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Erste Hilfe Karriere Wie ist der bloß Chef geworden?

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Corbis

Im Verteidigungsmodus: Mancher Chef ist einfach fehl am Platz

Mäßige Mitarbeiter werden so lange befördert, bis es nicht mehr weitergeht: also ins Management. Darunter leiden Kollegen, Kunden und die frischgebackenen Führungskräfte selbst: Oft starten sie als Fachmann, auf dem Chefsessel verkommen sie zum Schwachmann.

Gabelstapler führen? Das darf nicht jeder in Deutschland! Man besucht Kurse, legt eine Prüfung ab. Damit keine Paletten abstürzen, keine Menschen überrollt werden.

Mitarbeiter führen? Das darf jeder in Deutschland. Man besucht keine Kurse, braucht keine Qualifikation. Weshalb Führungskräfte oft den falschen Kurs einschlagen. Und Mitarbeiter unter die Räder kommen.

Jeder rostige Gabelstapler wird professioneller geführt als die Mitarbeiter. Die meisten Vorgesetzten kommen in ihr Amt ohne Vorbereitung und ohne Qualifikation. Sie fallen als Meister vom Himmel. Die Mitarbeiter werden zu Versuchskaninchen, die Führung gerät zum Experiment, und nicht selten endet es wie im Chemieunterricht: mit einem lauten Knall.

Die mangelnde Ausbildung der Chefs ist der erste Fehler im System, der zweite sind die Beförderungskriterien. Beliebteste Frage: "Wie ist ausgerechnet der bloß Chef geworden?" Eine originelle Antwort liefert der Amerikaner Scott Adams, ein chefgeschädigter Angestellter, der sich anstelle einer Psychotherapie für das Schreiben humorvoller Büchern entschied. Sein Dilbert-Prinzip besagt: Unfähige werden dorthin befördert, wo sie den geringsten Schaden anrichten können: ins Management.

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Dieser These kann man heftig widersprechen: Was heißt "geringster Schaden"? Mancher Chef hinterlässt eine Schneise der Verwüstung. Und dieser These kann man eifrig zustimmen. Der US-Pädagoge Laurence Peter hat in den sechziger Jahren das Peter-Prinzip geprägt: Danach steigt in einer Hierarchie jeder so lange auf, bis er die Stufe seiner Unfähigkeit erreicht hat. Der Fachmann wird zum Schwachmann.

Ein Beispiel ist Patrick Sanders (34), Buchhalter in einer großen Werft. Seine Fachkompetenz war bei den Kollegen anerkannt. Er galt als Meister der kreativen Buchhaltung, als Herr des Dschungels der deutschen Steuergesetze. In seine Arbeit war er gewöhnlich so vertieft, dass die Kollegen es längst aufgegeben hatten, ihn in ihre Gespräche einzubinden - nur bei Fachfragen schaute er kurz vom Bildschirm auf, immer mit dem unwirschen Blick eines Mannes, der zum Auftauchen aus der Tiefsee seiner Arbeit gezwungen wurde.

Kümmerliche Kommunikation

Ende 2006 ging der Leiter des Rechnungswesens in Rente. Patrick Sanders galt als kompetent und fleißig - er wurde zum Leiter des Rechnungswesens befördert. Die Glückwünsche wehrte er ab wie lästiges Ungeziefer. Die Idee, eine Sitzung einzuberufen, um seine Vorstellungen als Chef zu erläutern, lag ihm so fern wie ein Steuergeschenk an den Staat.

Rund um die Uhr kniete er sich in die Details des Steuerrechts und brütete über Bilanzen. Mitarbeiterführung? Nebensache!

So wenig er sich um die Menschen kümmerte, so sehr bekümmerten ihn ihre Arbeitsergebnisse. Die ganze Abteilung sollte fachlich sein Niveau erreichen. Er blätterte in Aufstellungen, legte seine Stirn in Falten, korrigierte mit dem Rotstift. An jedem Vorgang fand er winzige Mängel. Sogar erfahrene Betriebswirte kamen sich wie begriffsstutzige Schüler vor, die ihre Hausaufgaben vorlegten. Es gab schlechte Noten.

Nach ein paar Wochen stieg unter den Mitarbeitern die Gleichgültigkeit: Warum noch mit der alten Gründlichkeit arbeiten? Der neue Chef kontrollierte ja doch alles. Und fand ohnehin Fehler.

