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Mythen der Arbeit Die Zeit der Vollbeschäftigung kommt nie wieder - stimmt's?

Arbeitsamt: Das sollten zukünftig immer weniger Menschen von innen sehen Zur Großansicht
dapd

Arbeitsamt: Das sollten zukünftig immer weniger Menschen von innen sehen

Vollbeschäftigung ist etwas für Traumtänzer? Träumen Sie ruhig davon, sagt Arbeitsforscher Joachim Möller: Arbeitslosenquoten von knapp über einem Prozent gibt es in manchen Landkreisen schon heute. Mit der richtigen Politik könnte es das künftig häufiger geben.

Bei traumhaft niedrigen Werten lag die Arbeitslosenquote zumeist in der Bundesrepublik der sechziger Jahre, nachdem man die Nachkriegsarbeitslosigkeit abgebaut hatte. Werte unter einem Prozent waren der Normalfall. Auch während der Rezession von 1966/67, die damals als schwerer Schock empfunden wurde, stieg die Arbeitslosigkeit nur wenig über zwei Prozent. Die Krise war schnell überwunden, und die Arbeitslosenquote lag bereits 1969 wieder unter einem Prozent. Im Land herrschte Vollbeschäftigung.

Doch in den siebziger Jahren wendete sich das Blatt. Von Krise zu Krise kletterte die Arbeitslosigkeit auf immer neue Höchststände. Mitte der neunziger Jahre wurde die Arbeitslosenquote schließlich zweistellig, und das blieb sie dann auch in den nächsten zehn Jahren.

Erst mit den Arbeitsmarktreformen unter Bundeskanzler Gerhard Schröder wurde eine Trendwende eingeleitet. Seit 2006 fällt die Quote, und selbst während der schweren Rezession in den Jahren 2008/2009 stieg sie kaum an. Ab 2010 sank sie erneut, und so liegen wir heute bei knapp sieben Prozent. Das ist zwar der beste Wert seit 20 Jahren, aber von Vollbeschäftigung immer noch weit entfernt.

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Arbeitslosen-Bashing: Auf sie mit Gebrüll!
Der Begriff "Vollbeschäftigung" ist unscharf definiert. Manche sprechen von Vollbeschäftigung, wenn die Arbeitslosenquote unter vier Prozent sinkt, andere setzen diesen Wert bei drei Prozent oder noch darunter an. Klar ist zumindest, dass "Vollbeschäftigung" nicht heißt, dass die Arbeitslosigkeit gegen null geht. Ein gewisser Rest an Arbeitslosigkeit ist unvermeidbar. Wer sein Uni-Examen absolviert hat, wird vielleicht nicht gleich im Folgemonat eine Stelle antreten können. Und wenn durch eine Firmenpleite Beschäftigte arbeitslos werden, braucht es seine Zeit, bis sie einen neuen Arbeitsplatz finden. Dies wird friktionelle Arbeitslosigkeit genannt und gehört zum normalen Arbeitsmarktgeschehen dazu.

Den Glauben an die Vollbeschäftigung verloren

Eine gewisse Suchzeit ist sogar von Vorteil, denn der Zwang zur Annahme des erstbesten Jobangebots könnte bedeuten, dass die Arbeitssuchenden unter ihren Möglichkeiten bleiben. Solange es funktionierende soziale Sicherungssysteme gibt, ist friktionelle Arbeitslosigkeit also kein Grund zur Besorgnis. Ganz anders sieht es aus, wenn die Jobsuche nicht nur wenige Wochen oder Monate dauert, sondern in Langzeitarbeitslosigkeit umschlägt. Das ist seit Mitte der siebziger Jahre leider viel zu oft der Fall. Derzeit verzeichnet die Statistik rund eine Million Langzeitarbeitslose, zweifellos eine schwere Hypothek auf dem Weg zu einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt.

