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Mythen der Arbeit Wer arbeitet, muss davon seine Familie ernähren können - stimmt's?

Familie mit zwei Kinder: Nicht jeder Job muss jede Familiengröße finanzieren Zur Großansicht
DPA

Familie mit zwei Kinder: Nicht jeder Job muss jede Familiengröße finanzieren

Muss ein Job wirklich für eine ganze Familie reichen, wie Befürworter des Mindestlohns behaupten? Nein, sagt Arbeitsforscher Joachim Möller: So einen Anspruch kann es nicht geben. Einen Mindestlohn hält er dennoch für notwendig.

Von Befürwortern eines Mindestlohns hört man manchmal als Begründung "Wer arbeitet, muss davon auch seine Familie ernähren können". Nun gehöre ich selbst zu den Befürwortern eines Mindestlohns, dieses Argument kann ich allerdings nicht teilen.

Warum ich widerspreche? Nehmen wir als Beispiel einen geringqualifizierten Alleinverdiener mit Partnerin und vier Kindern. Für den Lebensunterhalt wäre selbst bei einer Vollzeitstelle eine Lohnhöhe erforderlich, die deutlich über den derzeit diskutierten Mindestlohngrenzen läge und bei vielen Jobs nicht zu erzielen ist. Er kann daher darauf angewiesen sein, das Gehalt mit Hartz IV aufzustocken. Kaum jemand würde wohl in Frage stellen, dass es eine gesellschaftlich sinnvolle Funktion der Grundsicherung ist, hier einen Beitrag zu liefern, damit es zum Leben reicht.

Gleichzeitig gibt es in Deutschland aber auch alleinstehende Personen, die trotz Vollzeitbeschäftigung nur mit ergänzendem Hartz IV über die Runden kommen. Besonders kritisch zu bewerten sind Fälle, in denen eine Firma trotz florierenden Geschäfts ihre Niedriglohnbeschäftigten explizit dazu auffordert, den Verdienst über die Beantragung von Aufstockerleistungen anzuheben. Dies mögen eher Einzelfälle sein, die Tatsache, dass sie möglich sind, signalisiert aber einen Webfehler des Systems.

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Ein allgemeiner Mindestlohn könnte dem entgegenwirken. Wird beim Niveau einer solchen Lohnuntergrenze nicht überzogen, wären auch keine Jobverluste zu befürchten, und dennoch könnten viele Geringverdiener davon profitieren. Zwei Drittel der Aufstocker im Westen arbeiten für einen Stundenlohn von weniger als 7,50 Euro, im Osten sind es sogar 85 Prozent der Aufstocker.

Die Zahl der Aufstocker würde nach Einführung eines Mindestlohns tendenziell sinken. Seine Einführung verhindert aber nicht, dass es weiterhin Menschen geben wird, die trotz Erwerbstätigkeit auf ergänzende Hartz-IV-Leistungen angewiesen sind. In nicht wenigen Fällen würde sich nur die Höhe der Aufstocker-Beträge verringern - was zwar die öffentlichen Haushalte entlastet, bei den Betroffenen jedoch allenfalls kleine Verbesserungen im verfügbaren Einkommen bringt. Man muss sich also vor Augen halten, dass ein Mindestlohn kein Allheilmittel ist, mit dem sich alle Probleme von Armut und Armutsgefährdung auf einen Schlag lösen ließen.

Wann treibt's die Firmen in den Ruin?

In einer Marktwirtschaft hat ein Lohn verschiedene Funktionen: Er schafft die materiellen Voraussetzungen für die Bedarfsdeckung, gibt aber auch Anreize, beispielsweise für ein höheres Engagement oder den Erwerb zusätzlicher Qualifikationen. Dabei muss stets gelten, dass der Lohn die Wertschöpfung, die durch die ausgeübte Tätigkeit erbracht wird, nicht übersteigt. Andernfalls würde die Firma in den Ruin getrieben werden.

Der Lohn kann letztlich die Produktivität nicht außer Acht lassen. Der Wert der erzeugten Güter und Dienste hängt auch von der Zahlungsbereitschaft der Akteure ab. Die Gesellschaft muss sich entscheiden, was ihr Kindererziehung, Pflege, Sozialarbeit, Gebäudereinigung oder Haarschnitt wert sind. Die Zahlungsbereitschaft für diese Leistungen ist in aller Regel nicht naturgegeben, sondern beruht auch auf Konventionen, institutionellen Bedingungen, Einflüssen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen usw.

Soweit die produktive Leistung durch Teamleistung zustande kommt, entsteht zudem noch die Frage der Zumessung der einzelnen Beiträge. Man wird wohl zustimmen, dass die Chefärztin mehr verdienen soll als die Krankenschwester. Aber um wie viel mehr? Wiederum sind die Relationen nicht naturgegeben, sondern oft historisch gewachsen.

Spielräume der Ungleichheit

Die Frage nach der angemessenen Bezahlung wirft noch einen weiteren Aspekt auf. "Wohlstand für alle" war ein Leitmotiv der deutschen Nachkriegsgesellschaft und nicht unwesentlich für die breite Akzeptanz der Marktwirtschaft in der Bevölkerung. Technologischer Fortschritt, internationaler Handel und effiziente gesellschaftliche Institutionen haben in den ersten Nachkriegsjahrzehnten auch zur Erfüllung des Versprechens geführt. Selbst die Geringverdiener hatten an der Steigerung des gesellschaftlichen Wohlstands teil. Man könnte sagen: Die Flut hat die Boote gehoben, die großen wie die kleinen.

