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Von Beruf Drehbuchautor Der Mann, der "Danni Lowinski" erfand

Für den Sender Sat.1 ist die "Danni Lowinski" ein schöner Erfolg. Aber auf welchem Weg kommen solche Serien ins Fernsehen, wer schreibt sowas? Marc Terjung war's. Dem KarriereSPIEGEL erzählte er, wie ein Drehbuchautor denkt, Ideen entdeckt und umsetzt.

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Autor mit juristischen Vorlieben: Marc Terjung

Nein, Anja Emmerich ist er nie begegnet. Auch an das SPIEGEL-ONLINE-Porträt der Kasseler Rechtsanwältin von 2005 kann er sich nicht erinnern, ebenso wenig an einen Text, den später die Nachrichtenagentur dpa über sie schrieb - das versichert Marc Terjung sehr glaubwürdig.

Und doch sind die Parallelen verblüffend: hier die echte Anwältin, dort die Sat.1-Serienheldin "Danni Lowinski", die Drehbuchautor Terjung schuf. Beide verfolgen mit viel Elan und Temperament die gleiche Geschäftsidee. Bei Anja Emmerich war es ab Anfang 2005 ein Stand in einer Kasseler Markthalle zwischen Obst-, Käse- und Gemüseständen. Bei Danni Lowinski, gespielt von Annette Frier, ist es ein Klapptisch in einem Kölner Einkaufszentrum.

Wirbelwind Lowinski nimmt einen Euro pro Minute für die Instant-Rechtsberatung. Das hatte Emmerich im richtigen Leben auch geplant, entschied sich dann für 25 Euro pro Viertelstunde - weil das nicht so "reißerisch und unseriös" wirken sollte. Jung und blond starteten beide, gemeinsam ist ihnen auch das große Herz für mittellose Mandanten.

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Danni Lowinski in echt: Anja Emmerichs Rechtsambulanz
Die erfolgreiche Serie ist nah dran an der Realität - aber wie entstehen solche Geschichten, wie finden sie ihren Weg ins Fernsehen? Im Journalismus ist oft eine Kurzmeldung oder ein Zufallsgespräch der Ausgangspunkt für ein Porträt, ein Interview, eine große Reportage. Filmregisseure, Buch- und Drehbuchautoren arbeiten ganz ähnlich: Die schönsten Storys sind der Wirklichkeit abgelauscht.

Zunächst im Kopf gespeichert, später Idee umgesetzt

Marc Terjung, ein freundlicher Mittvierziger mit Wohnbüro in Berlin-Tiergarten, Blick aufs Kanzleramt inklusive, ist bereits seit gut 15 Jahren auf Drehbücher spezialisiert und hat ein Händchen für Anwaltsserien. Er entwickelte zum Beispiel die Idee für "Edel & Starck", eine Serie um Fälle und Privatleben der Anwälte Felix Edel und Sandra Starck in einer Berliner Bürogemeinschaft. Die vier Staffeln mit je 13 Folgen wurden von der Firma Phoenix Film produziert und liefen von 2002 bis 2005 im Sender Sat.1.

Wer so viel über den Alltag in der Juristerei nachdenkt, hört und schaut genau hin, wenn er etwas Neues aufschnappt. 2005 erschien in Zeitungen und Online-Medien eine Reihe von Beiträgen über "Supermarktanwälte". Ein Wandel des Berufsbildes zeichnete sich ab - weg vom geschniegelten Rechtsanwalt in der schicken Kanzlei, hin zur schnellen Dienstleistung. Seit vielen Jahren schon verzweifeln junge Jura-Absolventen am Arbeitsmarkt und testen neue Geschäftsmodelle, um überhaupt in ihrem Beruf arbeiten zu können.

Manche probierten es auf eigene Faust mit juristischer Verbraucherberatung, andere schlossen sich Anwaltsketten an, die mit Discount-Beratung lockten und sich Plätze in Einkaufszentren suchten: mit Kurzberatungen ab 20 Euro und Schildern wie "Gern auch ohne Termin". Darüber las Marc Terjung Beiträge, auch über das gelockerte Werbeverbot für Anwälte und die Liberalisierung des Berufsrechts durch die EU. "Zunächst habe ich mir das nur gemerkt, aber noch nichts daraus gemacht", erzählt er.

Kaum Raum für deutsche Serien-Eigengewächse

Zwei Jahre später kam der "Edel & Starck"-Produzent mit einer neuen Idee auf ihn zu: eine Serie über eine Junganwältin aus der Unterschicht, die in einer Top-Kanzlei arbeitet und mit den versnobten Kollegen fremdelt. Terjung nahm den Ball auf, spielte ihn zurück, erinnerte sich an die Supermarktanwälte und variierte die Grundidee. Die Unterschichtsanwältin blieb - Ex-Friseurin Danni Lowinski, sehr blond und mit Hang zu bunten Miniröcken. Ihr Serien-Werdegang: Abschied aus dem Friseursalon, Abendschule, Jurastudium, dann bei Kanzleibewerbungen abgeblitzt. Und hinein ins Einkaufszentrum mit Klapptisch und Stoppuhr, mit kuriosen Fällen und Kollegen.

