Von Anne Haeming
Wenn man jeden Tag im Job bis Oberkante Unterlippe zu tun hat oder gerade frisch in eine Führungsposition aufgestiegen ist, fehlt es an Zeit und Geduld zum Lesen. Sicher kennen Sie das: Im Urlaub beschränkt sich Ihre Lektüre auf schwedische Krimis. Im Alltag reicht es gerade so für die Lokalzeitung am Frühstückstisch.
Höchste Zeit also für ein paar Schwergewichte der Weltliteratur, zu lesen auf dem Weg zur Arbeit oder abends auf dem Sofa - es wird ja jetzt eh früher dunkel. Aber bitte nicht die Zusammenfassungen von Anbietern wie "Get Abstract" und Co., die Literatur und Ratgeber in mundgerechte Häppchen für Manager eindampfen, zum Small Talk in Konferenzpausen und bei Arbeitsessen. Nein, wir meinen das echte, ganze Buch. Das Original.
Wie? Sie lesen nicht einfach nur so, Sie sind so in Ihrer Businesslogik des "Return on Investment" gefangen, dass Sie einen Anreiz brauchen? Bitte schön, können Sie haben: Verbuchen Sie's einfach als Arbeitslektüre. Denn diese fünf Klassiker taugen allemal, um sich Inspirationen für den Berufsalltag zu holen.
1. Herman Melville, "Bartleby der Schreiber":
Return on Investment:
Bartleby lehrt die Furcht vor störrischen Mitarbeitern - und wie man mit ihnen umgeht.
Darum geht's:
Das Geschäft:
Die Kanzlei ist spezialisiert auf Liegenschaftsrecht, der Anwalt erklärt sich zum "Fachmann für ungeklärte Besitzverhältnisse und Abfasser tiefgründiger Urkunden aller Art".
Die unternehmerische Lehre:
Drücken sich Angestellte konsequent vor der Arbeit, haben Chefs ein Problem. Heute können die Personalabteilung oder Ombudsleute, Betriebsräte oder Gewerkschafter bei Konflikten eingreifen. Aber Bartleby mit seiner Verweigerungshaltung, mit seinem Verzicht auf jede Unterwürfigkeit führt den Vorgesetzten als völlig hilflos vor.
Das inspiriert:
Einfach mal nein sagen. Das kehrt die Machtverhältnisse überraschend schnell um.
Der Satz, den man auch im Meeting zitieren kann:
"I prefer not to" - kommt gut, wenn es darum geht, Aufgaben zu verteilen. Auf Deutsch klingt's leider eher wie bei einem trotzigen Kind: "Ich möchte lieber nicht."
Weiterlesen:
Am besten als nächstes zu Siegfried Kracauers Texten greifen - "Die Angestellten" ist eine prima Fortsetzung.
Das Buch:
Herman Melville: "Bartleby der Schreiber" (1853), C.H.Beck 2011, 91 Seiten - im SPIEGEL-Shop bestellen
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