Von Gunthild Kupitz
Die Kuh braucht bloß den Schwanz zu heben, schon sprintet Luise mit einem Zehnlitereimer zum Hinterteil des Tieres. Das gehört zu ihrem Job: Kot auffangen. Und zwar rechtzeitig. Trotzdem geht immer was daneben, das putzt Luise dann mit mehreren Lagen Küchenpapier weg. Bloß keine Flecken auf dem Fell. Die lassen sich selbst durch Schamponieren kaum entfernen."Dieser Job hat viel mit Scheiße zu tun. Das ist einfach so", sagt Luise. "Man bekommt immer wieder Spritzer ins Gesicht, in die Haare oder sonst wohin. Damit darf man kein Problem haben."
Jeden Morgen zwischen vier und sechs muss die Kieler Agrarwissenschaftsstudentin das Milchvieh waschen. Das gehört genauso zum Job wie Füttern, Melken und gelegentlich auch "Fitten": die Schönheitsbehandlung für Rinder und Kühe mit Schermaschine und Föhn, die ansteht, wenn die Tiere bei Messen oder Auktionen bella figura machen sollen.
Seit vier Jahren schon arbeitet Luise Heiden bei solchen Schauen regelmäßig als Tierbetreuerin für das niedersächsische Zuchtunternehmen Masterrind. Immer drei, vier Tage am Stück, immer in 12- bis 18-Stunden-Schichten, immer in künstlichem Licht, mit Pizza vom Lieferservice und Kaffee aus Plastikbechern. 60 Euro gibt's dafür am Tag; wenn sie fittet, etwas mehr.
Viel ist das nicht, aber das macht nichts, Luise tut es ohnehin nicht fürs Geld. "Kühe finde ich absolut faszinierend", sagt die 19-Jährige. "Sie sind sehr intelligent und haben eine unglaubliche Körpersprache. An ihren Ohren kann man zum Beispiel ablesen, wie es ihnen geht. Wenn sie die nach vorn richten, ist alles gut." Schön findet Luise sie sowieso, am allerschönsten die schwarzbunten Holstein-Friesian. "Das ist für mich die eleganteste Rasse."
"Baumelt das Euter am Boden, lässt sich die Kuh nicht mehr nutzen"
Die Schönste der Schönen in der Klasse der Zweitkalbskühe hieß im vergangenen Jahr Shakira; sie wurde unter anderem zur "Miss Sachsen" gekürt. Was Kühe in die Topmodel-Liga aufsteigen lasse, seien ausschließlich funktionale Merkmale, erklärt Luise. "Eine Kuh ist ein Nutztier, das so lange wie möglich eine hohe Leistung bringen soll. Viel Milch eben."
Und dann zählt sie auf: dass der Bauch möglichst groß sein soll ("Je mehr Pansenvolumen sie hat, umso mehr kann sie fressen und umso mehr Milch kann sie produzieren"), dass das sogenannte Fundament gut sein muss ("Die Beine dürfen keine schlechte Winkelung haben, sonst kann das Tier wegen des Gewichts kaum laufen") und dass das Euter möglichst hoch und fest aufgehängt sein soll ("Baumelt es nach drei Kälbern am Boden, lässt sich die Kuh nicht mehr nutzen").
Bis zur neunten Klasse wusste Luise noch nichts von all dem, was Kühe zu Schönheiten macht. Denn aufgewachsen ist sie in einer Neubausiedlung in Freital, einem 40.000-Einwohner-Städtchen am Rande Dresdens. Im Unterschied zu den meisten ihrer Mitschüler absolvierte sie das obligatorische Betriebspraktikum nicht in einem Kindergarten, sondern entschied sich dafür, 14 Tage auf einem Bauernhof mit knapp hundert Milchkühen zu arbeiten, einfach deshalb, weil sie sich an eine schöne Ferienzeit als Kind erinnerte.
Luise schwärmte für Kühe, nicht für Jungs oder Popbands
Von da an verbrachte sie jedes Wochenende in dem Betrieb, half beim Misten, karrte das Futter zu den Trögen, fegte den Stall, rechte Laub. Was eben so anfiel. Ein paar Monate später fuhr sie zum ersten Mal mit Tieren des Landwirts auf eine Messe. Und danach immer wieder.
Als sie dann anfing, für Kühe zu schwärmen statt für Jungs oder Popbands, außerdem Fachzeitschriften las wie "Top Agrar", die "Bauernzeitung" und "Holstein International", "konnte das keine meiner Freundinnen wirklich nachvollziehen", sagt Luise. "Erst recht nicht, als ich später bei Partys irgendwann aufgestanden bin und gesagt habe, ich muss jetzt gehen, ich will um sechs im Stall stehen." Luise lacht. Die Arbeit mit den Tieren habe sie als Ausgleich gebraucht. "Zwei Wochen lang nur in der Stadt zu sein war irgendwann für mich völlig undenkbar."
