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Jetpiloten bei der Bundeswehr "Man braucht Aggressivität"

Von Beruf Jetpilot: "Da oben hat man ein Gefühl von Freiheit" Fotos
Luftwaffe/ Thomas Hohlbein

Acht Sekunden bis zum Abheben, 2100 Stundenkilometer Spitze: Rund 80 Piloten fliegen bei der Luftwaffe den "Eurofighter". Wer da mit möchte, muss körperlich topfit sein und einen stabilen Magen haben. Jetpilot Walfried Ramspott hat außerdem sein Testament gemacht.

Es ist kalt an diesem Morgen mitten in der rheinischen Provinz. Die Sonne scheint, kaum eine Wolke am Himmel. "Optimales Flugwetter", sagt Oberstleutnant Walfried Ramspott, 38. In der Ferne kreist ein Hubschrauber, irgendwo knattern die Salven eines Maschinengewehrs. Dann ein Donnergrollen, das schnell noch lauter wird: Ein Kampflugzeug nähert sich. Der Jet sinkt, setzt kurz auf der Rollbahn auf und startet dann mit ohrenbetäubendem Lärm durch. Ramspott nickt zufrieden. Er ist Staffelkapitän des Jagdbombergeschwaders 31 "Boelcke" in Kerpen-Nörvenich.

Seit 2009 fliegt die Staffel eines der modernsten Jagdflugzeuge der Welt. Der "Eurofighter" braucht aus dem Stand rund acht Sekunden, bis er abhebt. Maximale Geschwindigkeit in der Luft: rund 2100 Stundenkilometer.

Derzeit gibt es bei der Luftwaffe 84 "Eurofighter"-Piloten. Die Ausbildung ist teuer, es kostet rund fünf Millionen Euro, einen "Luftfahrzeugführer Eurofighter" auszubilden. Entsprechend hart ist der Auswahlprozess. Jedes Jahr gibt es rund 1600 Bewerber für den fliegerischen Dienst bei der Luftwaffe, davon etwa 200 Frauen. Die wenigsten schaffen es: Dieses Jahr will die Luftwaffe nur 59 Kandidaten einstellen.

Walfried Ramspott hatte nur eine vage Vorstellung, was er nach dem Abitur machen wollte. Als Kind hatte er oft Flugzeugen am Himmel hinterhergeschaut. Geflogen war er nie. Die Eltern fuhren mit dem Auto in den Urlaub, die Mutter hatte Flugangst.

Arbeitskleidung für 125.000 Euro

Dann bekam er die Vorladung zum Kreiswehrersatzamt. Dort stellten die Ärzte fest: Er ist fit. Ramspott wurde zum Büro des Wehrdienstberaters geschickt. Kleine Flugzeugmodelle standen auf dem Schreibtisch. "Wissen Sie, dass man bei uns Pilot werden kann?", fragte der Wehrdienstberater. Wenig später bewarb sich Ramspott. Dass er schon in der Ausbildung ein volles Gehalt haben und sich im Gegensatz zu zivilen Piloten nicht an den Kosten der Ausbildung beteiligen würde, gefiel ihm. Bedenken, Soldat zu werden, hatte er nicht.

Die Auswahlverfahren liefen gut, auch die intensive medizinische Untersuchung. Schlechte Augen, Probleme mit dem Gleichgewichtssinn oder mangelnde Fitness sind Ausschlusskriterien. Bei Ramspott passte alles, 1993 trat er den Dienst an. Nach der Grundausbildung folgte der elfmonatige Offizierslehrgang in Fürstenfeldbruck. Wenig später setzte Ramspott das erste Mal in seinem Leben einen Fuß in ein Flugzeug. Ziel war Goodyear im US-Bundesstaat Arizona. Dort und in Sheppard, Texas, lernte er das Fliegen.

Heute ist Ramspott als Staffelkapitän verantwortlich für 40 Mitarbeiter, bearbeitet bürokratische Vorgänge, schreibt Stellungnahmen und hält Vorträge. An anderen Tagen sitzt er selbst im Cockpit. Das Fliegen, die Abwechslung, die Gemeinschaft der Piloten - das macht für ihn den Reiz des Jobs aus.

Wann es morgens losgeht, richtet sich nach dem Sonnenaufgang. Rund drei Stunden vor dem Start treffen die Piloten ein. Auf den ersten Kaffee folgt eine Wetterbesprechung. Der Einsatzoffizier erklärt, wer heute fliegt, welche Einsätze geübt werden sollen, wer in den Simulator geht oder andere Aufgaben erledigt.