Haben deshalb all jene recht, die behaupten, die Zeiten der Vollbeschäftigung seien endgültig vorbei? Götz Werner zum Beispiel, der Chef der DM-Drogeriemärkte, glaubt nicht an Vollbeschäftigung und wirbt deshalb für ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Die Entwicklung seit 2005 zeigt, dass Arbeitsmarktpolitik durchaus etwas bewirken kann. So ging die Langzeitarbeitslosigkeit zwischen 2006 und 2009 um weit mehr als eine halbe Million Personen zurück. Auch wenn es kein einfaches Unterfangen ist, lässt sich offenbar doch der harte Kern der Langzeitarbeitslosigkeit von den Rändern her aufweichen. Die heutige Gesellschaft ist also keineswegs dazu verdammt, massenhafte Langzeitarbeitslosigkeit einfach als Schicksal hinzunehmen. Allerdings ist Beharrlichkeit gefragt. Fatal wäre es, sich auf den erreichten ersten Erfolgen auszuruhen. Dann rückt das Ziel der Vollbeschäftigung wieder in weite Ferne.

Auf fünf Prozent der Beschäftigten entfällt die Hälfte der Arbeitslosigkeit

Was ist zu tun? Um den Weg zur Vollbeschäftigung weiter zu gehen, muss man bei den Risikofaktoren für Langzeitarbeitslosigkeit ansetzen. Dazu gehören beispielsweise gesundheitliche Einschränkungen, höheres Alter und mangelhafte Integration, vor allem aber fehlende Bildung. Deshalb ist es so wichtig, den Anteil der Schulabgänger zu senken, deren Lese-, Schreib- und Mathematikkompetenz am Ende ihrer Schulzeit gerade mal auf Grundschulniveau liegt. Für diese Personen wird es schwierig, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Und ohne abgeschlossene Berufsausbildung sind die Chancen auf eine dauerhafte Beschäftigung in einem Hochtechnologieland wie Deutschland alles andere als gut. Wer keinen Ausbildungsabschluss vorweisen kann, läuft Gefahr, Zeit seines Lebens zur Hochrisikogruppe derer zu gehören, die immer wieder und möglicherweise dann auch sehr lange arbeitslos werden.

50 Prozent der Arbeitslosigkeit verteilen sich auf nur fünf Prozent der Beschäftigten. Anders gesagt: Die meisten Menschen werden nie arbeitslos, einige wenige dagegen immer wieder. Auf diese fünf Prozent konzentriert sich die Hälfte des Arbeitslosigkeitsvolumens, gemessen in Tagen der Arbeitslosigkeit. Darunter finden sich besonders häufig Personen ohne Berufsausbildung, weitaus seltener Facharbeiter oder gar Hochschulabsolventen. Das Bildungssystem zu verbessern, die Durchlässigkeit zu erhöhen und den Zugang zu einer guten Bildung zu erleichtern - das ist also absolut zentral, wenn wir irgendwann wieder Vollbeschäftigung haben wollen. So sollten etwa die jungen Erwachsenen, die in schlechteren Arbeitsmarktzeiten im ersten Anlauf keine Ausbildungsstelle ergattern konnten, unbedingt eine zweite Chance erhalten.

Ein weiteres Handlungsfeld ist beispielsweise eine gute Standortpolitik, die Hochtechnologie und eine gut ausgebildete Arbeitnehmerschaft als komparativen Vorteil nutzt. Hinzu kommen so unterschiedliche Dinge wie eine Verbesserung der Integration von Migranten, gesundheitliche Prävention und die Ausweitung des Angebots an Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Und nicht zuletzt gehört dazu auch der zielgerichtete Einsatz arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen etwa zur besseren Eingliederung schwer vermittelbarer Personen, zur Förderung von Weiterbildung sowie zur beruflichen und räumlichen Mobilität.

Mittelfristig bestehen gute Aussichten

In den nächsten Monaten wird die Arbeitslosigkeit aufgrund der Euro-Krise wahrscheinlich leicht steigen. Der Anstieg wird aber bereits 2013 zum Stillstand kommen, sofern die Krise nicht eskaliert. Danach stehen die Chancen gar nicht schlecht, dass wir wirtschaftlich gute Jahre erleben und die Arbeitslosigkeit weiter sinkt. Wenn sich der weltweite Investitionsstau auflöst, der durch die Euro-Krise verursacht wurde, ist wieder mit starken Konjunkturimpulsen für die deutschen Exporteure zu rechnen.