Ihre Freundinnen hatten es bald akzeptiert, ihre Eltern schließlich auch, nur das Gymnasium nicht. Für die Schauen stellte Luise Anträge auf Freistellung, bekam sie aber nie bewilligt - obwohl sie eine gute Schülerin war. "Da wusste ich, das passt einfach nicht mehr." Also wechselte sie nach der zehnten Klasse zum Berufsschulzentrum für Agrarwirtschaft und Ernährung in Dresden, wählte Agrartechnik als Leistungskurs und legte sowohl das allgemeine als auch ein agrarwissenschaftliches Abitur ab; ihr Schnitt: 1,7.
Vier Tage nur Beine geschoren - "eigentlich unglaublich blöd"
Seit vergangenem Herbst ist Luise in Kiel für den Bachelor-Studiengang Agrarwissenschaften eingeschrieben, sie will sich auf die Fachrichtung Nutztierwissenschaften spezialisieren. Während des Semesters fährt sie oft zu Schauen und Auktionen, was für ihr Studium durchaus hinderlich sei, gibt Luise zu. Einerseits.
Andererseits erwerbe sie durch ihren Job viele praktische Kenntnisse. "Wenn ich in der Uni sitze und wir über die Anatomie einer Kuh reden, dann weiß ich, wo welcher Knochen ist, weil das wichtig ist, wenn man die Tiere für eine Schau fittet." Und weil sie später einmal dort arbeiten möchte, wo sie immer schöne Kühe sehen kann, wie beispielsweise bei einem Zuchtverband, ist sie überzeugt, dass ihr die Erfahrungen der Messen im Lebenslauf durchaus nützlich sein werden.
Dass Rinder und Kühe für die Schauen gewaschen und geschoren werden, fand Luise beim ersten Mal noch völlig verrückt. "Gleichzeitig hat es einen ungeheuren Reiz auf mich ausgeübt - das wollte ich auch können." Also probierte sie auf dem Hof ein bisschen mit Kühen und Schermaschinen herum, besuchte Kurse beim Jungzüchterverein, löcherte die Stars der Szene mit Fragen und wurde irgendwann als Hilfsfitter der Profis eingesetzt. "Bei einer Schau habe ich vier Tage lang nur Beine geschoren. Hundert Kühe und ausschließlich Beine, Beine, Beine. Eigentlich eine unglaublich blöde Arbeit. Man hockt nur auf den Knien und ist von tretenden Tieren umgeben."
Im vergangenen Sommer dann war Luise zur Ausbildung an der internationalen Jungzüchterschule in Belgien. Bei einer dänischen Schau durfte sie schließlich die ersten Tiere komplett allein fitten, kurz darauf auch auf kleineren Veranstaltungen in Deutschland. Gerade erst war sie in Irland, demnächst geht's nach Schottland und anschließend zur dänischen Nationalschau.
Pferde? Laufen doch nur im Kreis herum
"Ich fitte gern. Es ist eine intensive Arbeit mit dem Tier, auf das man dauernd reagieren muss." Drei Stunden und länger dauert die Prozedur. Mit verschiedenen Klingenlängen modelliert Luise die Rippenpartie zu einer Wellenlandschaft, schert den Flaum am Euter kurz, damit die Milchadern kontrastscharf hervortreten, akzentuiert die Feinheit der Beine. Sorgfältig föhnt sie die Haare auf dem Rückgrat zu einem Kamm, schneidet sie gerade, wie mit dem Lineal gezogen: Das ist die sogenannte Topline, sie perfekt zu trimmen die Königsdisziplin. An ihrer Akkuratesse zeigt sich das Können des Fitters.
"Man kann eine Kuh, die genetisch nicht die besten Voraussetzungen hat, nicht durch Fitten in eine Schönheit verwandeln", sagt Luise. "Aber ein paar Platzierungen bei der Beurteilung kann es schon ausmachen." Deshalb wolle jeder Züchter die besten Fitter haben. Und zu denen will Luise auch eines Tages gehören. Unbedingt.
Über Facebook ist sie mit Züchtern auf der ganzen Welt in Kontakt, sie surft auf den Internetseiten von cattle.de oder wwsires.com, einem amerikanischen Unternehmen, das Embryonen und Bullensperma vertreibt, und würde überhaupt am liebsten 24 Stunden am Tag über Kühe sprechen.
Und Pferde? Haben sie nie interessiert, nicht mal mit zwölf. "Kühe sind nun mal Produktionstiere. In der Arbeit mit ihnen sehe ich einfach einen größeren Sinn als mit einem Pferd, das die ganze Zeit nur im Kreis herumläuft."
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