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Mobbing am Arbeitsplatz Du Opfer

Mobbing: Feindliche Angriffe am Schreibtisch Fotos
Corbis

Aus dem Mail-Verteiler gerutscht? In der Kantine immer allein, keiner grüßt mehr? Das kann Zufall sein. Oder System mit Übergriffen bis hin zu Rufmord und sexueller Gewalt. Mobbing findet überall statt und ist oft Chefsache. Mobbing macht krank. Aber gegen Mobbing kann man sich wehren.

Der neue Besen kehrt gut - zu gut. "Saustall" ist sein Fazit, nachdem der neue Vorgesetzte die erste Besprechung mit seinem Außendienstteam geleitet hat. Er spricht das Wort laut aus. Monika S. verbittet sich als einzige diesen Ton. So beginnt ihr Leidensweg. Mit ihrem früheren Chef wie mit dem ganzen Team ist die junge Vertriebsingenieurin prima ausgekommen. Nun wird sie täglich zum Rapport zitiert, muss seitenweise jeden Arbeitsschritt dokumentieren. Der Boss rüffelt sie vor versammelter Mannschaft, ruft Kunden an, um sich nach den Projekten seiner Mitarbeiterin zu erkundigen.

Eines Morgens stolpert Monika S. über Umzugskartons in ihrem Büro. Im Wochenrhythmus muss sie fortan das Büro wechseln - und landet in einem als Kopierraum gedachten Kabuff neben der Herrentoilette. Sie schläft schlecht, hat Magenschmerzen, meldet sich oft krank. Ihre Umsatzziele schafft sie schon lange nicht mehr, was ihr böse Bemerkungen einiger Kollegen einbringt. Monika S. kündigt.

Fälle wie diesen kennt der Münchner Coach und Mobbing-Experte Dieter Schlund einige. Er hat die Erfahrung gemacht, dass sich "normale" Meinungsverschiedenheiten und Konflikte, wie sie am Arbeitsplatz immer wieder auftauchen, relativ schnell klären lassen. "Bei Mobbing ist die Ausgangslage eine andere", sagt Schlund.

Gewalt in jeder Form

Seine Definition lautet: "Mobbing-Handlungen sind feindliche Angriffe gegen eine oder mehrere Personen, die systematisch und über einen längeren Zeitraum ausgeübt werden, mit dem Ziel, die Betroffenen zu demütigen oder auszugrenzen." Um Kritik oder konstruktives Lösen von Problemen gehe es nicht: "Die Angreifer wollen ein auserwähltes Opfer 'eliminieren'. Es verliert dabei mit zunehmenden Attacken immer mehr an Selbstwert und Stabilität."

Seit die US-amerikanische Psychiaterin Carroll M. Brodsky 1976 einen Bericht über "The harassed worker" ("Der drangsalierte Mitarbeiter") veröffentlichte, tauchten vereinzelt Leidensgeschichten aus der Berufswelt in Fachpublikationen auf. In den achtziger Jahren befasste sich der Soziologe Heinz Leymann in Schweden erstmals eingehend mit dem Thema. Über Skandinavien gelangte auch der Begriff Mobbing in die Forschung.

Leymann verstand darunter negative Kommunikation am Arbeitsplatz, also unmäßige Kritik, öffentliche Beleidigungen, Anschreien, Ignorieren von Fragen, Verleumdung bis hin zum Rufmord. Heute wird der Begriff weiter gefasst: Mobber unterdrücken Informationen und fälschen Arbeitsergebnisse, geben sinnlose Anweisungen und stellen unwahre Behauptungen über Fehlverhalten auf. Auch vor Gewalt und sexueller Belästigung schrecken sie nicht zurück.

Nach einer neuen Studie der Freien Universität Berlin ist Mobbing weiter verbreitet als viele meinen - darunter viele Betroffene. Bei einer Online-Befragung von 4300 Beschäftigten im öffentlichen Dienst bezeichneten sich lediglich vier Prozent als Mobbing-Opfer. Dagegen gaben 20 Prozent an, soziale Verhaltensweisen am Arbeitsplatz zu erleben, die von der Wissenschaft klar als Übergriffe eingestuft werden.

