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Geschäft mit Sinnsuche Ich philosophiere, also verdien ich

Modern Life School: Philosophie nach Feierabend Fotos
Gaby Bohle

Doch, von Philosophie kann man leben. Vor allem Konzerne und gestresste Großstädter geben für die Suche nach Sinn und Gelassenheit Geld aus. Auch die Gründerinnen einer Philosophieschule wollen davon profitieren - mit "How-to-be-cool"-Kursen und "heiteren Neurosen-Abenden".

Pia Schaf steht hinter einem Holztresen. "Für alle, die mehr Fragen haben als Na wie geht's?", steht in geschwungenen Lettern darauf. An die Wand hinter ihr ist eine Sigmund-Freud-Puppe aus Plastik gepinnt. Schaf, 50, aber jünger aussehend, ist Schulleiterin der Modern Life School. In Jeans stapelt sie jetzt die Seminarstühle, auf denen kürzlich Mitarbeiter der Otto Group "Gelassenheit" lernten. Ihre "verrückte Lebensschule" mache sie richtig glücklich, sagt Schaf.

Als die Mitarbeiter des Versandhändlers zu Gast waren, mussten die Gruppen geteilt werden - so groß war der Andrang. 500 von ihnen wollten etwas über das Thema "Gelassenheit" lernen. Sie erfuhren, dass bereits Seneca sich mit der Rastlosigkeit plagte, und wie Heidegger das sieht. Die Philosophieschule bietet "Classes" an, in denen die Teilnehmer über existentielle Fragen grübeln und philosophieren. "How to be cool" und "Von der Kunst der Gelassenheit" heißen sie, ein zweistündiger Kurs kostet bis zu 50 Euro.

Ziemlich ratlos waren vor knapp vier Jahren auch Pia Schaf und Mitgründerin Gaby Bohle. Damals arbeiteten sie in ihrer Hamburger Werbeagentur, durchaus erfolgreich, 20 Angestellte waren es zu Spitzenzeiten. Doch etwas fehlte, sagt Schaf. Der Sinn. Ein Grund, um fröhlich aufzustehen. Täglich ging es nur darum, Produkte zu verkaufen. "Wir waren zwei Mädels kurz vor 50, die keinen Boden mehr sahen."

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Consultants auf Sinnsuche: Tschüs, Beratung
Als Schaf einen Zeitungsartikel über die School of Life entdeckte, eine Schule für Alltagsphilosophie in London, reifte die Idee. Die beiden Frauen setzten sich in den Flieger. Sie hatten Kurse gebucht, darunter "How to find the job I love". Die Schule gefiel ihnen. Zum Kennenlernen sollte man sich in einigen Kursen nicht verkrampft vorstellen, sondern seinen Nachbarn zeichnen. Schaf und Bohle war klar, dass sie das Konzept im konservativen Hamburg vorsichtiger adaptieren müssten. Als sie selbst auf Sinnsuche waren, wurde dieses das neue Geschäft der Frauen.

Auch heute Abend dreht sich alles um Sinn. Thomas Vašek soll in der Schule die Frage "Wozu Philosophie?" beantworten. Vašek studierte zunächst Philosophie, sattelte dann auf Mathe und VWL um und brach das Studium schließlich ab. Nach mehreren Jahren im Verlagshaus Gruner + Jahr gründete er mit einer ehemaligen Kollegin das Philosophiemagazin "Hohe Luft", dessen Chefredakteur er heute ist. Vašek will Philosophie zurück in den Alltag holen und Orientierung bei der Sinnfrage bieten. Zielgruppe: Keine akademischen Fachleute, sondern jedermann. Acht Euro kostet die Zeitschrift am Kiosk, alle zwei Monate werden 25.000 Exemplare verkauft.

Früher CDU-Berater, heute Philosophie-Profiler

Dass es da draußen einen wahren Sinnmarkt gibt, merkt auch Dominic Veken. Er hat Philosophie studiert. Lange Jahre arbeitete er als Strategieberater einer großen Werbeagentur, beriet die CDU und Angela Merkel im Wahlkampf. Heute ist er "Unternehmensphilosoph", selbständig, und hat ein Buch über "Begeisterung" geschrieben. Seine Firma heißt "Glowbal", "Glow" wegen dem Leuchten der Begeisterung. Das will er wecken.

"Als Geisteswissenschaftler kannst du einen wichtigen Beitrag zur Unternehmensentwicklung leisten", glaubt er. Er arbeite nicht an der "Aufstellung" wie ein Unternehmensberater, sondern an der "Einstellung". Wichtig sei es, in Gesprächen herauszufinden, welche Sehnsüchte und Hoffnungen es im Unternehmen gebe, das Unternehmen als "Geistesgemeinschaft" zu betrachten. Seine Befragungen zeichnet Veken auf, anschließend gehe es darum, aus dem Tonmaterial "wie ein Profiler eine Philosophie zu zimmern." Die HSH Nordbank oder EnBW betreut er unter anderem.