Danach ziehen sich die Piloten um: Der Spezialanzug verfügt über Kammern, die mit Flüssigkeit gefüllt werden - für den Druckausgleich, denn beim Fliegen wirken hohe Beschleunigungskräfte. Helm und Atemmaske werden individuell angepasst. Rund 125.000 Euro kostet so eine Spezialausrüstung.

Schon in Friedenszeiten ein gefährlicher Job

Dann geht es rein ins Flugzeug. In der Luft üben die Piloten, simulieren zum Beispiel Luftkämpfe. "Das zivile Fliegen ist wie Busfahren", erklärt Ramspott. Zivile Piloten flögen viel mit dem Autopilot, "bei uns ist das anders, wir fliegen fast permanent manuell".

Für Ramspott ist die Fliegerei immer noch ein Traum: "Da oben hat man ein Gefühl von Freiheit. Es gibt da kein Büro, nur mich, das Flugzeug und den Auftrag." Gerade im Winter sei es ein gutes Gefühl, in den Jet zu steigen. "Kurz nach dem Start stoße ich durch die Wolkendecke, oben nur Sonne und blauer Himmel. Da fühlt man sich gleich ganz anders", so Ramspott. In einer normalen Woche hebt jeder Pilot zwei- bis fünfmal mit dem Jet ab.

Körperliche Fitness ist wichtig. In der Luft müssen die Piloten einiges aushalten. Zwar helfen Druckanzüge und Atemmaske, dennoch wirken gewaltige Kräfte auf die Piloten. Deshalb gehört ein individuelles Trainingsprogramm zum festen Wochenablauf. Zusätzlich stehen Märsche, Schießübungen oder Sanitätsausbildungen auf dem Programm. Schließlich sind Bundeswehrpiloten normale Soldaten.

Der Beruf ist nicht ungefährlich. In den sechziger Jahren stürzten zahlreiche Jagdflugzeuge der Luftwaffe ab. Viele Piloten verloren ihr Leben, auch in Nörvenich. Ein "Eurofighter" ist in Deutschland bislang nicht abgestürzt. Nicht so in Spanien, 2002 stürzte dort ein Prototyp ab, die Piloten konnten sich retten. Acht Jahre später verunglückte eine weitere Maschine, der Co-Pilot starb.

"Wir gehen nicht dorthin, weil wir kämpfen wollen"

Wenn Piloten sich den ganzen Tag Gedanken über die Risiken machen würden, könnten sie es gleich lassen. "Wir haben ein gewisses Risiko, das aber beherrschbar ist aus meiner Sicht", sagt Ramspott. Natürlich könne schon im täglichen Betrieb etwas passieren. Aber das gelte auch für Kraftfahrer auf der Straße. Ein Pilot müsse risikobereit sein, ein "gewisses Maß an Aggressivität" mitbringen. Etwa im Luftkampf gegen gegnerische Flugzeuge. Auch das gehört zum Beruf des Soldaten: Die Konsequenz des eigenen Handelns kann schlimmstenfalls bedeuten, dass Menschen sterben.

Im Jahr 2009 musste Ramspott nach Afghanistan. Mit einem mulmigen Gefühl stieg er in den Transporter. Vorher hatte er eine Patientenverfügung und sein Testament aufgesetzt. So empfiehlt es die Bundeswehr vor Auslandseinsätzen. "Das war kein einfacher Moment", sagt er.

Trotzdem ist er sich seiner Sache sicher: "Wir gehen nicht dorthin, weil wir kämpfen wollen. Sondern um zu helfen." Es könne Fälle geben, in denen Gewalt gerechtfertigt sei. "Wenn ich angegriffen werde, muss ich mich verteidigen. Wenn die Bevölkerung unterdrückt wird, muss ich erst mal für Sicherheit sorgen, damit ich helfen kann", sagt Ramspott. Eine endgültige Antwort über Richtig und Falsch gebe es aber nicht.

Diese ethischen Fragen müssten sich Soldaten stellen, noch vor dem Einstieg bei der Bundeswehr. Sie müssten auch davon ausgehen, dass es irgendwann in den Auslandseinsatz geht. Wer dazu nicht bereit sei, sagt Ramspott, "der hat den falschen Beruf".

  • KarriereSPIEGEL-Autor Christopher Krämer (Jahrgang 1982) ist Redakteur bei harvardbusinessmanager.de und freier Journalist in Hamburg. Zuvor hat er in Köln und Edinburgh studiert und die Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft absolviert.