"Ich selbst habe meinen Urlaub auch immer verschoben"

Weil die Mitarbeiter nachlässiger wurden, fand Sanders tatsächlich mehr Fehler. Weil er mehr Fehler fand, kontrollierte er öfter. Und weil er stundenlang kontrollierte, sahen ihn die Wachleute jetzt nach 22 Uhr vom Hof gehen.

Er fühlte sich überfordert, war sauer auf die Mitarbeiter. Seine Nerven lagen blank. Einem Familienvater, der schon eine Reise gebucht hatte, strich er die zweite Urlaubswoche. Er sagte: "Ich selbst habe meinen Urlaub bei Arbeitsengpässen auch immer verschoben."

Der Frust über den neuen Chef schlug in Wut um. Zu Beginn galt er als überfordert, jetzt war die Bewährungszeit vorbei. Seine Mitarbeiter hielten ihn für unfähig.

Als Fachkraft spitze, als Chef ein Witz

Irrten sie? Nein! Der Chef kontrollierte, statt zu vertrauen. Er korrigierte, statt Wissen aufzubauen. Er nahm sich als Maßstab, statt die Bedürfnisse der Mitarbeiter zu beachten. Das Führungsexperiment war gescheitert, wurde aber auf Kosten der Mitarbeiter fortgeführt.

So geht es oft. Als Fachkräfte waren die Beförderten spitze, als Führungskräfte sind sie Witze. Sie können mit Zahlen umgehen, mit Maschinen, mit Sprache oder mit chemischen Elementen - aber sie haben keinen blassen Schimmer davon, wie man Menschen führt.

Wahrscheinlich bräuchte man einen Gabelstaplerfahrer, natürlich mit Ausbildung, um die Inhaber der Unternehmen auf folgende Erkenntnis zu heben: Eine Firma kann immer nur so gut sein, wie es die Mitarbeiterführung und vor allem die Ausbildung ihrer Vorgesetzten ist. Aber wollen die Inhaber dorthin überhaupt gehoben werden? Man könnte ja auf die Idee kommen, sie nach ihrer eigenen Führungsqualifikation zu fragen.