Gerade beim exportorientierten verarbeitenden Gewerbe ist Deutschland außerordentlich gut aufgestellt. Hier werden Güter hergestellt, die insbesondere in den wachstumsstarken Schwellenländern wie China, Russland oder Brasilien auf eine starke Nachfrage stoßen. Der Arbeitskräftebedarf wird deshalb auf mittlere Sicht kaum nachlassen. Zugleich sind aber die Jahrgänge, die neu in den Arbeitsmarkt eintreten, immer schwächer besetzt. Unternehmen mit Rekrutierungsbedarf sind gezwungen, sich verstärkt unter den Arbeitslosen umzusehen. Mit Unterstützung durch die Arbeitsmarktpolitik könnte die Arbeitslosigkeit noch einmal deutlich sinken.

Auch wenn ein gutes Stück Weg noch vor uns liegt, so könnten wir uns doch mit der richtigen Strategie den - zumindest aus Arbeitnehmersicht - goldenen sechziger Jahren durchaus wieder annähern. Dass dies nicht völlig illusorisch ist, dafür können bereits heute einige Gebiete Süddeutschlands als Beleg dienen. So lag in Eichstätt die Arbeitslosenquote im September 2012 bei 1,1 Prozent.

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insgesamt 64 Beiträge
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1. Vollbeschäftigung reicht nicht aus
Gondlir 30.10.2012
Es kann nicht das Ziel sein, dass jeder Arbeit hat. Stattdessen sollte es Ziel sein, dass jeder, der Arbeit hat, davon auch leben kann. Da wir davon weit entfernt sind, und es vermutlich auch bei "Vollbeschäftigung" noch nicht erreichen werden, bleibt die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens weiterhin attraktiv.
2. Träumen Sie ruhig weiter!
marthaimschnee 30.10.2012
Die offiziellen Zahlen täuschen inzwischen nicht mehr nur, sie verleugnen den Zustand! Mit den Hartz Reformen hat man sehr erfolgreich Arbeit als Grundlage für Wohlstand sabotiert. Vorher hieß Arbeit, daß man eine gewisse Sicherheit seiner Existenz stabilisiert hat. Das ist heute nicht mehr der Fall, fast 7 Millionen Menschen arbeiten für Löhne, von denen sie nicht existieren können - nichtmal im sozialstaatlich definierten Sinn, noch viel weniger im realen! Offizielle 3 Millionen Arbeitslose kommen dazu, die gar nicht arbeiten. Das sind locker 20% der arbeitsfähigen Bevölkerung! Arbeit zu haben, bedeutet für diese Gruppe nichts wirklich positives, außer daß sie nicht rumsitzen und Däumchen drehen, sind sie genau so beschissen dran, wie ohne Arbeit. Der Zustand hat sich also keinesfalls verbessert, sondern ist dramatisch schlechter geworden. Von den sozialen Auswirkungen der Arbeitslosigkeit, wie man sie bis 2001 definieren konnte, sind heute doppelt soviele Menschen betroffen (wie 2001) und das, obwohl sie überwiegend nicht arbeitslos sind. Außerdem sind die Arbeitslosen ökonomisch gewollt, über sie wird Druck auf die Arbeitnehmer produziert, was wie deutlich an der Lohnentwicklung zu sehen, sehr erfolgreich funktioniert. Wir werden schließlich seit Schröder (eigentlich seit Kohl, aber der hat das nicht so drastisch betrieben) von reinen Wirtschaftsvertretern regiert. Aber hauptsache Export! Schonmal aufgefallen, daß wir nicht einfach nur Wohlstand exportieren, sondern wir exportieren UNSEREN Wohlstand!
3. wenn
jamesbrand 30.10.2012
die Löhne weiter sinken (Lohnverzicht) müste doch eine Arbeitslosenquote von 0,5% zu schaffen sein.
4. Schönschreiberei nenne ich das …
Dr.pol.Emik 30.10.2012
