Von Dennis Ballwieser und Anne Haeming
Seit auch Ärzte für mehr Geld streiken, wissen es alle: Die Hackordnung dieser Zunft wird nicht durch Können oder Wissen allein, sondern vor auch durch die Gehaltshierarchie definiert. Radiologen sahnen am meisten ab, am miesesten stehen die Hausärzte da.
Vor allem aber wurde bei den Medizinerstreiks deutlich, dass sich die einzelnen Fachrichtungen nicht grün sind. Cowboys und Draufgänger, Partyhengste und Mauerblümchen der Medizin streiten um die Gunst der Patienten. Wir haben uns die Halbgötter im Kittel vorgeknöpft. Hier eine - natürlich - total unfaire Typologie:
Allgemeinmediziner: Der Leibarzt
Ganz unten in der Hierarchie steht der Allgemeinmediziner, vulgo: Hausarzt. Er mag rein finanziell der Loser seiner Zunft sein, nicht auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft, aber an seiner Selbstwahrnehmung kratzt das nicht. Im Gegenteil, er fühlt sich als Leibarzt seiner Patienten, er deckt schließlich 20 Fachrichtungen gleichzeitig ab. Motto: Bevor ich jemanden zum Orthopäden schicke, mache ich es selbst! Er ist in einer Machtposition, er ist es, der Patienten an Fachkollegen überweist. Oder nicht. Der Alptraum jedes Allgemeinmediziners: das Schicksal als Durchlauferhitzer, der nur noch Überweisungen schreibt und Rezepte ausstellt.
Kardiologe: Der König der Herzen
Der Kardiologe hält sich für den König seiner Zunft: Schließlich behandelt er mit dem Herzen das wichtigste Organ des menschlichen Körpers. Schiebt er den Herzkatheter in Richtung Infarkt, weiß er: Er arbeitet im Zentrum allen Seins, greift in den natürlichen Lauf der Dinge ein. Dass Kardiologen was Besseres sind, zeigen sie auch in ihrem Freizeitgebaren: Sie spielen typischerweise Tennis und tummeln sich, so oft es geht, in luxuriösen Hotelanlagen. Sie sind, wenn man so will, die Jurastudenten unter den Ärzten.
Psychiater: Erst mal reden
Psychiater erkennt man an ihren Cordjacketts. Obwohl sie eine medizinische Ausbildung haben wie alle anderen, werden sie von den meisten Ärzten nicht als Ärzte wahrgenommen. Sie haben schließlich keine Ahnung von "echten" Krankheiten. Sondern wollen immer erst mal reden. Im Gegenzug halten Psychiater ihre Kollegen für verbohrt, weil sie psychosomatische Zusammenhänge nicht erkennen wollen. Fallbeispiel: Ein Patient kommt mit Atembeschwerden ins Krankenhaus, der Internist diagnostiziert Asthma und verschreibt Cortison. Der Psychiater weiß, dass kurz hintereinander die Mutter des Patienten erstickt und der Opa an einer Lungenerkrankung verstorben ist, und verordnet eine Psychotherapie. Na, was hilft?
Party-Hengste, Orakel Flex-Fans
Urologe: Party!
Wer eine Feier macht, sollte Urologen einladen. Unbedingt. Sie gelten als die Partyhengste ihrer Zunft, Typ Skilehrer. Sie haben immer Spaß, machen ihren Job mit guter Laune und vor allem: Sie nehmen sich selbst nicht so ernst. Wahrscheinlich ist das so, weil sie verdammt viel zu kompensieren haben: Schließlich will man ihnen impulsiv dazu raten, vor anderen ihren wahren Beruf zu verschweigen und sich als Taxifahrer zu tarnen, damit sie auf Feten nicht alleine in der Ecke stehen.
Chirurg: Erst mal alles wegflexen
Es gibt Ärzte, die der Meinung sind, Chirurgie sollte man nicht studieren, so wie andere Handwerksberufe auch. Lehrzeit, Gesellenprüfung, Meisterschule, noch 'ne Prüfung: fertig ist der Bader. Chirurgen sägen, feilen, schleifen, flexen und nageln, dübeln, schrauben, verschnüren alles, was nicht bei drei in der Inneren Medizin gelandet ist. Aktuell versetzen sie die Internisten in Angst und Schrecken, weil sie sich bei der "metabolischen Chirurgie" anschicken, sogar Diabetes wegzuoperieren. Ganz ohne Medikamente, das muss man sich mal vorstellen!