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insgesamt 18 Beiträge
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1.
membot 26.03.2012
Zitat von sysop2100 Stundenkilometer? Kein Problem: 2100 Stunden für 1 Kilometer. Oder meint unser Journalist vielleicht den Quotienten "km/h", der üblicherweise als Einheit für die Geschwindigkeit herangezogen wird. Merke: Physik macht auch vor dem Journalismus nicht halt.
Die Gesellschaft für deutsche Sprache sagt dazu: ---Zitat--- Hiermit wird die vorliegende sprachliche Problematik m. E. richtig dargestellt. Es ist nicht nur »erlaubt«, die Zusammensetzung Stundenkilometer zu wählen, sondern durchaus richtig und angemessen. Pedanterie, die annimmt, ein bestimmter Sachverhalt müsse sich in einem und nur einem bzw. einem fixierten sprachlichen Ausdruck niederschlagen, führt, von streng terminologischer Definitionsarbeit abgesehen, zu nichts. ---Zitatende--- Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS): Stundenkilometer (http://www.gfds.de/sprachberatung/fragen-und-antworten/uebersichtsseite/stundenkilometer/)
2. ----
superbiti 26.03.2012
Zitat von membotDie Gesellschaft für deutsche Sprache sagt dazu: Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS): Stundenkilometer (http://www.gfds.de/sprachberatung/fragen-und-antworten/uebersichtsseite/stundenkilometer/)
irgendein mitarbeiter der gfds hat irgendeine meinung dazu. na und? diese ist nicht bindend oder steht das irgendwo? die anti-beispiele im text sind absurd und an den haaren herbeigezogen und einmal falsch ist keine entschuldigung oder gar eine gesetzgebung für immer alles falsch! die normative kraft des faktischen, so heisst es ja so schön, ist mal wieder stärker als das, was richtig ist. stundenkilometer ist dem allgemeinen sprachgebrauch aus unwissenheit oder faulheit entlehnt und schlicht und ergreifen falsch! mehr nicht.
3. Rechtschreibung
schlonzbob 26.03.2012
Zitat von superbitistundenkilometer ist dem allgemeinen sprachgebrauch aus unwissenheit oder faulheit entlehnt und schlicht und ergreifen falsch! mehr nicht.
Genau. Es würde ja auch niemand auf die Idee kommen, in seinen Beiträgen aus Unwissenheit oder Faulheit ausschließlich inkorrekte Kleinschreibung zu verwenden oder die Rechtschreibprüfung auszuschalten.
4. GfdS
kxyzane 26.03.2012
Zitat von membotDie Gesellschaft für deutsche Sprache sagt dazu: Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS): Stundenkilometer (http://www.gfds.de/sprachberatung/fragen-und-antworten/uebersichtsseite/stundenkilometer/)
Natürlich kenne ich den Begriff "Stundenkilometer", empfinde ihn aber zumindest im geschriebenen Wort auch als falsch. Der Kommentar der GfdS ist wohl auch mindestens unzutreffend, weil die Beispiele eigentlich alle gegen die Nutzung von "Stundenkilometer" für "km/h" sprechen: Bei den dort beispielhaft angeführten Einheiten "Kilopondmeter", "Kilowattstunde" und "Amperestunde" werden ja gerade (wie üblich) die Wortbestandteile durch Multiplikation verknuepft, anders als beim deshalb missverständlichen "Stundenkilomter".
5. Dem Himmel so nahe
nomadas 26.03.2012
100 Jahre Wernher v. Braun - der Raketenmann meinte schon damals, er habe da oben Gott nicht gesehen. Und wie göttlich müssen sich die Jetpiloten fühlen, wenn sie über allem düsen? Eine winzig kleine Elite hat für ein paar wenige Jahre ein absolut exklusives Leben, wie sonst kein einziger Mensch auf der ganzen Welt. Wau, das ist doch was, mein Gott! Sie werden gezüchtet, gehütet, wie ein Augapfel, von den Mächtigen und Reichen dieser Welt. Sie bekommen das affengeilste Spielzeug, das es überhaupt gibt: einen Jet - quasi ganz für sich allein. Was für ein Selbstbild müssen sie wohl haben? Was für ein Lebensgefühl muss es wohl sein, weit weg vom Leben eines einfachen Erdenbewohners zu sein? Nur eines ist ihnen aber auch klar: der Tod ist immer ganz nah dabei. no risk no fun. Eine Neiddebatte erübrigt sich wohl in diesem ganz speziellen Falle. Und wenn der Befehl zum Töten kommt, muss man es eben auch tun. Herr über Leben und Tod sein. Ja, ein bißchen Gott spielen, ganz da oben, in seiner Nähe, das hat schon was!
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