstadt versauert. Laut den Hobby-Evolutionsbiologen vorzugsweise mit einem Mann, der zwar nie da ist, dessen phantastische Gene aber für kräftigen Nachwuchs sorgen. Als ob ein Vater, der ab und zu durch Anwesenheit glänzt, nicht eine bessere Voraussetzung für den Lebenserfolg der Kleinen wäre.
Weitere Rückschlüsse für die Berufswelt wurden ganz leicht gezogen: Für den Chirurgenberuf wären Frauen zu hysterisch, hieß es, für die Wissenschaft oder das Richteramt zu emotional und als Pilotinnen ein Sicherheitsrisiko. Wenn Frauen im Fußball oder Boxen erfolgreich waren, bekamen sie ein Teeservice geschenkt und sexistische Sprüche serviert, die heute jedem, der ein Minimum an Kinderstube mitbringt, die Schamesröte ins Gesicht treiben würden. Oder auch nicht, siehe oben.
Doch ich habe Neuigkeiten: Die Welt ist nicht stehengeblieben. Es gibt eine ganze Reihe von Frauen, die es beruflich sehr weit gebracht haben und überhaupt nicht daran denken, die Zweitfrau für einen brünftigen Hirschen zu geben. Und es gibt sogar männliche Charaktere, die das goutieren: Barack Obama, unbestritten ein top-cooler Typ mit Vorbildfaktor für jede Karriere, sieht seine Männlichkeit bislang offensichtlich nicht durch Michelle gefährdet. Im Gegenteil: Seine Maskulinität wird durch die jahrelang beruflich erfolgreiche Partnerin noch betont. Und wenn er eine Zweitfrau hätte, die, sagen wir mal: Bürokauffrau wäre, hätten die Republikaner es längst ausgebuddelt und zur Verbreitung dieser Nachricht drei neue Fernsehsender gegründet.
Schwarzenegger als Auslaufmodell
Natürlich gibt es sie noch, die Testosteronlinge wie Arnold Schwarzenegger. Er: Gouverneur und Weltstar, sie: Haushälterin - ein klarer Fall also von "hierarchisch abwärts." Oder doch nur ein Großmaul mit Angst vorm Altern und eine Latina, die nicht recht wusste, wie ihr geschah? Im Übrigen waren die Frauen früher auch nicht nur züchtig, sondern liierten sich mit ihren Fitnesstrainern und Bodyguards, was uns in einer Karrierekolumne aber nicht weiter interessiert.
Also, liebe Mädchen und Frauen, was lernen wir aus all dem? Sollen wir wichtige Männer bewundern, weil die Natur es uns angeblich seit Jahrtausenden vorgibt? Orientieren Sie sich lieber an Angela Merkel. Sie ist ein exzellentes Vorbild für jede Karriere und erhaben über den Verdacht, Männer anzuhimmeln, die durchsetzungsfähiger und intelligenter sind als sie. Wer auch sollte das sein?
PS: Michelles Karriere ruht derzeit, aber nicht, weil sie ein Heimchen am Herd sein will. Man muss keine Hellseherin sein, um zu sagen: Wir werden noch von ihr hören.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
- RSS
- alles aus der Rubrik Berufsleben
- RSS
- alles zum Thema Erste Hilfe Karriere
- RSS
© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Uta Glaubitz ist Berufsberaterin und unterstützt andere dabei herauszufinden, welcher Beruf zu ihnen passt. Ihre Kunden im Vorher-nachher-Vergleich präsentiert sie auf ihrer Internetseite:
Foto: D. Stratenschulte - Berufsfindung.de
- Reinhard K. Sprenger in der "Welt am Sonntag": "Liebesaffären sind der Normalfall"
- Stern.de: Rainer Brüderle - Der spitze Kandidat
für die Inhalte externer Internetseiten.
- Sexismus-Debatte: Die Krise des weißen Mannes (28.01.2013)
- Sexismus-Talk bei Jauch: Die Untoten der Geschlechterdebatte (28.01.2013)
- Sexismus-Vorwurf: FDP-Politikerin hält Brüderle-Entschuldigung für unnötig (28.01.2013)
- Sexuelle Belästigung: Mal wieder "zufällig" am Po berührt (24.01.2013)
- Brüderle-Debatte: Stopp! (24.01.2013)
- FDP-Spitzenkandidat: Wirbel um "Stern"-Vorwürfe gegen Brüderle (23.01.2013)
- Debatte: "Man liest ja so einiges über Sie" (14.01.2013)
- Urteil: Mobbing-Folgen sind keine Berufskrankheit (23.12.2012)
- Konzerne mit Frauenquote: Wo Frauen am schnellsten an die Spitze kommen (14.11.2012)
- Frauenquote: Jetzt wird zurückdiskriminiert (13.11.2012)
- Frauen im Management: Wir warten nicht auf die Quote (26.03.2012)
- Frauen und Karriere: "Die Quote gegen den Feigenblatt-Effekt" (06.03.2012)
- Quote und Karriere: Wer Frauen fördert - und wer nicht (05.03.2012)
- DER SPIEGEL: Auschwitz: "Arbeit macht frei"-Schriftzug gestohlen (29.11.2010)
- ... die Frauen - und die Männer erst!
- ... den Chef - das Stromberg-Quiz
- ... den Berater - üble Business-Phrasen
- ... den Anwalt - so ticken Juristen
- ... den Werber - Ritt durchs wilde Werbistan
- ... den Ingenieur - was Techniker so reden
- ... die Erfolgsregeln - schöner scheitern
- ... die Tierwelt - gleicht Ihr Büro einem Zoo?
- ... sich selbst - manipulierbar? Ich doch nicht!
- ... den Makler - Bruchbude zu verkaufen