Internist: Das ärztliche Orakel
Facharzt für alles, was nichts mit spitzen Gegenständen zu tun hat. Hier tummeln sich so unterschiedliche Charaktere wie Onkologen und Stoffwechselexperten (Endokrinologen), die sich einen Spaß daraus machen, dass niemand ihre Hormonschaubilder versteht. Ältere Internisten ähneln dem Orakel von Delphi: Sie brauchen keine Fragen, um Antworten zu finden, und schweigen gerne - während sie im Kopf alle ihnen einfallenden Krankheiten mit Symptomen und Behandlungsmöglichkeiten für einen Patienten durchgehen.
Kinderholer, Knochenbrecher, Krösusse
Frauenarzt: Pressen!
Böse Zungen behaupten, die Entscheidung, Gynäkologe zu werden, falle vor dem Spiegel. Heute, da die meisten jungen Ärzte in Wahrheit Ärztinnen sind, spielt das keine so große Rolle mehr. Ideales Fach für handwerklich Geschickte, die trotzdem Köpfchen haben, deren manuelle und intellektuelle Fähigkeiten für die Neurochirurgie aber leider nicht ausreichen. Wer mit dickbäuchigen, kreischenden Frauen und deren Nachwuchs nicht kann, für den bietet die Gynäkologie ausreichend Ausweichmöglichkeiten. Alle anderen können ein Leben lang jeden Gesprächspartner neidisch machen oder, je nach Façon, nerven, wenn sie erzählen, dass es nichts Schöneres gibt, als Kinder auf die Welt zu bringen.
Orthopäde: Der Knochenbrecher
Sieht sich als Stützapparat der Menschheit und war doch jahrzehntelang nicht mehr als der Einlagenverschreiber der Nation. Derzeit beschäftigt er sich hauptsächlich damit, weitgehend sinnfrei Schmerzmittel in die Rücken geplagter Patienten zu spritzen. Nachdem nicht einmal mehr die Orthopäden selbst wissen, wozu es dafür eines eigenen Facharztes bedarf, haben sie sich 2008 konsequenterweise mit den Unfallchirurgen zusammengeschlossen und fügen jetzt zusammen, was Motorrad und Asphalt oder Ski und Eis voneinander getrennt haben.
Radiologe: Ein Topf voll Gold
Es gibt eine Vielzahl von Ärztewitzen, bei denen es darum geht, welcher Arzt am schnellsten einen Topf Gold erreicht. Immer mit dabei: der Radiologe, der für einen Topf Gold gar nicht erst losläuft. Sein Reichtum ist legendär, er führt einsam jede Einkommensliste wenigstens der niedergelassenen Mediziner an. Diese halten ihn für einen merkwürdigen Kauz, der bei heruntergelassenen Jalousien tagsüber im Dunkeln sitzt, um negative Schwarzweißaufnahmen zu betrachten und unverständliche Befunde zu diktieren. Das kompensiert er durch ständig neue, immer teurere Spielzeuge - Computertomograf, Kernspin, Maserati.
Nebelwerfer und Cowboys
Anästhesist: Die im Dunkeln sieht man nicht
Anästhesisten können mit links, wofür andere ein Aufbaustudium in Hogwarts bräuchten: Sie machen sich unsichtbar. Dass Patienten nicht so recht wissen, wofür man überhaupt einen eigenen Narkosearzt braucht ("Sie schläfern mich also ein?"), ertragen sie. Dass aber auch Operateure meinen, ohne Anästhesisten ginge vieles besser und alles schneller, führt mit Ende 30 stracks in die Sinnkrise. Dabei schmeißen die Schlafspezialisten die Intensivstation, retten als Notarzt Leben, nehmen Schmerzgeplagten ihr Leid. Das interessiert allerdings niemanden, wenn's nach der OP mal wieder länger dauert, bis der Patient endlich wach wird. Ihren Anästhesisten erkennen Sie leicht am Kaffeefleck auf dem Kittel.
Notarzt: Lotterie mit Easy Rider
Wenn der Notarzt sich auf den Weg macht, beginnt für den Patienten die Lotterie "Einer aus 33" - so viele Fachrichtungen gibt es in der deutschen Medizin. Welcher der heldenhafte Easy Rider angehört, ist Zufall. Sehr wahrscheinlich kommt ein Anästhesist, der ist wenigstens Spezialist für das Aufrechterhalten der wichtigsten Lebensfunktionen, bis man es in die Klinik geschafft hat. Mit etwas Pech steht allerdings ein Augenarzt vor der zugegebenermaßen gemeinen Aufgabe, sich mit all den anderen Organen im Körper des Menschen zu befassen, die es auch noch gibt. Der Notarzt ist der Cowboy unter den Medizinern, der neidisch auf bessere Zeiten hofft, da auch die Notfallmedizin eine eigene Fachrichtung sein wird. Bis dahin hilft die Wiederholung von "Emergency Room".
Hackordnung am Klinikum: Hier geht's ins Paralleluniversum Krankenhaus
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