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Was für ein Theater So arbeitet ein großes Schauspielhaus

Schauspielhaus Bochum: Was'n Theater Fotos
Diana Küster

Deutschlands Stadttheater stehen unter Luxusverdacht. Kann sich das klamme Bochum einen Koloss wie das Schauspielhaus leisten? Und was sind das für Menschen, die dort arbeiten? Ein Multimedia-Spezial über das komplexe Räderwerk des Theaters - Shakespeare von den Proben bis zur Premiere.

Vorhang auf, Bühne frei: Direkt zum Multimedia-Spezial

Bis sich eine der bösesten Figuren der Theatergeschichte endlich die englische Königskrone aufs Haupt setzen kann, muss einiges passieren: Shakespeares König Richard der Dritte schaltet Widersacher aus, lässt Kinder ermorden und verführt die Tochter seines Feindes. Leichen säumen seinen Weg zum Thron.

Bevor Richard aber auch nur einem seiner Widersacher ein Haar krümmen kann, bevor auch nur das erste Wort gesprochen ist, musste noch viel mehr passieren: Das große Räderwerk des Schauspielhauses Bochum hat sich mehrere Monate gedreht, damit am Ende Hauptdarsteller Paul Herwig als Richard mordend über die Bühne schreiten kann.

Das Ensemble des Schauspielhauses umfasst knapp 30 Schauspieler, sie sind das Gesicht des Hauses. Doch hinter ihnen wirken um die 180 Mitarbeiter in Verwaltung oder Werkstätten, als Souffleusen oder Bühnentechniker. Sie selbst sieht man praktisch nie. Ihre Arbeit jedoch ist für ein großes Theater wie das Schauspielhaus, eines der renommiertesten in Deutschland, unverzichtbar.

Um die 20 Millionen Euro umfasst der Etat. Er wird kleiner. Davon müssen drei Spielstätten und die Gebäude unterhalten, außerdem die Mitarbeiter bezahlt werden. Die Stadt steuert den Großteil bei - und muss dabei selbst ihren Haushalt von der Bezirksregierung absegnen lassen.

Bochum hat schon bessere Zeiten gesehen, musste zunächst den Strukturwandel weg vom traditionellen Kohle- und Stahl-Standort verkraften, dann den Rückzug von Großunternehmen wie Nokia oder jetzt die drohende Schließung des Opel-Werkes. Mit Krisen hat die Stadt viel Erfahrung, sie trägt schwer daran. Und ist dennoch ziemlich lebhaft.

Krise ist immer im Ruhrgebiet. Mittendrin liegt Bochum, mitten in Bochum das Schauspielhaus mit seinem gut 80 Jahre alten trutzigen Klinkerbau an der Königsallee, wo "keine Modenschauen stattfinden" (Grönemeyer) und sich ein paar Meter weiter das Bermudadreieck anschließt, die Kneipenmeile zum Versacken.

Die Theater-Schwergewichte Peter Zadek und Claus Peymann, später auch der muntere Chaosforscher Leander Haussmann führten das Schauspielhaus bereits. Schon die Kapazität macht es zu einem Theaterriesen: rund 800 Plätze im Großen Haus, plus 400 in den Kammerspielen und 100 im "Theater unten", dem Beiboot. Intendant Anselm Weber verwendet für sein Haus die Metapher des Ozeandampfers auf dem Starnberger See: "Wenn wir uns um 180 Grad drehen, zerstören wir die Anleger."

Geht's nicht auch eine Nummer kleiner?

Theaterskeptikern drängt sich gleich die Frage auf: Was hat denn ein Ozeandampfer auf dem Starnberger See zu suchen? Braucht eine so klamme Stadt wie Bochum wirklich eine Spielstätte dieser finanziellen Saugkraft, geht's bittschön auch ein, zwei Nummern kleiner? Im Frühjahr versetzte das Buch "Der Kulturinfarkt" Deutschlands Theaterszene in helle Aufregung; die vier Autoren forderten, man möge doch einfach die Hälfte aller Theater, Museen und Bibliotheken schließen - Schluss mit der "Subventionskultur". Sie empfahlen aber auch, neben der Förderung von Laienkultur und Hochschulen "die überlebende Hälfte der öffentlichen Kulturinfrastruktur finanziell angemessen auszustatten", denn: "Klasse kostet".

