Viele Jahre habe ich für denselben Abteilungsleiter gearbeitet. Er hat mich geschätzt und gefördert. Doch nun wechselte er die Firma, und ein neuer Vorgesetzter wurde installiert. Ich habe das Gefühl, dass ich wieder bei null anfangen muss, zumal der neue Chef gar nicht über Maßstäbe verfügt, um meine Arbeit zu beurteilen. Wie soll ich ihm klarmachen, was ich in der Vergangenheit alles für die Firma geleistet habe - auch mit Blick darauf, dass ich irgendwann ein ordentliches Arbeitszeugnis brauche? Wie stärke ich meine Position? (Jörg P., Betriebswirt)
Offenbar hat Ihr Unternehmen einen schweren, wenn auch nicht untypischen Fehler begangen: Ihr alter Vorgesetzter ist zum Quartalsende gegangen und sein Nachfolger zum Quartalsanfang gekommen. Wie dumm! Statt dass der alte Chef den neuen einarbeitet, statt dass er ihn von seinen Erfahrungen profitieren lässt, entschwindet er mit seinem kompletten Wissen. Alles, was er über die Mitarbeiter, die Abläufe und die heimlichen Spielregeln wusste, geht dem Unternehmen verloren.
Wichtig wäre es für Sie gewesen, sich ein Zwischenzeugnis vom scheidenden Vorgesetzten geben zu lassen. Dieses Zeugnis sichert Sie ab, denn ein dort festgehaltener Leistungsstand darf bei einem späteren Endzeugnis nicht auf den Kopf gestellt werden. Außerdem kann dieses Zeugnis dem neuen Vorgesetzten eine erste Orientierung geben. Wenn er die Zeugnisse der Mitarbeiter vergleicht, wird ihm auffallen, welche sein Vorgänger besonders geschätzt hat. So bleiben Ihnen zwar nicht die Pluspunkte erhalten, aber immerhin nehmen Sie Vorschusslorbeeren mit.
Der Neue ist selbst unsicher
Entscheidend ist, welchen Eindruck Ihr neuer Chef selbst gewinnt. Ruhen Sie sich nicht auf den Erfolgen der Vergangenheit aus, sondern finden Sie im Gespräch mit ihm heraus, woran er Ihre Arbeit messen will. Sollten ihm - wie Sie meinen - die Maßstäbe dazu fehlen, ist es Ihre Aufgabe, ihm solche zu vermitteln. Lassen Sie ihn wissen, was Ihre Arbeit zum Abteilungsergebnis beiträgt und wie er selbst davon profitiert. Und denken Sie daran, ihn bei wichtigen Mails in CC zu setzen. Er muss sehen, dass Sie nicht irgendein Mitarbeiter sind, sondern ein Leistungsträger.
Falls Ihr Vorgesetzter aus einer anderen Firma kommt: Berücksichtigen Sie, dass Ihre komplette Firma Neuland für ihn ist, dessen Gesetze und Gepflogenheiten er nicht kennt. Nutzen Sie die Chance, ihm ein paar Zusammenhänge aufzuzeigen, zum Beispiel wie sich die Abläufe zwischen den Abteilungen gestalten, oder ihm wichtige Beziehungsgeflechte zu erläutern, etwa mit wem sein Vorgänger ein gutes Verhältnis hatte und mit wem es Ärger gab.
Dadurch beweisen Sie Empathie und Loyalität, denn Sie versetzen sich in seine Lage und geben ihm wichtige Informationen weiter. Eine solche Kombination aus fachlicher und sozialer Kompetenz wird Ihrem Chef schnell deutlich machen, dass Sie ein wichtiger Mitarbeiter sind.
Am Ende noch eine Warnung: Immer wieder erlebe ich, dass Vorgesetzte bei ihrem Einstieg den neuen Besen spielen und Altes beiseite fegen wollen. Da werden die Lieblingsprojekte des Vorgängers schon mal gekillt und seine Lieblingsmitarbeiter ins zweite Glied verbannt. Dass Ihr Ex-Chef Sie seinem Nachfolger nicht ans Herz gelegt hat - das kann auch ein Vorteil sein.
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