Jennifer Dörk steckt ihre Hand in den leblosen Körper eines Uhus, schabt mit dem Messer ein Stück Fleisch vom Beinknochen und lässt es in einen Eimer fallen. Sie schaut durch den faustgroßen Schlitz in der Bauchgegend. Dann legt sie die leere gefiederte Hülle auf den Tisch, breitet die Flügel aus, streicht die Federn sorgsam glatt.
"Ich wusste schon früh, dass ich niemals mit lebendigen Tieren arbeiten kann", sagt sie. "Da habe ich zu viel Mitleid." Dann hält sie kurz inne - und lacht. "Ja, klingt seltsam, ist aber nun mal so: Ich könnte nie ein Tier einschläfern."
Jennifer Dörk, 32, ist Tierpräparatorin. Und kennt alle Vorurteile: "Viele denken, das sind schrullige, alte, einsame Männer mit einer perversen Neigung zu toten Tieren. Quatsch!" In Bochum betreibt sie mit ihrem Kollegen Michael Hesse eine Tierpräparationsfirma in Waltrop, einem ländlichem Dorf im Ruhrgebiet. Ihre Nase umzingeln ein paar Sommersprossen, die schwarzen Haare hat sie zum Zopf gebunden.
Gestern hat Dörk fünf Stunden lang das Fett des Uhus abgekratzt, "alles, was gammelt, muss weg". Fett wird ranzig, löst die Haut auf und lockt zudem Insekten an, die das Präparat nach und nach auffressen. Von Chemikalien gegen Motten hält sie wenig: "Das meiste Begiftungszeug ist nicht wirklich giftig, sondern entzieht der Haut eher Flüssigkeit. Früher benutzte man Arsen, doch da ist der Präparator vielleicht 40 geworden - und der Kunde auch nicht viel älter."
"Manche Haustierbesitzer weinen am Telefon"
Schon antike Kulturen haben tote Lebewesen konserviert ( siehe Fotostrecke). Bekannt sind etwa die Menschen- und Katzen-Mumifizierungen der alten Ägypter. Auslöser für modernere Präparationstechniken waren die Forschungsreisen von James Cook im 18. Jahrhundert und die Expedition von Charles Darwin auf die Galapagos-Inseln 1835. Beide wollten mitgebrachte Tiere auch nach deren Tod untersuchen können - und gaben sie in die Hände von Präparatoren.
Die waren wenig zimperlich: Sie weideten die Tiere aus und stopften Baumwolle oder Stroh in die Haut. "Ausstopfen", das hören Jennifer Dörk und ihre Berufskollegen nicht gern. "Wir stopfen nicht mehr aus, sondern benutzen Formen", sagt sie mit einer gelben, rundlichen Plastik in den Händen, die an Organmodelle aus dem Bio-Unterricht erinnert. Firmen verkaufen solche Formen vorgefertigt - zumindest von Tieren, die massenweise präpariert werden: Füchse, Dachse, Adler. Jagdwild also.
Vor sieben Jahren präparierte sie den Yorkshire-Terrier eines Bekannten. "'Mach bloß keine Haustiere', hieß es immer", das sei keine Arbeit für Profi-Präparatoren, erzählt Dörk. Und: Haustiere riechen einfach anders. "Das machen die ganzen Medikamente heutzutage. Außerdem haben Haustiere viel mehr Fett an den Knochen." Besonders schlimm seien Tiere, die an einer Krankheit verendeten. "Wenn die ganz verkrebst sind, schlägt einem beim Aufschneiden eine schwarze, stinkende Wolke entgegen."
Das alles störte Jennifer Dörk nicht. Bald berichteten Fernsehsender über ihre Arbeit, weitere Haustierbesitzer meldeten sich. Heute hat sie Kunden bundesweit und präpariert 50 bis 80 Haustiere jährlich, etwa ein Viertel ihrer Aufträge. Manchmal ist es eine schwierige Arbeit. "Ein Jäger schmeißt einfach seinen Fuchs auf den Tisch und sagt 'Mach mal'! Manche Haustierbesitzer weinen am Telefon. Da muss man sich Zeit nehmen - und die nimmt sich nicht jeder", erzählt sie.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL | RSS |
| alles aus der Rubrik Berufsleben | RSS |
| alles zum Thema Handwerk | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH