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Von wegen Selbstverwirklichung Gebt's doch zu, Arbeit nervt!

Viele Beschäftigte empfinden ihre Arbeit als öde und monoton - meist zu Recht Zur Großansicht
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Viele Beschäftigte empfinden ihre Arbeit als öde und monoton - meist zu Recht

Spiel, Spaß, Spannung soll der Job bringen, Sinn und Erfüllung? So eine Wunderwelt hält dem Realitätscheck niemals stand und führt nur zu Frust. Die schmutzige Wahrheit: Arbeit ist ein Tausch von Zeit gegen Geld.

Auf einem Jahrmarkt bleiben Sie an einem Stand stehen, an dem eine geheimnisvolle Frau eine geheimnisvolle Kugel feilbietet. "Wenn Sie diese Kugel mit nach Hause nehmen", schwärmt sie, "wird sich bei Ihnen eine große Erfüllung einstellen. Diese Kugel gibt Ihrem Leben einen Sinn, den kugellose Menschen vergeblich suchen."

"Wird das nicht langweilig mit der immer selben Kugel?", grübeln Sie. "Oh nein", entgegnet die Frau, "die Kugel ist jeden Tag anders. Mal leuchtet sie rot, mal blau. Sie wird Sie ständig neu herausfordern." Die Kugel schimmert Sie freundlich an. "Vereinsame ich nicht total, allein mit einer Kugel?" - "Nicht doch, die Kugel wird dafür sorgen, dass Sie nur noch nette, dynamische Leute um sich herum haben. Leute, die aus jeder Pore ihres Körpers genauso viel Freude versprühen wie Sie."

"Hoffentlich habe ich genug Geld dabei", murmeln Sie hastig, "was kostet die Kugel denn?" -"Aber bitte, gar nichts! Wenn Sie sie mitnehmen, bekommen Sie dafür Geld: jeden Monat ein paar Tausend Euro, automatisch auf Ihr Konto. Sie müssen mir nur Ihre Bankverbindung hierlassen."

Sollten Sie die Polizei informieren? Wer solche Versprechungen macht, ist nicht nur unseriös, sondern meist kriminell. Selbst schuld, wer auf so etwas hereinfällt.

Arme Führungskräfte! Arme Mitarbeiter!

Es sei denn, wir befinden uns im Arbeitsleben. Da rufen wir nicht die Polizei, sondern kaufen und verkaufen uns ständig gegenseitig die Wunderkugel: Spiel, Spaß und Spannung bringt die Arbeit. Sinn, Erfüllung, Selbstverwirklichung. Total nette Leute. So erzählen es die Stellenanzeigen, so erzählen es die Führungskräfte. Die Arbeit wurde überhaupt nur erfunden, um diejenigen zu beglücken, die sie machen: In teuren Bulletpoints stellen Berater "den Menschen in den Mittelpunkt". Die "Leidenschaft" ist das "Learning"!

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Motivationstrainer: "Arme dran, Beine dran - super!"
Doch 30 Millionen Menschen frusten in Deutschland vor sich hin: Tag für Tag, über Branchen-, Hierarchie-, Alters- und Geschlechtergrenzen hinweg. Das belegen regelmäßige Studien. Das Beratungsunternehmen Gallup zum Beispiel findet im "Engagement Index" jedes Jahr neu heraus: Kaum 15 Prozent aller Mitarbeiter identifizieren sich so stark mit ihrem Unternehmen, brennen so für ihren Job, wie sie es nach der Wunderkugeltheorie sollten. Der Rest schiebt Dienst nach Vorschrift oder arbeitet sogar aktiv gegen sein Unternehmen.

Arbeitgeber suchen seit jeher das Rezept, mit dem sie die Belegschaft "motivieren" können. Dabei konstruieren sie eine Wunderwelt, die sie als Normalbild auf eine löchrige Leinwand malen. In immer größere, immer unrealistischere Versprechen verstricken sie sich.

Arme Führungskräfte! Ihr müsst diesen fantastischen Zielen hinterherhecheln. Manche von euch glauben sogar daran, andere schon lange nicht mehr.

Arme Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter! Je mehr ihr gepredigt bekommt, wie toll ihr eure Arbeit finden sollt, desto frustrierter zieht ihr euch zurück.

Sagt den Menschen endlich die Wahrheit

Wenn Arbeit uns Erfüllung, Selbstverwirklichung und Glück bringt, unserem Leben nicht weniger als einen Sinn schenkt - warum in aller Welt werden wir dann noch dafür bezahlt? Es sind Mythen wie diese, die so schön klingen und so schädlich sind, die Lust an der Arbeit in Wirklichkeit zerstören. Und die Produktivität gleich mit. Das 1000-Prozent-Rendite-Versprechen - wie naiv sind wir eigentlich?

