Von Verena Töpper
Drei Unternehmensberater marschieren in das Büro ihres Chefs, um zu kündigen. Sie wollen in Zukunft lieber Strampelanzüge verkaufen. Super Idee, sagt der Chef. Macht das doch, ich gebe euch auch ein eigenes Geschäftszimmer. Was sich anhört wie der Beginn eines schlechten Sketches, ist der Anfang der Gründerkarriere von Sebastian Schmöger, 29, Alexander Reichhuber, 32, und Robert Rebholz, 29.
In einer nächtlichen "Schnapsdiskussion", wie Schmöger es formuliert, waren die drei Consultants auf die Idee gekommen, sich mit Kindermode selbständig zu machen. Alexander Reichhuber hatte gerade einen Nerven aufreibenden Shopping-Marathon für seinen Sohn hinter sich, Sebastian Schmöger hatte an der Uni Eichstätt-Ingolstadt über nachhaltige Geschäftsmodelle referiert - warum also nicht selbst Babyshirts und Strampler entwerfen, in Deutschland produzieren und online verkaufen? Die getragenen Sachen würden sie gegen einen Rabatt auf den nächsten Einkauf zurücknehmen und sie als Second-Hand-Klamotten weiterverkaufen. Ökologisch, stylisch und sozial, die ideale Kombination. Dass dies auch ihr Chef fand, überraschte die drei Berater dann aber doch.
"Wir bilden junge Talente aus - und dass die irgendwann auch mal etwas anderes machen wollen, ist ein ganz natürlicher Vorgang", sagt Martin Sonnenschein, Zentraleuropachef der Unternehmensberatung A.T. Kearney. "Die drei sind super Typen und haben eine tolle Idee, da sind wir sofort dabei." Ihre Stellen neu zu besetzen, fiel auch nicht schwer: "Wir haben allein in diesem Jahr hundert neue Leute eingestellt", sagt Sonnenschein. Im gleichen Zeitraum verließen rund 40 Consultants die Firma - eine übliche Fluktuation in der Branche. Unter den Ausscheidenden seien häufig Möchtegerngründer, sagt Sonnenschein: "In letzter Zeit kommen wieder mehr - aber nicht alle haben so eine tolle Idee wie die drei."
Die einzige Bedingung, die Sonnenschein ihnen stellte: Sie sollten alle laufenden Projekte beenden. Dafür bekamen sie ein eigenes Büro im Erdgeschoss. Sechs Monate blieben sie mit ihrer Firma Kindsstoff dort, mietfrei - und offiziell weiterhin angestellt bei A.T. Kearney. Von der Arbeit waren sie freigestellt. "Das war schon eine witzige Situation, alle Berater im Anzug und wir dazwischen mit Chucks und zerrissenen Jeans", sagt Schmöger. "Wir haben unser Gründersein richtig ausgelebt."
Eine eigene Firma zu gründen, liegt für Consultants nah. Sie haben das Wissen, die Netzwerke, das Geld - und das Selbstvertrauen. Unter den Finalisten des Deutschen Gründerpreises waren in diesem Jahr gleich mehrere Unternehmensberater. Ramin Goo hat früher für McKinsey gearbeitet, jetzt verkauft er in seinen Kochhäusern portionierte Zutaten mit den dazu passenden Rezepten. Ein frisches Lorbeerblatt, drei Stiele Basilikum, eine Knoblauchzehe - alles wird einzeln abgerechnet. Fünf Läden hat er mittlerweile, drei in Hamburg, zwei in Berlin. 170.000 verkaufte Rezeptsets, 50 Mitarbeiter und ein Jahresumsatz von 1,5 Millionen Euro sind seine Bilanz für 2011.
Die Ausgaben sind jetzt nicht mehr egal
Ähnlich erfolgreich sind die ehemaligen Consultants Friedrich Schwandt und Tim Kröger. Zusammen mit 60 Mitarbeitern sammeln sie Studien und Fakten zu unzähligen Themen, bereiten sie als Tabellen und Grafiken auf - und verkaufen sie über ihr Portal Statista im Internet. Schon Ende 2010, knapp zweieinhalb Jahre nach der Gründung, machte die Firma den ersten Gewinn. Mittlerweile zählen Schwandt und Kröger jedes zweite Dax-Unternehmen zu ihren Kunden. Eine englischsprachige Seite gibt es schon, Französisch und Spanisch sollen noch in diesem Jahr folgen.
Die weniger erfolgreichen Gründer schaffen es selten in die Schlagzeilen. Eine Firmenpleite wegzustecken, fällt niemandem leicht, doch als Unternehmensberater mit seinem Unternehmen zu scheitern, ist besonders bitter. Die Kollegen der drei A.T.Kearney-Consultants reagierten entsprechend skeptisch auf ihre Idee. "Die meisten schwankten zwischen Anerkennung und Verwunderung", sagt Schmöger. "Warum wir all das einfach aufgeben - ausgerechnet für Kindermode, das war für einige schwer nachvollziehbar."