Verführerische Mobbing-Mythen

"Mobbing kann sehr unterschiedliche Formen annehmen, deshalb ist es für die Betroffenen nicht einfach zu erkennen", sagt Jens Eisermann. Der Wirtschafts- und Sozialpsychologe hat die Studie mitverfasst. Ein Mobbing-Indiz ist die Häufigkeit: Die Grenze zwischen Zufall und System wird erreicht, wenn der Täter über einen Zeitraum von sechs Monaten mindestens einmal pro Woche zuschlägt.

Dass bestimmte Menschen zum Opfer geboren sind, gehört zu den Mobbing-Mythen. Dicke, Hässliche, Verschrobene, Unglückliche können ins Beuteschema passen - sie werden aber nicht zwangsläufig ins Visier genommen. "Es kann jeden treffen", sagt Eisermann.

Falsch ist auch, dass das Unternehmen nur wenig Einfluss hat. "Mobbing tritt gehäuft in bestimmten Abteilungen auf, dagegen kommt es in anderen Abteilungen sehr selten vor", hat Eisermann beobachtet. "Damit ist belegt, dass es sich um ein soziales Phänomen in der Organisationsstruktur handelt und die Verantwortung so oder so bei Führungskräften liegt. Krisen im Privatleben der Betroffenen können wir ausschließen, und auch hinsichtlich der Persönlichkeit finden wir keine Hinweise."

Mobbing ist Chefsache

Vorgesetzte, die offen kommunizieren und ihre Mitarbeiter in Entscheidungen einbeziehen, sind das beste Mittel gegen Mobbing, wie die Studie zeigt. Pech nur, wenn der Chef persönlich die Attacken reitet oder wenn er sich nicht um seine Abteilung kümmert. Nach Eisermanns Erkenntnissen ist "in jedem zweiten Fall der Chef der Aggressor - das nennt man Bossing". Zum klassischen Mobbing unter hierarchisch Gleichgestellten komme es in jedem fünften Fall; außerdem gebe es das "Staffing" mit Aggressionen von Untergebenen gegen ihren Chef.

In den meisten Fällen aber sei der Chef in irgendeiner Weise an den Schikanen beteiligt, und sei es, indem er wegsieht und weghört, so Eisermann. Dann hat auch das Unternehmen ein Problem. Und hohe Kosten dazu. "Ein Mobbing-Fall kostet das Unternehmen nach Schätzungen zwischen 30.000 und 50.000 Euro pro Jahr", sagt Berater Schlund. Angesichts von anderthalb bis zwei Millionen Menschen, die jährlich in Deutschland gemobbt werden, verliert die Wirtschaft mehrere Milliarden Euro.

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Trotzdem wird das Thema gern ausgeblendet, hat Mobbing-Forscher Eisermann erfahren. Als er Kooperationspartner für seine Studie suchte und mehr als 50 Unternehmen und Institutionen ansprach, stieß er auf "große Zurückhaltung": "Meist geht es um den Schutz des eigenen Images, man will keine schlafenden Hunde wecken." Das hängt auch mit der Angst vor rechtlichen Konsequenzen zusammen.

Anfang dieses Jahres sorgten zwei Arbeitsgerichtsprozesse für Schlagzeilen. Im ersten Fall, verhandelt vor dem Landesarbeitsgericht Hamm, forderte ein Oberarzt eines Krankenhauses von seinem Chefarzt Schadensersatz von 500.000 Euro, weil er jahrelang Mobbing ausgesetzt gewesen und dadurch arbeitsunfähig geworden sei. Beim zweiten Fall vor dem Arbeitsgericht Solingen ging es um 893.000 Euro: So viel wollte eine städtische Angestellte von ihrem Arbeitgeber als Schmerzensgeld für Mobbing durch Vorgesetzte erstreiten.

Raus aus der Opferrolle!