… denn neben den blumigen Worten zu möglichen Konjunkturaussichten und tollen Beispielen aus der Vergangenheit sind noch andere Tendenzen zu beobachten die die Ernte auf dem Arbeitsmarkt generell für Arbeitnehmer verhageln werden. Speziell in Deutschland ist das Lohnniveau insgesamt seit 2000 gesunken, damit liegt Deutschland in Europa auch an der Spitze. Generell wird mehr automatisiert und damit auch immer mehr menschliche Arbeitskraft ersetzt. Dann kommt noch der faule Ruf nach Fachkräften aus aller Welt hinzu. Nicht weil die Qualifikationen hier nicht vorhanden wären? Nein vornehmlich auch zum Lohndumping. Die Agenda 2010 hat analog zu der amerikanischen Entwicklung mehr Jobs gebracht … ja, viele haben drei davon, von den Minijobs. Und am Ende noch die sarkastische Feststellung: Das Humankapital ist inzwischen das Konsumgut des Kapitals, im Überangebot als nachwachsender Rohstoff vorhanden und dazu auch noch ganz zur Freude der Grünen, ökologisch abbaubar. *Optimierung der Volksausbeute* (http://qpress.de/2010/11/02/optimierung-der-volksausbeute/) … versuchen sie es einmal unter diesem Titel zu subsumieren, mal sehen wo dann der ganze Optimismus bleibt. Ja sicher in den Führungsetagen, nur eben nicht bei der verheizten Masse Mensch. Dafür muss irgendwas ganz grundlegend geändert werden. Dazu ist aber unsere derzeitige Mafia-Lobby-Politik nicht willens … ergo auch keine Besserung sondern im Konzert mit der Geld-Systemkrise eher weiter ein Daumen runter Zeichen.
5. Die Zeit der Vollbeschäftigung kommt nie wieder - stimmt's?
Phoenix2006 30.10.2012
In den Wirtschaftsdokumentation auf dem Kulturkanal Arte 1Teil"Dergrosse Reibach" und "Teil"Der Tanz der Geier" wurde die Auswirkungen auf Arbeitnehmer/in mit thematisiert!!! Wieso wurde über einen sehr langen Zeitraum eine Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik der Deregulierung umgesetzt(Stichworte: Einfrieren der Löhne,Zeitarbeit,TeilPrivatisierung der Sozialversicherungen)?
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Zum Autor
IAB
Der Volkswirt Joachim Möller (Jahrgang 1953) ist seit 2007 Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Die Forschungsstelle gehört zur Bundesagentur für Arbeit. In seiner regelmäßigen Kolumne auf KarriereSPIEGEL rückt er falsche Gewissheiten über die Arbeitswelt zurecht.
Die Hartz-Reformen
Arbeitslosengeld I
Anspruch auf Arbeitslosengeld hat, wer
- arbeitslos ist,
- der Arbeitsvermittlung zur Verfügung steht,
- die Anwartschaftszeit erfüllt,
- sich bei der Agentur für Arbeit arbeitslos gemeldet und
- Arbeitslosengeld beantragt hat.
- Die Dauer des Anspruchs hängt von der Länge der versicherungspflichtigen Beschäftigung und vom Alter ab. Die Höchstgrenze sind 24 Monate.
Arbeitslosengeld II
Nach dem Arbeitslosengeld I bekommt man das Arbeitslosengeld II (ALG II) - eine Grundsicherung für erwerbsfähige Arbeitsuchende. Sie ersetzte 2005 die frühere Arbeitslosenhilfe und die Sozialhilfe, sofern es sich um erwerbsfähige hilfsbedürftige Personen handelt. Nichterwerbsfähige oder in sogenannten Bedarfsgemeinschaften lebende Hilfsbedürftige erhalten das geringere Sozialgeld. ALG II und Sozialgeld sind Sozialleistungen, keine Versicherungsleistungen. Sie werden aus Bundesmitteln finanziert.
Hartz IV/SGB II
Mit Hartz IV wird das "Vierte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt" bezeichnet, das zum 1. Januar 2005 in Kraft getreten ist. Die Grundsicherung wird durch das Zweite Buch Sozialgesetzbuch (SGB II) geregelt, das am 1. Januar 2005 in Kraft getreten ist. Beide zusammen regeln das Arbeitslosengeld - im Volksmund wird das Arbeitslosengeld II "Hartz IV" genannt.
ARGE/Jobcenter
Die Arbeitsgemeinschaften (Argen) sind ein Zusammenschluss der Arbeitsagenturen und kommunaler Träger. Sie werden auch Jobcenter genannt und sind für die Betreuung der Hartz-IV-Empfänger zuständig.
Peter Hartz
Peter Hartz wurde 2002 von der damaligen Bundesregierung unter Gerhard Schröder mit der Erarbeitung von Reformen für den Arbeitsmarkt beauftragt.

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