Tatsächlich sehne er sich jetzt, ein Jahr später, manchmal zurück in die Zeit, als ihm seine Ausgaben noch egal sein konnten. Aber insgesamt sei er jetzt glücklicher. "Geld ist nicht alles. Eine Idee zu haben und sie dann auch umsetzen zu können, mit allen positiven und negativen Folgen, das ist unbezahlbar." Als Unternehmensberater arbeite man manchmal monatelang an einem Konzept, jette durch die ganze Welt - und am Ende werden die Pläne gar nicht realisiert.
Das Unternehmensberaterhirn ausschalten
Weniger Theorie und mehr Praxis wünschte sich auch Carolin Heilbut, 33, in ihrem Beruf. Sie gab ihren Beraterjob bei der Hamburger Agentur Forway Consulting für ihren Onlineshop Yoga Yeah! auf. Dort verkauft sie Taschen für Yoga-Matten, Trainingshosen, Stulpen, Armbänder und T-Shirts im AC/DC-Look. "YO/GA, Let There Be Om" steht darauf. Die Geschäfte laufen gut, vor kurzem ist ihre Schwester in Vollzeit eingestiegen.
"Aus der Sicht eines Unternehmensberaters backe ich natürlich kleine Brötchen", sagt Heilbut. "Der Denkansatz ist ganz anders. In der Beratung werden immer gleich große Pläne gemacht, ich arbeite mich schrittweise vor." Als sie vor vier Jahren anfing, ließ sie nur T-Shirts bedrucken, fünf Motive hatte sie zur Auswahl. Gründungszuschuss und private Ersparnisse gaben ihr Sicherheit. "Ich war damals noch Vorreiter, Yoga-Shirts gab es sonst nur in den USA", sagt sie. "Das war wohl auch mein Glück, so kamen schnell viele Kunden." Mittlerweile produziert sie selbst, hat eine neue Kollektion entworfen.
Ihrem Arbeitgeber hatte sie schon früh von ihren Plänen erzählt. Gern dürfe sie nach Feierabend an einem eigenen Businessplan arbeiten, hatte es geheißen. "Dass ich wirklich kündige, hat wohl niemand gedacht", sagt Heilbut. "Nach ein paar Monaten habe ich aber gemerkt: Wenn ich diese Tür nicht zumache, wird die andere nie aufgehen." Ihr Traum ist ein eigenes Yoga-Studio mit Shop, Ayurveda-Café und Yoga-Bibliothek. Eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin hat sie schon: "Manchmal muss man sein Unternehmensberaterhirn ausschalten und sich sagen: Probier's einfach."
Ihr wollt doch nur Geld machen
Wie schwer sich mancher Consultant damit tut, ahnt man, wenn man Sebastian Schmöger zuhört. Wenn er von Kindsstoff erzählt, spricht er von Set-up und Supply Chain, Cash Flow, Leave und Produktpyramide. Typischer Beratersprech. "Manchmal kommen wir uns vor, als hätten wir einen riesengroßen Stempel auf der Stirn, der uns als Unternehmensberater brandmarkt", sagt er. Einen Stempel, der oft negative Assoziationen auslöst. Ihr wollt doch nur schnell Geld machen! Ihr seid zu durchstrukturiert! Steckt da auch genügend Leidenschaft dahinter?
Schmöger wird wütend, wenn er daran denkt, was er sich in den vergangenen Monaten alles anhören musste: "Wir haben viel Geld in unsere Idee gesteckt, verzichten seit über einem Jahr auf ein Gehalt, haben uns monatelang von Fachleuten beraten lassen, arbeiten sogar noch mehr als früher - und dann fragt uns allen Ernstes jemand, ob wir auch genügend Leidenschaft in unsere Idee stecken?"
Einen sechsstelligen Betrag haben die drei Gründer gemeinsam in ihr Label investiert. Das reichte für die ersten Monate. Dann begann die Suche nach Investoren. "Wir mussten viele schmerzliche Erfahrungen machen", sagt Reichhuber. Über das Almuni-Netzwerk der Otto Beisheim School of Management, der Uni von Robert Rebholz, fanden sie schließlich einen "Business Angel", einen vermögenden Geschäftsmann, der sich an ihrem Start-up mit einem sechsstelligen Betrag beteiligte. Seit dem 25. Juni ist Kindsstoff online, 500 Pakete haben sie bislang gepackt.
Ganz in der Tradition ihres früheren Jobs schmieden die drei schon große Pläne: Robert Rebholz, der zurzeit in Los Angeles einen MBA macht, bereitet gerade den Marktstart in den USA vor.
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