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27. März 2012, 12:43 Uhr

Unterwegs mit einem Luftarchäologen

Ein Chinese fliegt übers Ruhrgebiet

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Die Lufthoheit über dem Ruhrpott hat ein Chinese. Mit einer Cessna sucht Baoquan Song Spuren der vergangenen Jahrtausende, eine Karte braucht der Luftarchäologe längst nicht mehr. Bei überraschenden Entdeckungen schießt ihm das Adrenalin in die Adern: "Man möchte schreien in so einem Moment."

Seit Baoquan Song das eine oder andere Mal sein Flugzeug nach einer Tour säubern musste, ist er umsichtiger geworden. "Bitte genieren Sie sich nicht, ich habe Tüten dabei", mahnt er, während er seinen Renault zum Flugplatz bei Marl steuert. Eine halbe Stunde dauert die Fahrt vom Büro im Archäologischen Institut der Ruhr-Universität Bochum, dann steigt Song aus seinem Wagen, schultert seine Fototasche und geht voran auf den Flugplatz.

Baoquan Song, 50, ist Luftarchäologe, einer von nur zehn in Deutschland. Seine akademische Ausbildung hat der Chinese in Bochum absolviert, er kennt das Ruhrgebiet nach langen Flugtouren wie nur wenige. Sein Arbeitsplatz ist das Cockpit einer Cessna vom Typ F 172 M, Kennnummer D-EECM, Baujahr 1976. Songs Interesse gilt den Spuren, die Bewohner der Region in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden auf den Wäldern, Äckern, Wiesen hinterlassen haben. Dazu braucht er einen geschulten Blick und viele, viele Flugstunden: Manche Geheimnisse werden nur sichtbar, wenn die Sonne tief steht, andere nur, wenn Schnee liegt.

An diesem milden Märzvormittag weht der Wind leicht von der Seite, die Wolken hängen hoch. "Die Sonne könnte ein bisschen stärker scheinen", sagt Song. Der Forscher rollt seine Maschine auf die Startbahn, beschleunigt und hebt ab. "Wenn Ihnen kalt wird, sagen Sie Bescheid. Wir haben eine Heizung hier drin", sagt er übers Headset.

Der Autopilot lenkt, Song fotografiert

Nach wenigen Minuten hat er sein erstes Ziel an der Grenze zum Münsterland erreicht. Nummer 46 auf der Karte, die Song von Zeit zu Zeit zur Hand nimmt, um sich der richtigen Route zu vergewissern. In 600 Metern Höhe und bei knappen 200 Kilometern pro Stunde sagt er: "Ich mache jetzt das Fenster auf." Der kalte Windstoß zerrt am Gepäck auf der Rückbank.

Die Maschine kreist mit Hilfe des Autopiloten um ein paar Felder, die Songs Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Mit der teuren Kamera beugt er sich aus dem Fenster, schaut herunter, fotografiert: "Sehen Sie das? Drei Kreise, da vorn, das war mal eine Burg. Ich zeig' mal mit der Tragfläche drauf", sagt er und schwenkt das Flugzeug zur anderen Seite. Mit ein wenig Fantasie lassen sich auf dem Boden tatsächlich drei konzentrische Kreise erkennen. Sie zeigen, wo Burggraben und -wall die "Schwatte Borg" bei Dorsten vor gut 1000 Jahren vor Angreifern schützen sollten.

Song lässt die Überreste der Burg hinter sich und fliegt weiter Richtung Ruhrgebiet. Eine dünne Dunstglocke liegt über dem riesigen Ballungsgebiet. Auch wenn die Siedlungsdichte hier sehr hoch ist - der Luftarchäologe entdeckt stets neue Fundstellen: "Ich bin immer gespannt, ob ich etwas Neues sehe, auch wenn Fliegen mittlerweile Routine ist." Den Luftraum hat er schon so häufig abgegrast, dass er sich ohne Navi oder GPS orientieren kann, auch die Karte braucht er kaum, "ich kenne das Gelände".

"China ist noch nicht so weit"

"Da vorn ist der Rhein, dieses flache Band am Horizont", erklärt Song, während er die Cessna weiter gen Westen lenkt und zwischendurch ein paar Runden dreht. Hat er wieder etwas entdeckt? Nur einen Vogelschwarm - "das ist ein richtiges Naturschauspiel". Vor Duisburg kann man die roten Hosen eines Golfspielers erkennen, eine halbe Flugminute weiter duckt sich eine alte Burg in den Schatten eines Kraftwerks, das dichten Dampf ausspuckt - ein wenig zu dicht für Songs Geschmack. Der weiße Schleier behindert die Sicht auf die Burg.

Nicht nur Abgase machen Luftarchäologen das Leben schwer. Im Ruhrgebiet liegen viele archäologische Schätze unter Beton und Asphalt begraben. In seiner Heimat China warten noch viele historische Stätten darauf, entdeckt zu werden. Vielleicht sogar von Song? Irgendwann einmal möchte er dorthin zurück, er sei "in der Warteschleife". Den Grundstein für die chinesische Luftarchäologie hat er längst gelegt: Song kam als Staatsstipendiat nach Deutschland, studierte und promovierte in Bochum. Nach zehn Jahren ging er zurück in sein Heimatland und bekam am chinesischen Nationalmuseum freie Hand, ein eigenes Zentrum für Luftbildarchäologie aufzubauen.

Doch was aus wissenschaftlicher Sicht klug sein mag, gefällt dort längst nicht jedem. Die allgemeine Luftfahrt ist in China liberalisiert - auf dem Papier. In der Praxis macht der strenge und unnachgiebige Wille des chinesischen Militärs Luftarchäologie so schwer, dass Song sich sagte: "Halt, stopp. China ist noch nicht so weit."

Auf den Spuren der alten Römer

Zurück in Deutschland nahm er eine Stelle an der Ruhr-Uni an und stieg wieder selbst ins Flugzeug, statt nur Archivbilder auszuwerten. Da hatte Song es wieder, das Adrenalin, das ihm in die Adern schießt, wenn er Verschollenes nach Jahrhunderten wieder entdeckt. "Man möchte schreien in so einem Moment", sagt er.

Song erinnert sich an einen Fund bei Xanten am Niederrhein. Um die Wasserversorgung ihrer Bäder zu gewährleisten, mussten die Römer Bäche umleiten. Doch was taten sie, wenn sie eine Steigung zu überbrücken hatten? Viele Jahre suchten Archäologen vergeblich nach der Lösung dieses Rätsels.

Im Sommer 2007 hatte Song Glück. Er überflog das Gebiet und entdeckte, dass das junge Getreide in regelmäßigen Abständen tiefer gefärbt war - wie Perlen an einer Kette markierten diese Bewuchsmerkmale Standorte von Pfeilern, die ein Aquädukt getragen hatten, eine Art Brücke für eine Wasserleitung. Dieser Fund mit der Nummer L4304C74 war eine kleine Sensation, erklärt er bescheiden.

Solche Entdeckungen sind die Ausnahme. Von Duisburg geht der Flug jetzt nach Oberhausen, am Horizont ist Düsseldorf zu sehen. Song dreht eine Runde über dem ehemalige Essener Domizil der Krupps, die Villa Hügel. Noch schnell ein Foto der Uni in Bochum, dann kommt auch schon der Flugplatz in Marl ins Blickfeld. Baoquan Song, der Chinese mit Luftfreiheit, setzt die Cessna sicher auf. Ist das Fliegen noch etwa Besonderes für ihn? "Es ist ein Werkzeug", sagt er, "aber Spaß macht es trotzdem. Vor allem, wenn ich über lange Staus fliege."

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