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Weltweiter Ameisenkönig Ganz groß im Krabbelbusiness

SPIEGEL ONLINE

Martin Sebesta hat eine Marktlücke entdeckt, an seine Idee geglaubt, eine Firma gegründet. Vom Erfolg des Versandhandels leben heute zwölf Menschen, Sebesta ist Marktführer. Weltweit. Dennoch erntet er oft nur Kopfschütteln. Warum? Der Berliner ist der Herr über 100.000 Ameisen.

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona, auf der Chaussee,
da taten ihnen die Beine weh,
und da verzichteten sie weise
dann auf den letzten Teil der Reise.

(Joachim Ringelnatz, "Die Ameisen")

Die Reise unzähliger Ameisen beginnt heute nicht auf der Elbchaussee, sondern in Berlin. Ein unscheinbares Klingelschild an einem unscheinbaren Haus im Stadtteil Steglitz. Der Eingang zum "Antstore - World of Ants". Das Zuhause von 100.000 Ameisen. Keine von ihnen bleibt allzu lange hier. Denn der Antstore ist die Zentrale des weltweit größten Ameisenversandhandels. Von hier aus werden Ameisen nach ganz Europa verschickt. Und ja, es gibt einen Absatzmarkt für Ameisen.

Wer bestellt sich denn Ameisen? Das ist die wohl am häufigsten gestellte Frage an Martin Sebesta. Firmengründer Sebesta, 36 Jahre und studierter BWLer, antwortet mit stoischer Nüchternheit: "Das sind Schulen, Universitäten, aber vor allen Dingen Privatkunden. Menschen, die sich für Ameisen begeistern und eine Kolonie zu Hause haben wollen."

Für Martin Sebesta ist das nicht besonders skurril, sondern völlig normal. Denn darauf gründet sein Unternehmen. Alles begann, als Sebesta seine Leidenschaft für Ameisen entdeckte.

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10  Bilder
Von Beruf Ameisenhändler: Martin and the Ants
"Als Kind habe ich viel Zeit in unserem Garten verbracht und stundenlang die Ameisen bei ihrer Arbeit beobachtet", sagt er. Wie sie ihr Leben organisieren, wie sie in unterschiedlichen Berufen an ihrer Baustelle, ihrem Nest, arbeiten. Wie alles Hand in Hand läuft zwischen diesen Abertausenden von winzigen Lebewesen - alles das fasziniert Sebesta. Und wenn er davon erzählt, leuchten seine Augen.

Faszination Krabbeltierchen

In den neunziger Jahren, als das Internet populär wurde, veröffentlichte Sebesta Texte und Fotos über seine kleinen Lieblinge, die er in einem Glaskasten hielt, um sie besser beobachten zu können. Und er bekam Zuschriften: ob es bei ihm das Equipment für ein Ameisen-Terrarium, ein Formicarium, gebe. Und ob er auch die passenden Ameisen dazu besorgen könne.

Sebesta merkte, dass er nicht allein war mit seinem Hobby. Vor elf Jahren meldete er ein Gewerbe an: den weltweit ersten Ameisenversandhandel. Praktisch bestellt werden können die Tierchen seitdem im Onlineshop, ob nur eine einzelne Königin oder gleich eine ganze Kolonie.

Mittlerweile umfasst seine Geschäftsfläche in Berlin 1000 m². Ameisenarten aus der ganzen Welt leben hier in Glaskästen, laufen in langen Glasröhren die Decke entlang oder schlummern in Reagenzgläsern, präpariert mit Watte und Wasserreservoir im Kühlschrank zur Winterruhe. Eine Ameise kostet zwischen einem und 500 Euro. Wie viele Ameisen hier täglich per Post nach ganz Europa verschickt werden, bleibt Betriebsgeheimnis. Aber die Nachfrage wächst stetig.

Heute beschäftigt Sebestas Firma ein rundes Dutzend Angestellte, weil es eine Menge Leute gibt, die eben auch auf Ameisen stehen. Erst vor wenigen Wochen hat Sebesta neue Mitarbeiter eingestellt. Nadja Döring, 18 Jahre alt, ist eine von ihnen und lernt hier Einzelhandelskauffrau. Sie muss sich noch ein bisschen an die Ameisen gewöhnen. Genau wie ihre Freunde, die von der Ausbildung im Antstore anfangs nicht sehr angetan waren: "Die haben schon gedacht, ich vergackeiere sie."

Eine wahre Königin überlebt auch Backpulverattacken

Für Nadja wird das Sammeln von Blättern als Futter für die Blattschneideameisen allmählich zum ganz gewöhnlichen Teil ihrer Ausbildung. Füttern, Pakete packen, Formicarien reinigen - so sieht die Arbeit in einem Ameisenladen nun mal aus. Außerdem beherbergt der Antstore ein Sammelsurium an Ameisen-Equipment: Im Regal stehen Startersets für die Züchtung, Bücher, sogar ein Film "Killerameisen" mit Alterfreigabe ab 16 Jahren. Seit kurzem fertigt hier ein hauseigener Glaser auch neue Formicarien für die ameisenverrückten Kunden.

Für Martin Sebesta ist das alles schon lange Alltag. Und darüber, dass sich andere wundern, wundert er sich schon lange nicht mehr. Sein Büro hängt voll von Zeitungsartikeln über den "Ameisenkönig von Berlin".

Sogar in einer Fernsehshow bei "Kerner" hat er schon von seiner Firma erzählt. Neben ihm saß Schauspielerin Jutta Speidel, die sagte, sie sei ja in einer "merkwürdigen Sendung heute" gelandet. Und dass sie Ameisen in der Regel mit Backpulver füttere. Sebestas Hinweis, dass zwar die Arbeiterinnen zerplatzen, wenn sie Backpulver fressen, aber die Königin trotzdem überlebt und weiter Eier legt, ging im Gelächter unter.

Das Ameisengeschäft ist eine saisonale Angelegenheit. Im Herbst und Winter gibt es weniger zu tun, wegen der Winterruhe ist es keine gute Zeit zum Ameisenverkauf. Doch zur Weihnachtszeit steigen die Bestellzahlen: Manche Leute freuen sich über Ameisenkolonien unterm Weihachtsbaum. Es sind nicht wenige, sonst würde der Antstore in Berlin nicht so erfolgreich sein.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Katja Döhne (Jahrgang 1985) arbeitet als freie Journalistin in Berlin für Online, TV und Radio.

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