Das Feuilleton bebte prompt, pflichtschuldig und gemeinschaftlich ging man zu Werke gegen "kulturpolitischen Kannibalismus". Wo die öffentlichen Kassen so erbärmlich leer sind, sehen Theatermacher sich ständig Anwürfen gegen Notwendigkeit und Existenzrecht ihrer Häuser ausgesetzt. Um den "Luxus"-Vorwurf zu kontern, helfen Zahlen ihnen am Ende wenig - rein ökonomisch sind die teuren Sprech- und Musiktheater ja kaum zu begründen.

"Theater muss nicht sein", sagt etwa der Bochumer Chefdramaturg Thomas Laue. "Aber es ist besser, wenn es da ist." Er hält den Einfluss eines Theaters auf die Mentalität einer Gesellschaft für unterschätzt und sieht es als "den letzten Raum, in dem Dinge noch wirklich verhandelt werden können". Intendant Weber beschreibt sein Haus gar als die Herzkammer der Stadt: "Und wenn das Herz gesund schlägt, ist auch die Stadt gesund."

Feuilletonsprech oder ein ernsthaftes Bekenntnis zur Stadt und ihren Menschen? Neben dem üblichen Repertoire im Spielplan zeigen viele Veranstaltungen, wie das Schauspielhaus versucht, einen Beitrag zu den Debatten der Bochumer zu liefern, egal ob es um Migration und Integration, Off-Kultur oder um die Sorgen der Opelaner geht: Straße statt Elfenbeinturm.

Macht, Politik und der ganze Rest

Das Schauspielhaus war immer eine große Adresse für Shakespeare-Stücke, schon in den zwanziger Jahren. Aber "König Richard der Dritte", ein über 400 Jahre alter Stücktext - was soll das schon zu tun haben mit dem Leben eines Bochumer Autobauers, der um seine Arbeit bangt? In seinen Komödien und Tragödien spielte der berühmte Dramatiker mit klassischen Stoffen und erzählte ziemlich zeitlose Geschichten über menschlichen Ehrgeiz und Irrtümer. "Shakespeare ermöglicht uns einen Blick auf die größeren Zusammenhänge von Macht, Politik, aber auch von Herkunft und Prägung. Von erlebtem Leben", sagt Regisseur Roger Vontobel.

Der Schweizer ist der Dreh- und Angelpunkt der Shakespeare-Inszenierung. Bis der Zuschauer die Akteure auf der Bühne sieht, vergehen Monate der Proben und Vorbereitungen, bis in jedes Detail: Wie viele graue Haare soll die Perücke der wilden Königin Margarete haben? Kann der Scheinwerferstrahl so ausgerichtet werden, dass er nicht in den Zuschauersaal leuchtet? Wie lassen wir die neuen Stühle aussehen, als wären sie vom Bürgerkrieg verwüstet? Und brauchen wir wirklich ein echtes Fischgrätmuster auf dem Bühnenboden?

Auf dem Weg durch die Inszenierung trifft man: die Maskenbildnerin, die zum nächsten Umzug hetzt, die Regieassistentin mit ihrem College-Block. Der Bühnenmaler braucht viele Versuche, um aus Sperrholz Mahagoni zu machen; die Bühnenbildnerin geht mit Messer und Feile auf frisch gepolsterte Stühle los. Der Regisseur schaut sich die Premiere nie selbst an, der Fundusverwalter verwahrt in seinem Reich jahrzehntelange Bühnengeschichte.

Manche der Berufe gibt es ausschließlich am Theater, andere sind hier sehr speziell. Alltag gibt es selten, Stress und Lampenfieber oft. Und am Ende ist für die Schauspieler der Applaus noch immer das Wichtigste.

  • Vorhang auf, Bühne frei: Zum Multimedia-Spezial bitte hier entlang
  • Und so geht's: Vier Wochen lang präsentiert KarriereSPIEGEL die Welt des Theaters, am Beispiel des Schauspielhauses Bochum. Jede Woche sind es drei bis vier Berufe mit Texten, Fotos und Videos. Heute: der Intendant, der Dramaturg, der Regisseur und die Regieassistentin. Die nächsten Folgen erscheinen jeweils Dienstag.

  • KarriereSPIEGEL-Autor Fritz Habekuß (Jahrgang 1990) studiert Wissenschaftsjournalismus, Biowissenschaften und Medizin in Dortmund und arbeitet als freier Journalist.

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