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Selbständige in der Altersfalle Versichert oder verunsichert?

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Corbis

Krankenversicherung, Rente: Selbständige unterschätzen leicht die Risiken des Alters

"Ich versichere mich, sobald ich genug verdiene" - so denken viele Selbständige und leben viel zu lange ohne soziale Absicherung. Im Alter drohen ihnen eine mickrige Rente und horrende Gesundheitskosten. Was Existenzgründer beachten sollten.

Wenn Gründer zu Helmut Boor kommen, bringen sie meist viele Sorgen mit: Darlehen, Verdienst, Aufträge... Boor ist Berater bei der Strategam Group und hat festgestellt: Die Vorsorge für Alter oder Krankheit ist für frischgebackene Selbständige oft kein Thema - leider. "Es ist schwierig, ihnen klarzumachen, wie ernst sie diesen Punkt nehmen sollten."

Tatsächlich haben 1,8 Millionen Selbständige keine obligatorische Rentenversicherung, schätzt der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Die Krankenversicherung ist immerhin seit ein paar Jahren Pflicht. Doch bei der Wahl machen viele den Fehler, dass sie nicht ans Alter oder an die Familienplanung denken. "Man sollte einmal im Jahr prüfen, ob die Versicherungen noch zur Betriebs-, Einkommens- und Lebenssituation passen", sagt Helmut Boor.

Er sieht vor allem beim Thema Rente Probleme: "Viele sagen: Ich sorge vor, sobald ich genug verdiene. Und dieser Zeitpunkt kommt dann nie." Grundsätzlich sind Selbständige nicht in der gesetzlichen Rentenversicherung pflichtversichert. Allerdings gibt es Ausnahmen: Bestimmte Berufe, wie etwa Pflegekräfte, sind pflichtversichert; außerdem viele Handwerksberufe. Wer nicht zu diesen Gruppen gehört, kann die Rentenversicherungspflicht beantragen, und zwar in den ersten fünf Jahren der Selbständigkeit. Diese Pflichtversicherung kann man dann allerdings nicht einfach verlassen. Der Beitrag liegt zurzeit bei 19,6 Prozent des sozialversicherungspflichtigen Bruttoeinkommens.

Gesetzliche Rente ab 78 Euro im Monat

Künstler und Publizisten sind über die Künstlersozialkasse pflichtversichert. Wie Arbeitnehmer müssen sie nur die Hälfte des Rentenbeitrags tragen. Die andere Hälfte zahlt die Künstlersozialkasse aus den Abgaben von jenen, die von künstlerischen Leistungen profitieren; etwa von Theatern und Konzertveranstaltern. Auch der Staat schießt einen Teil zu. Außerdem gibt es berufsständische Versorgungseinrichtungen etwa für Ärzte oder Steuerberater - auch für diese Berufsgruppen ist die Versicherung Pflicht.

Wer nicht pflichtversichert ist, kann sich freiwillig gesetzlich rentenversichern. Helmut Einig, Existenzgründer-Berater, sagt: "Wir haben festgestellt, dass die gesetzliche Rentenversicherung günstiger sein kann als eine private Vorsorge." Die Beiträge können sich die Versicherten aussuchen; das Minimum liegt bei nur 78,40 Euro im Monat. "Das lohnt sich aber nicht", sagt Einig. Wie hoch der Beitrag sein sollte, hänge immer vom Alter und vom Einkommen ab. Unter 300 Euro sollten es aber in der Regel nicht sein.

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Zusätzlich fördert der Staat die private Vorsorge. Auch Selbständige können eine Riester-Rente abschließen - wenn sie in der gesetzlichen Rentenversicherung pflichtversichert sind. Wer einen zertifizierten Riester-Vertrag unterschreibt und mindestens vier Prozent seines rentenversicherungspflichtigen Vorjahreseinkommens anspart, bekommt vom Staat eine jährliche Zulage: 154 Euro sind es für jeden Erwachsenen und 185 pro Kind (300 für Kinder, die 2008 oder später geboren sind), hinzu kommt gegebenenfalls eine Steuerersparnis.

