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Arbeit und Karriere Warum man für seinen Job nicht brennen muss

Jeder darf Pompons schwenken. Aber niemand sollte es müssen Zur Großansicht
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Jeder darf Pompons schwenken. Aber niemand sollte es müssen

Jeder kennt sie, die inspirierenden Geschichten von Menschen, die ihrem Herzen folgen und in neuen Jobs glücklich werden. Alles Quatsch, sagt Buchautor Volker Kitz: Letztlich ist Arbeit nur ein Tausch von Zeit gegen Geld.

Kürzlich sollte ich einen Vortrag auf einer Tagung für Personaler halten. Mein Vorredner war ein prominenter Mann. Sein Thema: Glück bei der Arbeit. Seine These: Wer es noch nicht gefunden hat, ist selbst schuld. Sein Beleg: eine wahre Geschichte, die ans Herz geht.

Ein Herzchirurg in Zürich rettet Leben, verdient viel Geld, ist renommiert. Mit 56 Jahren fällt ihm ein, dass seine Leidenschaft das Lkw-Fahren ist. Er macht den Lkw-Führerschein, tauscht Skalpell gegen 460 PS und rollt mit 40 Tonnen über die Straßen Europas. Seine Geschichte erregte Aufsehen in den Medien, viele werden sie kennen.

Das Publikum schaut gerührt und nachdenklich: Ja, so einfach ist es, mit seiner Arbeit glücklich zu sein. Was mache ich nur falsch?

Ich beschließe, meinen vorbereiteten Vortrag zur Seite zu legen: "Stellen wir uns vor, die Geschichte hätte umgekehrt begonnen: Ein Lkw-Fahrer findet mit Ende fünfzig heraus, dass sein Lebenstraum darin besteht, als angesehener Herzchirurg zu arbeiten ..." Weiter komme ich nicht, denn das Publikum bricht in Gelächter aus. Die inspirierenden Geschichten von Menschen, die ihrem Herzen folgen und plötzlich etwas ganz anderes machen - manchmal müssen wir die Situation nur umdrehen, um zu merken, welchem Blödsinn wir aufsitzen.

Denn die Masse der Gesellschaft besteht nicht aus berühmten Herzchirurgen, sondern aus Lkw-Fahrern - wörtlich und im übertragenen Sinn. Der Lkw-Fahrer steht in diesem Beispiel für alle, die nicht einfach nur herausfinden müssen, was sie erfüllt, und daraus ab morgen einen Beruf machen. Bankangestellte, Krankenschwestern, Controller - die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung kann ihren Job nicht wechseln wie ein Profilfoto auf Facebook.

Das hat nicht nur mit Ausbildung und Hierarchieebenen zu tun: Es gibt mittlere Manager, die BWL-Studium, glänzende Referenzen und einen Traum haben, sagen wir, von der eigenen Surfschule in Kalifornien. Sie haben aber auch Ehepartner und Schulkinder und ein Haus gebaut. "Wenn die Surfschule dein Glück ist, worauf wartest du?" Dieser Rat hilft der Abteilungsleiterin meist ebenso wenig wie ihrer Sekretärin. Auch das Alter ist nicht ganz so egal, wie es beim 56-jährigen Herzchirurgenbrummifahrer scheint: Was, wenn sein Kindheitstraum Profifußballer gewesen wäre?

Solche inspirierenden Geschichten richten Schaden an. Sie suggerieren, dass niemand sich im Arbeitsleben mit weniger als dem makellosen Glück zufrieden geben dürfte. Dass jeder etwas ändern muss, der seinen Job nicht mit bis an Besinnungslosigkeit grenzender Leidenschaft ausübt. Über Generationen hat dieser Leidenschaftszwang einen Schleier des Unglücklichseins gelegt. Millionen Menschen sitzen jeden Tag im Büro, stehen am Fließband oder kriechen für ihren Job auf dem Boden herum und fragen sich: "Was läuft falsch bei mir, wenn ich dabei keine Leidenschaft verspüre?" Sie suchen, grübeln und trauern, weil in ihrem Leben offenbar "etwas nicht stimmt".

Erfüllung kann das Leben in vielen Bereichen bieten

Die Unternehmen tragen ihren Teil dazu bei: kein Leitbild ohne Leidenschaft. Autos bauen, Überweisungen ausführen, Hoteltoiletten schrubben - all das wird heute mit, wenn nicht gar aus Leidenschaft gemacht. Als Kundenversprechen war das schon immer zweifelhaft, denn Leidenschaft hat nichts mit einem guten Arbeitsergebnis zu tun.

Rechtsanwälte beherzigen zum Beispiel die Regel, sich in wichtigen Angelegenheiten nicht selbst zu vertreten. Der Grund: zu viel Leidenschaft, weil man selbst betroffen ist, weil die Distanz fehlt. Auch für andere Tätigkeiten gilt: Rationale Entscheidungen, besonnenes Handeln und sorgfältige Arbeit gedeihen selten auf dem Nährboden der Leidenschaft. Ein nüchterner Kopf liefert bessere Ergebnisse als ein leidenschaftstrunkener. Und wer zu sehr in seine Arbeit vernarrt ist, wird kaum nach Möglichkeiten suchen, dasselbe Ergebnis mit weniger Arbeitsschritten hinzubekommen, also: effizienter zu sein.