Dabei ist die Wahrheit so einfach: Die Arbeit ist für die Masse der Menschen nichts Schönes. Sie ist oft stinklangweilig und so gar nicht herausfordernd. Viele Kollegen und Kunden sind geisteskrank.

Wir reden hier nicht von den paar Leuten, die so jung und hochqualifiziert sind, dass sie sich jeden Tag zehn neue Stellen aussuchen könnten. Deren Jobs tatsächlich eher Lifestyle-Objekte sind als Arbeit. Die in schicken Büros tatsächlich aufblühen, sich tatsächlich mit ihrer Visitenkarte identifizieren. Das ist ein winziger Prozentsatz der Belegschaften. Diese Handvoll Menschen allein kann das Rad der Wirtschaft nicht drehen.

Spaß und Sinn muss man anderswo suchen

Das Herz des Wirtschaftslebens ist die große Masse der arbeitenden Bevölkerung. Soll es schlagen, müssen wir uns an dieser Masse orientieren, nicht an ein paar Ausnahmen. Und für die Masse der Menschen ist die Arbeit ein notgedrungener Tausch von Zeit gegen Geld.

Das ist für sich genommen gar nicht so schlimm. Die meisten Menschen könnten gut damit umgehen, wenn man ihnen sagte: Eure Arbeit ist an fast allen Tagen Routine, nicht aufregend und nicht herausfordernd. Was ihr zu tun habt, ist im Großen und Ganzen vorgegeben, viel zu "gestalten" gibt es da nicht. Eure Arbeit ist nicht geeignet, eurem Leben irre viel Spaß oder gar Sinn zu geben - das müsst ihr euch vorwiegend in anderen Bereichen eures Lebens suchen. Aber: Dafür bekommt ihr ja auch jeden Monat Geld.

Die meisten Menschen können mit dieser Einsicht wunderbar leben, denn sie liegt auf der Hand. Das Leid entsteht dadurch, dass wir uns ständig gegenseitig vormachen, es wäre alles ganz anders.

Die Analyse ist nüchtern, doch die Botschaft grundpositiv: Wenn wir der Masse der Menschen mehr Wahrheit über ihre Arbeit sagen, produzieren wir oben weniger Stress und unten weniger Enttäuschungen. Die Stimmung steigt dann ganz automatisch, oben wie unten. Und die Produktivität gleich mit.

Zum Autor
  • Mareike Foecking
    Volker Kitz hat Jura und Psychologie studiert. Er ist Sachbuchautor und Redner zu Themen aus Psychologie, Recht und Arbeit und lebt in München.
  • Mehr auf volkerkitz.com

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insgesamt 152 Beiträge
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    Seite 1    
1. Vielleicht...
alexanderschleissinger 06.07.2015
Vielleicht käme man ja auch damit klar, wenn wir beginnen würden über alternative Modelle nachzudenken... Grundeinkommen plus reduzierte Arbeitszeiten?
2.
skylarkin 06.07.2015
Bingo! Beispiel aus der internationalen Firma meiner Freundin:Vor allem die die für ihre Firma 'gebrannt' haben, die 110%igen, waren die ersten, die ein großzügiges Superfrühverrentungsangebot gar nicht so schnell unterschreiben konnten wie es ihnen gemacht wurde. Wenn meiner Freundin dieses ebenfalls gemacht worden wäre, sie hätte auch unterschrieben... und ich auch(obwohl mir meine Arbeit überwiegend gefällt!).Arbeit ist nicht alles und ich arbeite um zu leben, nicht umgekehrt.
3.
tommyonafloat 06.07.2015
interessanter Artikel, dessen Logik ich durchaus was abgewinnen kann!
4. Danke
o.schork 06.07.2015
Endlich mal jemand, der mit der Mär von Karriere und Selbstverwirklichung aufräumt.
5.
hbm-1291214196194 06.07.2015
als studierter Psychologe sollte einem der Begriff "intrinsische Motivation" geläufig sein. schade, dass er hier nicht fällt. ich bin jung, gebildet, kann mir die Jobs vermutlich aussuchen und stehe morgens gerne auf, um zur Arbeit zu gehen. Allerdings bin ich auch mit 13 schon gerne Zeitung austragen gegangen, mit 16 gerne im Supermarkt gewesen usw. ich habe viele scheinbar eintönige und sinnlose Tätigkeiten hinter mir und werde auch heute wieder solche erledigen. ich weiß genau, dass ich absolut austauschbar bin - wie jede andere Person auch. aber ich habe Lust auf Leistung, es widert mich an sinnlos in der Gegend herum zu vegetieren. und daher kann ich jeder noch so stupiden Arbeit etwas abgewinnen. ich identifiziere mich mit meinem Job, ich will etwas leisten, ich will gefordert werden, ich suche mir Themen ums stupide herum, ich will verbessern! solange man sich auch an den kleinen Dingen freuen kann, funktioniert das sehr gut. man sollte nur nicht denken, dass man jeden Tag das rad neu erfinden muss.
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