Wer nicht pflichtversichert ist, kann mit der Rürup-Rente vorsorgen - offiziell heißt sie Basisrente und ist nach dem Wirtschaftswissenschaftler Bert Rürup benannt. Wer diese private Rentenversicherung abschließt, kann einen Großteil der Beiträge als Sonderausgaben von der Steuer absetzen. "Das lohnt sich aber normalerweise nur für Gutverdiener", sagt Experte Helmut Einig. Weiterer Nachteil: Wenn der Selbständige stirbt, verfällt das Kapital.

Private oder gesetzliche Krankenversicherung?

In Deutschland muss jeder eine Krankenversicherung haben. Normalerweise sind Selbständige Mitglied in der Privaten Krankenversicherung (PKV), dafür müssen sie kein bestimmtes Einkommen nachweisen. Junge, gesunde Menschen und Männer zahlen weniger. Die Versicherten bekommen zusätzliche Leistungen, etwa Chefarztbehandlung.

Berater Helmut Einig warnt allerdings: "Im Alter sind die Beiträge recht hoch. Ich kenne Leute, die 1000 Euro im Monat zahlen." Und Kinder sind nicht automatisch mitversichert. Die Entscheidung will gut überlegt sein, denn wer einmal in der PKV ist, kommt normalerweise nicht mehr heraus. Wenn er dann im Alter die hohen Prämien nicht zahlen kann, bleibt nur der Basistarif der PKV. Dabei sind die Leistungen die gleichen wie in der GKV; allerdings richten sich die Prämien weiterhin nach Alter und Geschlecht. Der Höchstbeitrag liegt bei 592,88 Euro.

Wer Angst vor hohen Prämien hat, kann sich aber auch freiwillig in der GKV weiterversichern. Allerdings nur, wenn er vorher gesetzlich versichert war - und nur in den ersten drei Monaten nach Ende dieser Versicherungspflicht. In der GKV richten sich die Beiträge nach dem Einkommen. Kinder und Ehepartner sind kostenlos mitversichert.

Pflichtvorsorge für die Zukunft - die Pflegeversicherung

Selbständige zahlen den allgemeinen Beitragssatz von derzeit 15,5 Prozent allein - bei Künstlern und Publizisten übernimmt die Künstlersozialkasse die Hälfte. Die ist übrigens selbst keine Krankenkasse: Sie wickelt die Beitragszahlungen an die gesetzlichen Versicherungen nur ab. Die gesetzlichen Kassen dürfen auch Zusatzbeiträge erheben.

Ob GKV oder PKV - Selbständige sollten bei der Wahl auch prüfen, ob ein Krankengeld enthalten ist. Nur wer in der Künstlersozialkasse versichert ist, hat ab dem 43. Tag automatisch Anspruch darauf. Alle anderen können sich über die gesetzliche oder eine private Versicherung vor Verdienstausfall schützen.

Die Pflegeversicherung ist für alle Pflicht und wird mit der Krankenversicherung abgeschlossen. Bei den gesetzlichen Kassen liegt der Grundbeitrag bei 1,95 Prozent; Kinderlose zahlen 0,25 Prozent mehr. Familienmitglieder ohne eigenes Einkommen sind mitversichert. Bei der privaten Pflegeversicherung hängen die Prämien nicht vom Einkommen ab. Dort sind Kinder mitversichert, Ehepartner allerdings nicht. Wer in der Künstlersozialkasse ist, zahlt nur den halben Grundbeitrag.

Schutz gegen Berufsrisiken - die Unfallversicherung

Gegen Unfälle bei der Arbeit können sich Selbständige freiwillig absichern - über die Berufsgenossenschaften, etwa für Gesundheitsberufe oder Medien. In einigen gilt sogar eine Pflichtversicherung. Eine private Unfallversicherung kann sich zum Beispiel für Musiker lohnen: Eine Verletzung an der Hand kann das Ende der Karriere bedeuten. Für einige Selbständige, etwa landwirtschaftliche Unternehmer und Haushaltshilfen, gilt die gesetzliche Unfallversicherung. Sie wird von Unternehmen, Bund, Ländern und Gemeinden finanziert.

