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30. Oktober 2012, 08:56 Uhr

Mythen der Arbeit

Die Zeit der Vollbeschäftigung kommt nie wieder - stimmt's?

Vollbeschäftigung ist etwas für Traumtänzer? Träumen Sie ruhig davon, sagt Arbeitsforscher Joachim Möller: Arbeitslosenquoten von knapp über einem Prozent gibt es in manchen Landkreisen schon heute. Mit der richtigen Politik könnte es das künftig häufiger geben.

Bei traumhaft niedrigen Werten lag die Arbeitslosenquote zumeist in der Bundesrepublik der sechziger Jahre, nachdem man die Nachkriegsarbeitslosigkeit abgebaut hatte. Werte unter einem Prozent waren der Normalfall. Auch während der Rezession von 1966/67, die damals als schwerer Schock empfunden wurde, stieg die Arbeitslosigkeit nur wenig über zwei Prozent. Die Krise war schnell überwunden, und die Arbeitslosenquote lag bereits 1969 wieder unter einem Prozent. Im Land herrschte Vollbeschäftigung.

Doch in den siebziger Jahren wendete sich das Blatt. Von Krise zu Krise kletterte die Arbeitslosigkeit auf immer neue Höchststände. Mitte der neunziger Jahre wurde die Arbeitslosenquote schließlich zweistellig, und das blieb sie dann auch in den nächsten zehn Jahren.

Erst mit den Arbeitsmarktreformen unter Bundeskanzler Gerhard Schröder wurde eine Trendwende eingeleitet. Seit 2006 fällt die Quote, und selbst während der schweren Rezession in den Jahren 2008/2009 stieg sie kaum an. Ab 2010 sank sie erneut, und so liegen wir heute bei knapp sieben Prozent. Das ist zwar der beste Wert seit 20 Jahren, aber von Vollbeschäftigung immer noch weit entfernt.

Der Begriff "Vollbeschäftigung" ist unscharf definiert. Manche sprechen von Vollbeschäftigung, wenn die Arbeitslosenquote unter vier Prozent sinkt, andere setzen diesen Wert bei drei Prozent oder noch darunter an. Klar ist zumindest, dass "Vollbeschäftigung" nicht heißt, dass die Arbeitslosigkeit gegen null geht. Ein gewisser Rest an Arbeitslosigkeit ist unvermeidbar. Wer sein Uni-Examen absolviert hat, wird vielleicht nicht gleich im Folgemonat eine Stelle antreten können. Und wenn durch eine Firmenpleite Beschäftigte arbeitslos werden, braucht es seine Zeit, bis sie einen neuen Arbeitsplatz finden. Dies wird friktionelle Arbeitslosigkeit genannt und gehört zum normalen Arbeitsmarktgeschehen dazu.

Den Glauben an die Vollbeschäftigung verloren

Eine gewisse Suchzeit ist sogar von Vorteil, denn der Zwang zur Annahme des erstbesten Jobangebots könnte bedeuten, dass die Arbeitssuchenden unter ihren Möglichkeiten bleiben. Solange es funktionierende soziale Sicherungssysteme gibt, ist friktionelle Arbeitslosigkeit also kein Grund zur Besorgnis. Ganz anders sieht es aus, wenn die Jobsuche nicht nur wenige Wochen oder Monate dauert, sondern in Langzeitarbeitslosigkeit umschlägt. Das ist seit Mitte der siebziger Jahre leider viel zu oft der Fall. Derzeit verzeichnet die Statistik rund eine Million Langzeitarbeitslose, zweifellos eine schwere Hypothek auf dem Weg zu einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt.

Haben deshalb all jene recht, die behaupten, die Zeiten der Vollbeschäftigung seien endgültig vorbei? Götz Werner zum Beispiel, der Chef der DM-Drogeriemärkte, glaubt nicht an Vollbeschäftigung und wirbt deshalb für ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Die Entwicklung seit 2005 zeigt, dass Arbeitsmarktpolitik durchaus etwas bewirken kann. So ging die Langzeitarbeitslosigkeit zwischen 2006 und 2009 um weit mehr als eine halbe Million Personen zurück. Auch wenn es kein einfaches Unterfangen ist, lässt sich offenbar doch der harte Kern der Langzeitarbeitslosigkeit von den Rändern her aufweichen. Die heutige Gesellschaft ist also keineswegs dazu verdammt, massenhafte Langzeitarbeitslosigkeit einfach als Schicksal hinzunehmen. Allerdings ist Beharrlichkeit gefragt. Fatal wäre es, sich auf den erreichten ersten Erfolgen auszuruhen. Dann rückt das Ziel der Vollbeschäftigung wieder in weite Ferne.