Beide Klagen wurden abgewiesen. In erster Instanz, wie beim Solinger Verfahren, ist das die Regel. Mobbing-Opfer müssen durch mehrere Instanzen gehen, und wenn sie Recht bekommen, erhalten sie ganz selten mehr als 100.000 Euro Schadensersatz oder Schmerzensgeld - aus den USA kennt man ganz andere Beträge.

Doch die Zahl der Mobbing-Klagen wächst auch in Deutschland rasant. "Mobber müssen sich zunehmend darauf einstellen, persönlich zur Verantwortung gezogen zu werden", sagt die Berliner Fachanwältin Erika Schreiber. Ihr Rat lautet: "Wehret den Anfängen." Betroffene sollten nicht darauf warten, dass sich die Situation von allein auflöse, sondern Hilfe suchen bei Frauenvertretungen, Betriebs- und Personalräten, Gewerkschaften und Anwälten. "Kurzum: raus aus der Mobbing-Opferrolle!", so Schreiber. Ebenso müssten Arbeitgeber und Führungskräfte Beschwerden von Betroffenen ernst nehmen, Beweise erheben, Zeugen anhören oder Mobbing-Beauftragte benennen.

Für Monika S. war die Eigenkündigung ein beruflicher Rückschlag, aber kein Knockout. Sie hat eine Stelle in einem kleineren Unternehmen gefunden und verdient zunächst etwas weniger. Dass sie die richtige Wahl getroffen hat, weiß sie aus gelegentlichen Telefonaten mit einer Ex-Kollegin: Ihre Nachfolgerin in der Vertriebstruppe bekommt ebenfalls keinen Fuß auf den Boden, wird ausgebremst und gedemütigt.

Und der Mobber-Chef? Der sitzt fester im Sattel denn je.

  • Kerstin Krüger
    KarriereSPIEGEL-Autor Christoph Stehr ist freier Journalist in Hilden.

