ThemaBerufeRSS

Alle Artikel und Hintergründe


  • Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Von Beruf Monsterologe Godzilla, Gaddafi und andere Ungeheuer

Exzentrische Forschung: Matthias Burchardt ist "Monsterologe" Zur Großansicht
DPA

Exzentrische Forschung: Matthias Burchardt ist "Monsterologe"

Lehrerausbilder an der Kölner Uni, das geht als unauffälliger Job durch. Aber das Spezialgebiet hat es in sich: Matthias Burchardt nennt sich "Monsterologe". Der Bildungsforscher interessiert sich für besondere Gestalten aus Kultur, Politik, Geschichte - vom Werwolf bis zu Schreckensherrschern.

Auf den ersten Blick wirkt das Büro von Matthias Burchardt ganz normal. Ein Bücherregal an der Wand, am Fenster ein Computer, Papierstapel auf den Tischen. Schnell entdeckt der Besucher aber auch anderes: Arme von Schaufensterpuppen in der Ecke und an der Wand skurrile Fotos. Die Büroeinrichtung des Bildungsphilosophen ist exzentrisch - genauso wie sein bevorzugtes Forschungsfeld: Burchardt bezeichnet sich als Monsterologe.

Dabei geht es, wie er betont, nicht nur um Fabelwesen, Krümelmonster oder King Kong: "Das Monster ist ein Vergrößerungsglas auch für kulturelle Gemütslagen und Weltdeutungen." Während er das sagt, drückt er ein Kuschelmonster an sich.

Ein Monster kann alles Mögliche sein, nur nicht normal. Es ist vor allem deshalb Monster, weil es anders ist und von der Norm abweicht. "Jesus war in den Augen seiner Zeitgenossen ein Monster, weil er versucht hat, einer bestimmten alten Ordnung ein Ende zu bereiten. Er wurde dafür hingerichtet."

Burchardt ist Bildungsforscher am Pädagogischen Seminar der Uni Köln. Vor einem Jahr entschloss er sich, Monster zu seinem Spezialgebiet zu machen. "Anlass dafür war meine kindliche Neugierde und die eigene Faszination am Thema, nicht zuletzt angefacht durch Bücher und Filme, mit denen meine Kinder mich in Kontakt gebracht haben", erklärt der 44-jährige.

Mit der Zeit verlieren Monster ihren Schrecken

Einen praktischen Nutzen für die angehenden Lehrer, die er ausbildet, sieht er aber auch: Sie müssten schließlich in besonderem Maße bereit sein, sich auch mit Kindern und Jugendlichen auseinanderzusetzen, die von der Norm abweichen. "Sie sollen sensibilisiert werden für Fragen der Toleranz."

Eine Spielerei sei sein Thema nicht, vielmehr hochpolitisch. Das Monster werde schließlich immer wieder bemüht, um politische Meinungen und Handlungsweisen durchzusetzen. Zum Beispiel bei umstrittenen Herrschern wie Muammar al-Gaddafi: Lange Zeit sei der für den Westen "okay" gewesen, seit kurzem werde er zum Monster hochstilisiert. "Deshalb ist die Frage: Ist jemand an sich ein Monster, oder wird er zum Monster gemacht durch Mediendiskurse oder politische Interessen?"

Wenn Burchardt erzählt, wirkt er keineswegs exzentrisch, eher wie ein typischer Pädagoge. Sehr strukturiert, sozusagen. Aber zur Hochform läuft er auf, wenn es um die Deutung von klassischen Monstern geht. So wie bei Godzilla, einem japanischen Filmungeheuer aus den fünfziger Jahren: "Die Japaner verarbeiteten mit Godzilla die Lage eines verängstigten Landes, das von einer Übermacht, sprich Amerika, durch die Atombombe bedroht war."

Heute wirkt Godzilla nur noch niedlich. Und auch das ist typisch für Monster: Mit der Zeit verlieren sie ihren Schrecken. Burchardt weiß noch, welche Angst er als Kind vor dem Krokodil im Kasperletheater hatte. Heute sind Kinder durch die Medien an ganz andere Sachen gewöhnt.

Von Benno Schwinghammer, dpa/jol

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsleben
RSS
alles zum Thema Berufe
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen



Verwandte Themen
Fotostrecke
Schräge Diplomarbeit: Die Führer-"Titanic"


Social Networks