Auf fünf Prozent der Beschäftigten entfällt die Hälfte der Arbeitslosigkeit

Was ist zu tun? Um den Weg zur Vollbeschäftigung weiter zu gehen, muss man bei den Risikofaktoren für Langzeitarbeitslosigkeit ansetzen. Dazu gehören beispielsweise gesundheitliche Einschränkungen, höheres Alter und mangelhafte Integration, vor allem aber fehlende Bildung. Deshalb ist es so wichtig, den Anteil der Schulabgänger zu senken, deren Lese-, Schreib- und Mathematikkompetenz am Ende ihrer Schulzeit gerade mal auf Grundschulniveau liegt. Für diese Personen wird es schwierig, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Und ohne abgeschlossene Berufsausbildung sind die Chancen auf eine dauerhafte Beschäftigung in einem Hochtechnologieland wie Deutschland alles andere als gut. Wer keinen Ausbildungsabschluss vorweisen kann, läuft Gefahr, Zeit seines Lebens zur Hochrisikogruppe derer zu gehören, die immer wieder und möglicherweise dann auch sehr lange arbeitslos werden.

50 Prozent der Arbeitslosigkeit verteilen sich auf nur fünf Prozent der Beschäftigten. Anders gesagt: Die meisten Menschen werden nie arbeitslos, einige wenige dagegen immer wieder. Auf diese fünf Prozent konzentriert sich die Hälfte des Arbeitslosigkeitsvolumens, gemessen in Tagen der Arbeitslosigkeit. Darunter finden sich besonders häufig Personen ohne Berufsausbildung, weitaus seltener Facharbeiter oder gar Hochschulabsolventen. Das Bildungssystem zu verbessern, die Durchlässigkeit zu erhöhen und den Zugang zu einer guten Bildung zu erleichtern - das ist also absolut zentral, wenn wir irgendwann wieder Vollbeschäftigung haben wollen. So sollten etwa die jungen Erwachsenen, die in schlechteren Arbeitsmarktzeiten im ersten Anlauf keine Ausbildungsstelle ergattern konnten, unbedingt eine zweite Chance erhalten.

Ein weiteres Handlungsfeld ist beispielsweise eine gute Standortpolitik, die Hochtechnologie und eine gut ausgebildete Arbeitnehmerschaft als komparativen Vorteil nutzt. Hinzu kommen so unterschiedliche Dinge wie eine Verbesserung der Integration von Migranten, gesundheitliche Prävention und die Ausweitung des Angebots an Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Und nicht zuletzt gehört dazu auch der zielgerichtete Einsatz arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen etwa zur besseren Eingliederung schwer vermittelbarer Personen, zur Förderung von Weiterbildung sowie zur beruflichen und räumlichen Mobilität.

Mittelfristig bestehen gute Aussichten

In den nächsten Monaten wird die Arbeitslosigkeit aufgrund der Euro-Krise wahrscheinlich leicht steigen. Der Anstieg wird aber bereits 2013 zum Stillstand kommen, sofern die Krise nicht eskaliert. Danach stehen die Chancen gar nicht schlecht, dass wir wirtschaftlich gute Jahre erleben und die Arbeitslosigkeit weiter sinkt. Wenn sich der weltweite Investitionsstau auflöst, der durch die Euro-Krise verursacht wurde, ist wieder mit starken Konjunkturimpulsen für die deutschen Exporteure zu rechnen.

Gerade beim exportorientierten verarbeitenden Gewerbe ist Deutschland außerordentlich gut aufgestellt. Hier werden Güter hergestellt, die insbesondere in den wachstumsstarken Schwellenländern wie China, Russland oder Brasilien auf eine starke Nachfrage stoßen. Der Arbeitskräftebedarf wird deshalb auf mittlere Sicht kaum nachlassen. Zugleich sind aber die Jahrgänge, die neu in den Arbeitsmarkt eintreten, immer schwächer besetzt. Unternehmen mit Rekrutierungsbedarf sind gezwungen, sich verstärkt unter den Arbeitslosen umzusehen. Mit Unterstützung durch die Arbeitsmarktpolitik könnte die Arbeitslosigkeit noch einmal deutlich sinken.

Auch wenn ein gutes Stück Weg noch vor uns liegt, so könnten wir uns doch mit der richtigen Strategie den - zumindest aus Arbeitnehmersicht - goldenen sechziger Jahren durchaus wieder annähern. Dass dies nicht völlig illusorisch ist, dafür können bereits heute einige Gebiete Süddeutschlands als Beleg dienen. So lag in Eichstätt die Arbeitslosenquote im September 2012 bei 1,1 Prozent.

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