Wer zuvor in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt hat, kann sich als Selbständiger freiwillig weiterversichern. Er zahlt dann einen Beitrag von rund 80 Euro im Monat. Wenn er sich arbeitslos meldet, bekommt er ein Arbeitslosengeld zwischen 600 und mehr als 1400 Euro, so die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di. Die Höhe richtet sich nach dem Durchschnittseinkommen, das der Antragsteller mit seiner Qualifikation erzielen kann.

Die Gewerkschaft Ver.di berät Solo-Selbständige aus allen Branchen am Telefon und gibt einen Online-Ratgeber heraus: www.mediafon.de. Auf www.startothek.de oder in der Beraterbörse der Förderbank KFW, www.kfw-beraterboerse.de, können Gründer einen spezialisierten Berater in ihrer Region finden. Bei der Suche sollten sie unterscheiden zwischen einem unabhängigen Unternehmensberater und einem Versicherungsmakler - letzterer wird im Zweifel eine private Versicherung empfehlen, wenn er dafür Provision bekommt.

  • Eva-Maria Simon (Jahrgang 1984) ist freie Journalistin (www.weitwinkel-reporter.de). Sie schreibt vor allem über Arbeit und Soziales.

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1. ...
deus-Lo-vult 10.05.2012
Zitat von sysop"Ich versichere mich, sobald ich genug verdiene" - so denken viele Selbständige und leben viel zu lange ohne soziale Absicherung. Im Alter drohen ihnen eine mickrige Rente und horrende Gesundheitskosten. Was Existenzgründer beachten sollten. Was Existenzgründer bei Rente und Sozialversicherungen beachten sollten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,832338,00.html)
Soll dieser Artikel Mitleid erwecken? Wer als Selbständiger nicht vorsorgt, der ist selbst schuld! Das ist kein neues Phänomen, sondern besteht seit es Selbständige gibt!
2. Weiß auch nicht, was das soll
muunoy 10.05.2012
Zitat von deus-Lo-vultSoll dieser Artikel Mitleid erwecken? Wer als Selbständiger nicht vorsorgt, der ist selbst schuld! Das ist kein neues Phänomen, sondern besteht seit es Selbständige gibt!
Auch ich weiß nicht, was das soll. Wer sich selbständig macht, kennt sich in diesen Themen doch meistens bestens aus. Und der größte Vorteil der Selbständigkeit wird in dem Artikel gar nicht erwähnt. Man kann zumindest bzgl. der Altersvorsorge auf den staatlichen Mist verzichten. Ein gutes Depot, ein oder zwei Immobilien sind immer noch lukrativer als der ganze staatliche Mist. O. k., auch ich zahle im Jahr 10 TEUR in die Basis-Rente. Dies rentiert sich aber nur ein wenig, weil ich den Spitzensteuersatz zahle. Die Gebühren dieser Produkte sind einfach viel zu hoch. Somit kann auch das nur ein kleiner Baustein der eigenen Altersvorsorge sein. Ich frage mich auch, warum in solchen Artikeln nicht erwähnt wird, dass es zunehmend wichtiger wird, seine Ersparnisse vor dem Zugriff des Staates zu schützen. Vermutlich wird schon bald eine Säule der Altersvorsorge in im Ausland geparkten Kapital in einer Fremdwährung bestehen. Wirklich nützlich wäre mal ein Beitrag, wie man die explodierenden Kosten für die gesundheitliche Absicherung abmildern kann. Das geht anscheinend nur noch durch Wegzug aus DE.
3. Selbstständig
malcom1 10.05.2012
Liebe Vorredner, zum Teil habt Ihr recht. Aber höre ich da nicht ein kleinwenig Neid heraus? Nicht alle Selbstständige haben eine Firma mit 50-100 Mitarbeiter. Es gibt viele kleine mit 5-6 Mitarbeiter. Diese sind auch Selbstständige. Dies sind diejenigen die Euren Söhnen und Töchtern Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen. Oder Ihre Mitarbeiter bis zum Schluß halten bevor sie diese entlassen. Also bitte nicht soviel Häme.