Über Nacht entsteht so eine Serie nicht, sie wächst und gedeiht, bis sie gedreht und nach Jahren ausgestrahlt wird. Terjung schrieb zunächst eine Probefolge und konzipierte später die erste Staffel in einer Autorengruppe. "In den USA arbeiten meist mehrere Autoren in einem Writer's Room an einem gemeinsamen Projekt", so Terjung, "in Deutschland ist das leider nicht üblich, weil es teuer ist." Er konnte aber mit drei Kollegen wegfahren und in Thessaloniki die "Danni Lowinski"-Feinarbeiten vorantreiben. Solche Möglichkeiten würde Terjung sich im Sinne der Drehbuchqualität häufiger wünschen: "Für einen guten Writer's Room braucht man gute Autoren, die exklusiv zur Verfügung stehen."

Es wurde ein Überraschungserfolg. Ausgeprägten Mut beweisen deutsche Fernsehmacher eher nicht: Öffentlich-rechtliche Sender pflegen über Jahrzehnte erfolgreiche Standards, um ihr ältliches Publikum nicht zu verprellen. Ansonsten kopieren sie immer gern das, was bei der privaten Konkurrenz reüssiert. Und die Privaten orientieren sich stark an international erfolgreichen Formaten - lieber eine US-Serie im Sommerschlussverkauf als ein selbstgedrechseltes Experiment, das am Ende möglicherweise krepiert. Viel Raum für deutsche Eigengewächse bleibt da nicht.

Menetekel Quotentod: Notbremse nach nur einer Folge

Auch erfahrene Profis wie Terjung sind vor Flops nie sicher. "Edel & Starck" und "Danni Lowinski", so sehen mehrfach mit Preislametta behängte Sieger aus. Die Verlierer sind nicht fern. Wenig Freude machte Sat.1 etwa "Allein unter Bauern", Terjungs Comedy-Serie um einen verkrachten Außenminister, der nach einem handfesten Skandal im Kuhdorf Kudrow unter Landeiern landet: zu wenige Zuschauer, abgesetzt nach der ersten Staffel 2007. Noch derber war das Aus für "Die Anwälte" mit Kai Wiesinger. Eine einzige Folge sendete RTL 2008 - und zog nach einem Blick auf die Quoten gleich die Reißleine. Die ARD zeigte später alle zehn Folgen, ebenfalls ohne großes Echo.

Umso fulminanter läuft "Danni Lowinski". Drehbuchautor Terjung führt es darauf zurück, dass "die Serie mit dem Klischee der reichen Anwälte bricht und die Hauptfigur auf sympathische Weise kleine Leute vertritt, eine von uns sozusagen". Ein großes Plus sei die Schauspielkunst von Annette Frier, an die er aber beim Drehbuch-Dichten noch nicht dachte. Zum ersten Mal überhaupt wurde eine deutsche Serie auch in die USA verkauft: Mit der Schauspielerin Amanda Walsh hat ein Sender bereits eine Pilotfolge neu verfilmt; ob die Serie tatsächlich ab Herbst im US-Fernsehen läuft, ist aber noch nicht entschieden.

Für Sat.1 wie für Phoenix Film und für Marc Terjung ist das US-Interesse eine schöne Bestätigung. Bei allem Faible fürs Anwaltsgewerbe: Mit den Rechtswissenschaften hatte der Autor nie etwas zu tun und studierte einst an der FU Berlin "Publizistik, Theaterwissenschaften und ähnliche Fächer". Das habe er ohne Abschluss "ausklingen lassen, weil das Schreiben von Drehbüchern interessanter war, als letzte Prüfungen zu machen".

Daneben hat er reichlich amerikanische Serien inhaliert, von "Petrocelli" bis "Ally McBeal", von "Chicago Hope" über "Picket Fences" bis "Boston Legal". Die meisten sind vom Produzenten David E. Kelley, einem gelernten Rechtsanwalt; meist geht es um Moral und Gesetz, um Alltagskomik und Absurditäten des Rechtssystems. Das prägt. Und das erkennt man auch an den Figuren, die Marc Terjung als Serienerfinder und Drehbuchautor in den letzten Jahren entworfen hat.

Jochen Leffers (Jahrgang 1965) ist SPIEGEL-ONLINE-Redakteur.

Mehr in der KarriereSPIEGEL-Themenwoche "Junge Juristen":

Montag - Junge Juristen: Wettbewerb aus der Wohnzimmerkanzlei
Dienstag - TV trifft Realität: Wie echt ist Danni Lowinski?
Mittwoch - Fachjargon-Quiz: Versteh den Anwalt
Donnerstag - Jura-Absolventen: Sklaven der Noten
Freitag - Anwalts-Lexikon: Advokat von A bis Z
Samstag - Brief an junge Juristen: Zehn Sekundärtugenden des Anwalts

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