Dieses Prinzip ist nun aber in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend aufgeweicht worden. Das hat damit zu tun, dass die Lohnungleichheit stark angestiegen ist. Es gibt Gruppen in der Arbeitnehmerschaft, die in diesem Zeitraum keinen Zuwachs an Kaufkraft mehr erlebt haben. Ihre Realverdienste stagnierten oder sind sogar zurückgefallen. Und dies, obwohl der technologische Fortschritt mit unvermindertem Tempo anhält und doch dazu führen sollte, dass der zu verteilende Kuchen wächst. Warum ist es so, dass man in früheren Zeiten auch mit geringer Qualifikation auskömmlich verdiente, dies heute aber vielfach nicht mehr der Fall ist? Ist dieser Prozess unausweichlich? Und: Wenn "Wohlstand für alle" nicht mehr gilt, stellt sich dann nicht eine gesellschaftliche Legitimationsfrage?

Nun, internationale Vergleiche zeigen, dass Volkswirtschaften offenbar einen Spielraum für das Ausmaß der Ungleichheit haben. Weniger Ungleichheit bedeutet nicht zwangsläufig weniger Leistungsfähigkeit, dies zeigt ein Blick auf die skandinavischen Länder. Deutschland hat früher mit deutlich geringerer Ungleichheit als heute offenbar gut funktioniert, warum soll dies nicht auch zukünftig wieder der Fall sein? Eines ist zumindest klar: Wenn die Ungleichheit wieder auf ein vernünftiges Maß zurückgeführt wird, werden auch mehr Personen mit ihrer Erwerbsarbeit ein auskömmliches Einkommen erzielen.

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insgesamt 90 Beiträge
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1. optional
uschikoslowsky 30.05.2013
Wer bezahlt diesen "Arbeitsforscher"? Die Bertelsmannstiftung oder die INSM?
2.
TimmThaler 30.05.2013
Das ist krank! Der vielgescholtene Karl Marx schreibt, dass Arbeit mindestens so viel wert sein muss, wie der Arbeiter zur Wiederherstellung seiner Arbeitskraft - dazu gehört auch die langfristige Regeneration durch Nachkommen - benötigt. Und diese neuliberalen Spinner pervertieren das und sagen: Nö, der muss nichtmal soviel verdienen, den Rest kann ja die Gemeinschaft drauflegen. Wir stecken dann die Gewinne ein. Das sind die wahren Asozialen in dieser Gesellschaft! Ich hab mal gelernt, dass in der Marktwirtschaft Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen. Wenn also keiner die Regale einräumt oder die Klos putzt, die unterbezahlten Arbeiten nicht gemacht werden, weil man davon nicht leben kann, sollte doch der Wert dieser Arbeiten steigen. Und damit der Lohn. Aber da sei eine Arbeitsagentur mit Sanktionen vor, die jeden in diese Billigjobs drücken darf.
3. Inhaltsleer
derschreiber 30.05.2013
Ein paar schöne Argumente. Aber für was. Geschwafel gibt es schon
4.
marthaimschnee 30.05.2013
Moment mal, dieses Spielchen geht auch anders herum: Eine Firma, die einen Angestellten beschäftigt, der einen so geringen Lohn dafür erhält, daß er unter dem Existenzminimum liegt, kann sich das Ausführen dieser Arbeit eben nicht leisten! Durch diese Lohnsubventionen lebt der Arbeitgeber damit über seine Verhältnisse und in diesem Fall ist das keine inhaltsleere Phrase, wie sie Merkel & Co ständig dreschen! Im übrigen untermauern die Argumente dieses "Arbeitsforschers" eher die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen. Wenn Arbeit nicht mehr dazu befähigen muß, sich oder seine Familie zu ernähren, geht da kein Weg dran vorbei, da die Arbeitgeber mit freundlicher Duldung/Beihilfe der Politik immer mehr Menschen in nicht-existenzsichernde Löhne treiben. Speziell auf das Beispiel bezogen, wäre auch der Staat in der Pflicht. Es kann nicht sein, daß man eine gesellschaftliche Verantwortung zum Kinderkriegen einfordert und die, die dies tun dann in der HartzIV Schikane gefangen hält.
5. optional
yang0815 30.05.2013
Wie immer ein sehr schöner und rationaler Artikel. Schade dass die Kosten für die Grundversorgungsgüter noch nicht so weit reduziert werden konnten dass wirklich jeder genug zum Leben hat. Aber wir sind ja auch noch dabei die Produktivität zu erhöhen und damit das Ziel des "Jeder kann von seiner Arbeit leben" zu erreichen.
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Zum Autor
IAB
Der Volkswirt Joachim Möller (Jahrgang 1953) ist seit 2007 Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Die Forschungsstelle gehört zur Bundesagentur für Arbeit. In seiner regelmäßigen Kolumne auf KarriereSPIEGEL rückt er falsche Gewissheiten über die Arbeitswelt zurecht.
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