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insgesamt 25 Beiträge
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1. Das Glück, andere erfolgreich zu machen
rolfbrunner@live.de 02.04.2012
Zitat von sysopMäßige Mitarbeiter werden so lange befördert, bis es nicht mehr weitergeht: also ins Management. Darunter leiden Kollegen, Kunden und die frischgebackenen Führungskräfte selbst. Oft starten sie selbst als Fachmann. Auf dem Chefsessel verkommen sie zum Schwachmann. Erste Hilfe Karriere: Wie ist der bloß Chef geworden? - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,824913,00.html)
Es ist nur natürlich, dass man sich erst mal als Fachmann im Unternehmen profiliert. Aber schon mein erster Vorgesetzter hat die Aufgabe mich auch als potentielle Führungskraft zu checken. Dafür braucht er ein Anforderungsprofil für meine Führungsqualitäten. Also z.B. Bin ich der Meinung, dass unsichere Mitarbeiter sich leichter führen lassen? Muss ich als Vorgesetzter alles besser wissen und können? Arbeite ich lieber selber oder kann ich andere zum arbeiten motivieren? Bin ich glücklich wenn andere erfolgreich sind? Habe ich Führungsgrundsätze, also eine Vorstellung von dieser Aufgabe als etwas Eigenständigem? Es erstaunt mich als ehemaligem Führungstrainer schon ein wenig, dass -nach diesem Artikel zu urteilen- Delegation von Verantwortung in manchen Unternehmen immer noch ein Fremdwort sein soll. Ich jedenfalls bin mit 36 "ausgestiegen" nachdem ich erleben durfte wie z.B. Eigentümerunternehmer "in den Sielen" oder nachdem sie mühselig "entmachtet" wurden, starben. Und in gewisser Weise waren sie selbst schuld. Sich rechtzeitig eine Lebensaufgabe suchen die auch im Alter Nachhaltigkeit und Erfolgserlebnisse bringt, das wird immer Wichtiger.
2. Vitamin B
Käfer63 02.04.2012
Zitat: "Beliebteste Frage: "Wie ist ausgerechnet der bloß Chef geworden?..." Die Antwort: Vitamin B. Anders und einfacher kann man es in vielen Fällen einfach nicht beschreiben. Ein Beispiel: Einer meiner besten Freunde ist Lehrer. Der dortige Schulleiter gilt im gesamten Kollegium als Niete. Wie er diesen Job bekommen hat? Ganz einfach. Der Schulleiter ist ein Jagdkumpan eines in Deutschland amtierenden Ministerpräsidenten. Noch Fragen? Anderes Beispiel, Opel. Auch hier arbeitet seit einigen Jahrzehnten ein guter Freund von mir. Wer dort alles in den vergangenen Jahren in seiner oder den angegliederten Abteilungen in die Position des Abteilungsleiters gehoben wurde, das läßt sich ebenfalls nicht mit fachlicher Kompetenz erklären. Wo man sich früher intern "hochgearbeitet" hat, werden heutzutage Studienabgänger auf solche Posten gesetzt, die von Tuten und Blasen, sprich in dem Fall der Produktion, keine Ahnung haben, aber ganz toll mit Zahlen, Flipcharts und Powerpoint-Präsentationen umgehen können. Daher läßt sich auch erklären warum in Deutschland so viele Menschen innerlich gekündigt haben und reinen Dienst nach Vorschrift machen, bei solchen Chefs...... :-(
3.
Aquifex 02.04.2012
Zitat von sysopMäßige Mitarbeiter werden so lange befördert, bis es nicht mehr weitergeht: also ins Management. Darunter leiden Kollegen, Kunden und die frischgebackenen Führungskräfte selbst. Oft starten sie selbst als Fachmann. Auf dem Chefsessel verkommen sie zum Schwachmann. Erste Hilfe Karriere: Wie ist der bloß Chef geworden? - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,824913,00.html)
Ohohohoho...ist es wirklich so einfach, die hier im Beispiel entstehenden probleme auf die Inkompetenz des neuen Chefs zu schieben? Ist die Interpretation, daß es sich die Mitarbeiter auf einem zu niedrigen leistungsniveau bequem gemacht haben und jetzt mit echten Anforderungen nicht klar kommen nicht mindestens ebenso valide? Natürlich ist Mitarbeiterführung etwas, das man nicht in die Wiege gelegt bekommt, aber ist immer der neue Chef der Verbrecher und der Mitarbeiter, der so arbeitet "wie es schon immer war", weil die alten Chefs alle inkompetent waren und "Mitarbeiterführung" mit "Kuscheln" verwechelt haben, der Arme, dem die Hirarchie böse mitspielt? Der Text ist doch arg einseitig...
4. Wenn ich
lanas 02.04.2012
Zitat von AquifexOhohohoho...ist es wirklich so einfach, die hier im Beispiel entstehenden probleme auf die Inkompetenz des neuen Chefs zu schieben? Ist die Interpretation, daß es sich die Mitarbeiter auf einem zu niedrigen leistungsniveau bequem gemacht haben und jetzt mit echten Anforderungen nicht ......
in einem Unternehmen arbeite, wo immer nur Pfeifen auf den Chefsessel gehoben werden, dann würde ich ja wohl wechseln, vorausgesetzt ich bin noch unter 45. Insofern machen es sich viele Angestellte wirklich bequem: Begründen Ihre Einstellung mit unfähigen Chefs oder wer auch immer sonst die Schuld an Ihrer Misere hat, ausser man selber. Aber natürlich gibt es auch Fälle, wo dieser Artikel zutrifft...keine Frage.
5. sehe ich aus so
andy69 02.04.2012
Zitat von lanasin einem Unternehmen arbeite, wo immer nur Pfeifen auf den Chefsessel gehoben werden, dann würde ich ja wohl wechseln, vorausgesetzt ich bin noch unter 45. Insofern machen es sich viele Angestellte wirklich bequem: Begründen Ihre Einstellung mit unfähigen Chefs oder wer auch immer sonst die Schuld an Ihrer Misere hat, ausser man selber. Aber natürlich gibt es auch Fälle, wo dieser Artikel zutrifft...keine Frage.
Meiner Erfahrung nach sind Chefs heute tendenziell deutlich besser als früher. Vor 40 Jahren zählte NUR Fachwissen, auch wenn der Kandidat keinerlei Sozialkompetenz oder Motivationsfähigkeit besaß. Diese Faktoren zählen heute deutlich mehr bei der Bewerbersuche als früher. Dass es noch immer Pfeifen unter den Chefs gibt: keine Frage. Aber nur weil jemand befördert wurde, ist er ja nicht plötzlich der perfekte Mensch. Doch so dramatisch kann die Performance deutscher Führungskräfte insgesamt nicht sein, sonst wären unsere Unternehmen nicht so erfolgreich.
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Martin Frommann
Martin Wehrle (Jahrgang 1970) war Manager, bevor er Karriereberater und Gehaltscoach wurde. Sein jüngstes Buch ist der Spiegel-Bestseller "Ich arbeite in einem Irrenhaus".
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