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1. Mobbing am Arbeitsplatz: Du Opfer
Phoenix2006 02.04.2012
Zitat von sysopAus dem Mail-Verteiler gerutscht? In der Kantine immer allein, keiner grüßt mehr? Das kann Zufall sein. Oder System mit Übergriffen bis hin zu Rufmord und sexueller Gewalt. Mobbing findet überall statt und ist oft Chefsache. Mobbing macht krank. Aber gegen Mobbing kann man sich wehren. Mobbing am Arbeitsplatz: Du Opfer - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,824793,00.html)
Warum sollten Mobbingopfer sich sehr intensiv mit Pyschologie beschäftigen um intelligente Gegenstrategien zu entwickeln!!!
2. Wenn Dummschwätzer
spongie2000 02.04.2012
Wenn Dummschwätzer und Selbstdarsteller aus der Wirtschaft alla Stromberg die Macht übernehmen, ist das die Folge. Aber es ist eben zu oft diese Wirtschaft, die die Schlagzeilen mit "Fachkräftemangel" übernimmt und sich lauthals über die geringe Bindung der Mitarbeiter an das Unternehmen beschwert. Die Zahlen sind eindeutig: Unternehmen, die für ihren guten Umgang mit Mitarbeiter bekannt sind, geht es besser. Man Vergleiche Schlecker mit dm, man Vergleiche Nokia mit Toyota. Im Übrigen finde ich Anwälte und Beschwerden beim Betriebsrat die beste Lösung. Diese Menschen gefallen sich sehr gut in der Rolle der Mobber. Das einzige, was sie nicht ertragen können, ist auf Anwaltschreiben, Presseartikeln und Ähnlichem antworten zu müssen.
3. Immer die Initiative behalten
Radtourist 02.04.2012
aus verfahrenen Situationen heraus oder gar nicht erst richtig hinein kommt ein potentielles Mobbingopfer, wenn er/sie für sich die Dinge in die Hand nimmt und die Initiative behält oder zurückerlangt. Hierzu gehört anderwertig bewerben und hier sind Personalagenturen durchaus hilfreich. Dies kann das Selbstbewußtsein am Arbeitsplatz fördern. Dies wieder führt dazu, Dinge nicht an sich herankommen zu lassen, was wiederum den Spaß der Mobber vermindert oder es gar ganz stoppt. Zur Initiative gehört auch und vor allem das Suchen von Gesprächen mit den Tätern oder potentiellen Tätern. Es ist wie mit den Glatzen auf der Straße: Ein Rollstuhlfahrer wird angegriffen, nicht aber ein Kickboxer mit 2m Größe. Gelingt bei einem Mitarbeiter Mobbing, dann laufen viele Kollegen hinterher und beteiligen sich fleißig, gelingt es nicht oder kehrt die Eigeninitiative zum Opfer zurück, ist die Mobbermeute schnell unterm Tisch verkrochen.
4. Volkssport
patrick_0911 02.04.2012
Zitat von Phoenix2006Warum sollten Mobbingopfer sich sehr intensiv mit Pyschologie beschäftigen um intelligente Gegenstrategien zu entwickeln!!!
In unserem Unternehmen ist Mobbing durch die Chefetage Volkssport. Ich selbst war davon 2 Jahre lang trotz bester Ergebnisse betroffen und kann nur jedem raten sich so schnell wie möglich einen Anwalt zu nehmen, da nur eine Strafanzeige die handelnden von solchem Wahnsinn abbringt, in meinem Gastgeberland leider unmöglich. Daher blieb mir nur der Weg durch eine täglich perfekte Leistung und durch nachweissbare sichtliche Erfolge mich auch vor meinen andern Mitarbeitern darzustellen, der Sport half mir physisch damit fertig zu werden, ich fing nach 25 jähriger Abstinenz wieder an täglich Tennis zu spielen, zudem fand ich bei meiner Fau Halt, sicherlich eine ideale Situation der Gegenwehr. Heute hängen 20% des wirtschafltlichen Ergebnisses von meiner Arbeit ab, trotzdem habe ich der Versetzung in ein anderes Land (Deutschland) zugestimmt. Jetzt muss der mobbende Landesleiter sich andere Gründe überlegen, vor seinen Mitarbeitern steht er da wie ein begossener Pudel, Mobbing sollte nicht nur mit extrem hohen Strafen belegt werden sondern auch im Lebenslauf nach einer Verurteilung autauchen, damit würde man den Mobbern das Handwerk legen.
5.
lotoseater 02.04.2012
In der Mobbing-Diskussion kommt meiner Meinung nach eines oft zu kurz: Das "Mobbing-Opfer" ist nicht immer nur unschuldiges Opfer, es gibt eben auch Fälle, wo der Konflikt in der Abteilung vom vermeintlichen Opfer ausgeht.
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Alles Mobbing oder was?
Die Grenzen zwischen Rangeleien unter Kollegen und Mobbing sind fließend. Willi Wieland, Mediator und Coach in Kassel: "Im störungsfreien und wohlwollenden Miteinander werden solche Reibungsverluste offen kommuniziert und behoben. Der Fokus ist sachorientiert und konstruktiv."

Richtiges Mobbing dagegen sei beziehungsorientiert und destruktiv. Ungelöste Konflikte und Kränkungen wachsen sich zu Hassgefühlen aus. "Zwischen den Akteuren besteht ein hierarchisches, auf Konfrontation angelegtes polarisierendes Macht-Ohnmacht-Verhältnis mit wechselseitiger Du-Kommunikation aus Anschuldigungen, Vorwürfen, Behauptungen, Unterstellungen, Rechthaberei und Schuldzuweisungen. Hieraus ergibt sich die typische Täter-Opfer-Beziehung. Mobber agieren tätertypisch und greifen an. Gemobbte reagieren opfertypisch und fühlen sich dem Mobber hilflos ausgeliefert."

Beide Akteure seien Gefangene ihrer einseitigen Wahrnehmung. So entsteht ein "Tunnelblick", der eine nüchterne Auseinandersetzung verhindere.

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