4. zu kurz gedacht
smartphone 10.05.2012
natürlich denken Selbstständige weiter ,als man hier gerne suggeriert ... Hinter den Denkmodellen stehen - wie überall auch schlichte Verkuafsinteressen von Versicherungen usw man sollte sich vorallem mal vor Augen halten wieso udn warum die Anzehl der "Unternehmensgründer" derart gestiegen ist ... Das liegt nämlich mal ursächlich in dem Verhalten der Wirtschaft speziell Hochqualifizierte aus den Firmen zu squezzen . Somit ist Selbstständigkeit oft ein Mittel um Hartz4 zu entgehen. Was btw auch nicht näher angesprochen wird ist ,daß man scheinbar sich einbildet , Der Selbstständige hätte Kohle ohne Ende und Kunden , die zum Taubenschlag reinfallen Somit sind Denkmuster wie bei deus.lo-vult schlicht deplaziert und zeugen von effektiver Nullahnung Das heißt das Kernproblem ist erst mal daß man speziell Slebtsständige hierzulande mit Kosten überfrachtet ( u.a HWk IHK Zwangsversicherungen, die gar nicht den Bereich korrekt abdecken - und vermeintlichen Querulanten gleich mit dem Hauptzollamt daherkommen..) Wenn ein Unternehmer was gebrauchen kann , dann sind es Feststrukturierte Gebührenszenarios .... Sowas kann man bei Beamten(gehältern) die jeden Monat eintrudeln machen . Aber nicht hier.
5. der Artikel will informieren
earl grey 10.05.2012
Zitat von muunoyAuch ich weiß nicht, was das soll.
Ganz einfach: der Artikel will informieren, nicht mehr und nicht weniger. ---Zitat--- Wer sich selbständig macht, kennt sich in diesen Themen doch meistens bestens aus. ---Zitatende--- Soso, der kleine Imbissbudenbesitzer oder der LKW-Fahrer, der sich selbstständig machen muss, weil der Spediteuer das so verlangt - die kennen sich alle bombig in diesen Themen aus... sie sollten nicht so sehr von sich auf alle anderen schließen. ---Zitat--- Und der größte Vorteil der Selbständigkeit wird in dem Artikel gar nicht erwähnt. Man kann zumindest bzgl. der Altersvorsorge auf den staatlichen Mist verzichten. Ein gutes Depot, ein oder zwei Immobilien sind immer noch lukrativer als der ganze staatliche Mist. ---Zitatende--- Volle Zustimmung. Die erste Versicherung, aus der ich vor 25 Jahren bei meiner Beriebsgründung ausgestiegen bin, war die Rentenversicherung. Ich habe es bisher nicht bereut. ---Zitat--- Ich frage mich auch, warum in solchen Artikeln nicht erwähnt wird, dass es zunehmend wichtiger wird, seine Ersparnisse vor dem Zugriff des Staates zu schützen. Vermutlich wird schon bald eine Säule der Altersvorsorge in im Ausland geparkten Kapital in einer Fremdwährung bestehen. ---Zitatende--- Jupp, auch korrekt. Gerade wer zur Altersabsicherung die vorgegeben Pfade verlässt, läuft Gefahr, das sein mit schon versteuertem Geld angeschafftes Vermögen noch einmal versteuert wird. Und wenn die Absicherung in Form von Immobilien vorhanden ist, dürfen die Kinder noch Erbschaftssteuer zahlen... ---Zitat--- Wirklich nützlich wäre mal ein Beitrag, wie man die explodierenden Kosten für die gesundheitliche Absicherung abmildern kann. Das geht anscheinend nur noch durch Wegzug aus DE. ---Zitatende--- Nicht ganz. Von vornherein keine PKV mit Vollabsicherung. Lieber etwas weniger Absicherung und damit von Anfang an geringere Prämien; die Differenz dann aus eigener Tasche bezahlen ist auf lange Sicht meist günstiger, es sei denn man ist laufend krank.
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