"Begeisterungsarbeit" nennt Veken seinen Job und verhalf Unternehmen zu Claims, die ihren Geist auf einen Satz bringen: "Menschen sind unser Leben" zum Beispiel oder "Die Kraft der Verantwortung". Denn erst mit Begeisterung zögen Mitarbeiter an einem Strang, sagt Veken. Oft sei er "Geburtshelfer". Dass er die Philosophie in der Wirtschaft weiter auslegen muss, stört ihn nicht. Er habe keinen Dünkel, sagt Veken. Wie viel genau er mit seiner Arbeit einnimmt, will er nicht sagen. Nur so viel: Er verdiene heute mehr als in seinem früheren Führungsjob in der Werbeagentur.

Die Leiterinnen der Modern Life School tun sich dagegen noch schwer, Philosophie und Wirtschaftlichkeit zusammenzubringen. Vor der Gründung hatten alle Banken sie abblitzen lassen - einen Kredit gab es nicht. Freunde, die an ihre Idee glaubten, sprangen ein und liehen ihnen Geld. Nächstes Jahr soll sich die riskante Idee tragen. "Es passiert jeden Tag", sagt Mitgründerin Schaf, "dass Leute reinschauen, einen Kaffee trinken und reden wollen: Deswegen ist Philosophie für mich sexy." In ihrer Schule wolle sie Philosophie erlebbar machen und in den Alltag holen, sagt Schaf, dafür müsse man aber nicht Hegels Gesamtwerk lesen.

Neulich gab es den "heiteren Stadtneurosen-Abend" mit einem Martini und Woody-Allen-Filmen. Da verriet Schaf auch ihre eigene Neurose: Sie habe einen Zahlentick, aus Autokennzeichen "müsse" sie Quersummen bilden. Vielleicht rechnet sich bald auch ihre Lebensschule.

Zur Autorin
  • Stefanie Maeck (Jahrgang 1975) ist Absolventin der Zeitenspiegel Reportageschule und arbeitet als freie Journalistin in Hamburg. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Romanistik und promovierte in Literaturwissenschaft.

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insgesamt 20 Beiträge
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    Seite 1    
1. elendes Lifestyle-Gedöns
ginkorolf 23.07.2013
Schon Lichtenberg wusste: "Dass die Philosophie eine Frau ist, erkennt man daran, dass sie an den Haaren herbeigezogen wird." Ich sage: Dass die Philosophie keine Hure ist, erkennt man daran, dass sie schlecht bezahlt wird. Diese affirmativen Wochenendkurse für "Sinnsucher" sind albern, weil sie jede form der Kritik ausblenden.Niemand kann einem die kritische Beschäftigung mit sich selbst und der Gesellschaft abnehmen. Das geht nicht mal auf die Schnelle und für Kohle. Und es ist mitunter eher unangenehm als erfrischend. Aber nen tollen Sinn für Inneneinrichtung haben die Damen. Sieht aus wie in einer Grundschule.
2. elendes Lifestyle-Gedöns
ginkorolf 23.07.2013
Schon Lichtenberg wusste: "Dass die Philosophie eine Frau ist, erkennt man daran, dass sie an den Haaren herbeigezogen wird." Ich sage: Dass die Philosophie keine Hure ist, erkennt man daran, dass sie schlecht bezahlt wird. Diese affirmativen Wochenendkurse für "Sinnsucher" sind albern, weil sie jede form der Kritik ausblenden.Niemand kann einem die kritische Beschäftigung mit sich selbst und der Gesellschaft abnehmen. Das geht nicht mal auf die Schnelle und für Kohle. Und es ist mitunter eher unangenehm als erfrischend. Aber nen tollen Sinn für Inneneinrichtung haben die Damen. Sieht aus wie in einer Grundschule.
3. Feigenblatt
jocheno.b. 23.07.2013
Es ist bezeichnend, dass "Mädels" aus der Werbeindustrie auf so eine Idee kommen. Kundenverarschung auf Sinnebene. Für Industrieunternehmen lohnt es sich eine Firemideologie zu fördern. Für eine elitäre Minderheit auf Kosten der Leiharbeiter und H4 Aufstocker. Irgenwie muss sich das geisteswissenschaftliche 'Spass'studium doch versilbern lassen.
4. An sich keine schlechte Idee ..
Trolf77 23.07.2013
.. die die Damen da verfolgen. Philosophie ist recht vielfältig und hilft, gelegentlich mal über den Tellerrand unseres bisweilen doch recht beschränkten Daseins hinauszublicken. Allerdings deuten die ganzen albernern Marketingsprech-Anglizismen hier nicht gerade auf eine ernsthafte Herangehensweise hin. Gelassenheit durch Philosophie bspw. dürfte doch eine wesentlich intensivere Beschäftigung erfordern als hier und da mal ein Wochenendseminar.
5. Schon lustig...
BettyB. 23.07.2013
Was so alles als "Philosophie" bezeichnet wird, ist schon lustig, obwohl Leute, die Philosophie studiert haben (aber sich gerade deshalb noch lange nicht als Philosophen bezeichnen) es eher als höchst peinlich empfinden. Aber zum Glück merkt ja kaum jemand, wie irre es ist, von Unternehmensphilosophie oder gar der des Fußballspiels zu sprechen...
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