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Traum vom anderen Leben: Ich schmeiße hin
Nichts gegen Menschen, die ihr Glück in der Arbeit finden. Wir freuen uns von Herzen über jeden Chirurgen, der seinen Kindheitstraum verwirklicht. Aber wir dürfen nicht so tun, als wäre das normal. Wir dürfen das nicht zur Messlatte erheben, an der die Mehrheit der Berufstätigen jeden Tag zerbricht.

Erfüllung kann das Leben in vielen Bereichen bieten, zum Beispiel durch Freunde, Familie, Freizeit. Für die Arbeit gibt es Geld. Das ist der Normalfall, und kein Leben läuft schief, wenn es so läuft.

Wer seinen Mitarbeitern diese Wahrheit sagt, statt ihnen von Leidenschaft vorzufaseln, wird sie überraschen und ihren Respekt gewinnen. Was einfach klingt, wäre ein revolutionärer Schritt in der Personalführung. In der Psychologie nennt man das eine paradoxe Intervention. Sie hat Macht und Wirkung. Eine Last wird abfallen, innere Widerstände werden schwinden. Mitarbeiter werden zufriedener und leistungsbereiter zur Arbeit kommen. Menschen motiviert man mit Ehrlichkeit, nicht mit Floskeln.

Der Herzchirurg hat übrigens das Lkw-Fahren nach ein paar Jahren aufgegeben. Der Wettbewerb in der Branche war zu erdrückend. Das erwähnte mein prominenter Vorredner auf der Tagung nicht. Vielleicht, weil er es nicht wusste. Vielleicht, weil er es nicht wissen wollte.

Zum Autor
  • Mareike Foecking
    Volker Kitz hat Jura und Psychologie studiert. Er ist Sachbuchautor und Redner zu Themen aus Psychologie, Recht und Arbeit und lebt in München.
  • Mehr auf volkerkitz.com

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insgesamt 194 Beiträge
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1.
SirJazz 10.12.2015
Wenn ich 60 Stunden als Ingenieur im Büro Woche für Woche arbeiten muss, dann bringt mir weder meine tolle Frau, meine Kinder, mein Reichtum noch sonst irgendwas. Ja, Arbeit ist ein Tausch zwischen Zeit und Geld, aber mit welchen Kosten dieser Tausch verbunden ist, ist enorm. In der heutigen Zeit ist man für das Unternehmen nurnoch eine Zitrone die man auspressen kann. Fragen Sie doch mal den 27 jährigen Ingenieur, wie er täglich von der Company erdrückt wird. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Arbeitstag "Willkommen im Team, 1/3 leidet an Burnout, 1/3 fängt mit dem rauchen/trinken an, 1/3 kriegt familiäre Probleme. Viel Glück!" Zum Glück konnte ich früh genug die Notbremse ziehen und mein Leben selbst bestimmt. Wer nicht 2/3 vom Tag für sich selbst hat, ist ein Sklave!
2. Genialer Artikel
Sabin Chen 10.12.2015
Danke Herr Kitz! Das Lesen war überaus erfrischend und beruhigend für mich. Ihrem Artikel ist nichts hinzuzufügen. Am liebsten würde ich ihn so ausdrucken, einrahmen und bei uns in den Pausenraum hängen. Mahlzeit.
3. Amen
NoWorriesCompany 10.12.2015
Ich glaube das ist der erste normale Beitrag über Arbeit überhaupt. Zu viele Emotionen haben auf der Arbeit nichts verloren. Des weiteren empfinde ich diesen scheinbaren Zwang seltsam ständig etwas mit den Arbeitskollegen unternehmen zu müssen. Arbeiten ist ein Mittel zum Zweck, war es schon immer. Wenn dort jemand dabei ist mit dem man etwas privat unternehmen möchte ist es OK hat aber im eigentlichen Arbeitsablauf nichts verloren. Ich habe das Gefühl, dass ich auf diese Weise deutlich effektiver arbeitete, als so einige, die deutlich mehr Zeit auf der Arbeit verbringen. Ich verdiene mit dort meine Brötchen, gehe dort hin und erledige alles bestmöglich. Danach geh ich nach Hause und es findet das eigentliche Leben statt (die Frau, die Familie, die Hobbies, whatever).
4. Danke,
Mira Quli 10.12.2015
jetzt geht es mir wieder besser, nachdem ich Ihren Artikel gelesen habe. Ich dachte bisher nämlich, ich mache alles falsch, weil ich das mit der Vermittlung von Irland-Reisen noch immer nicht hinbekommen habe und mich stattdessen jeden Tag 10 Stunden in einem ungeliebten Büro krumm mache.
5. Amen
NoWorriesCompany 10.12.2015
Ich glaube das ist der erste normale Beitrag über Arbeit überhaupt. Zu viele Emotionen haben auf der Arbeit nichts verloren. Des weiteren empfinde ich diesen scheinbaren Zwang seltsam ständig etwas mit den Arbeitskollegen unternehmen zu müssen. Arbeiten ist ein Mittel zum Zweck, war es schon immer. Wenn dort jemand dabei ist mit dem man etwas privat unternehmen möchte ist es OK hat aber im eigentlichen Arbeitsablauf nichts verloren. Ich habe das Gefühl, dass ich auf diese Weise deutlich effektiver arbeitete, als so einige, die deutlich mehr Zeit auf der Arbeit verbringen. Ich verdiene mit dort meine Brötchen, gehe dort hin und erledige alles bestmöglich. Danach geh ich nach Hause und es findet das eigentliche Leben statt (die Frau, die Familie, die Hobbies, whatever).
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