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Aussteiger bei Microsoft Raus aus dem Job, rein ins Leben

Management-Aussteiger: Einer ist immer der Schwächste Fotos
Foto Sexauer/ WerkSatt

Einst waren sie Manager bei Microsoft, doch sie fühlten sich überflüssig oder überfordert. Heute sind sie Heilpraktiker, trainieren Führungskräfte oder produzieren Schmuckbänder. Drei ehemalige Mitarbeiter des Software-Konzerns berichten über ein neues Leben.

Wenn Bernd Heiler, 46, über seine Zeit als Manager bei Microsoft redet, bleibt er sanft und gelassen. Nur an seinem Fuß, der sich auf und ab bewegt, merkt man, dass ihn die Sache nicht kalt lässt. 18 Jahre lang hat er für den Software-Riesen gearbeitet. Heute ist er Heilpraktiker für Psychotherapie und kümmert sich um Menschen, die mit ihren Problemen im Beruf nicht zurechtkommen. So wie er damals.

Er spricht über die harsche Kritik, die einige deutsche Ex-Mitarbeiter an der Firma üben. Microsoft treibe Leute in den Burnout und ekele altgediente Mitarbeiter raus, um Platz für Frischfleisch zu schaffen, heißt es in Internetforen. Microsoft widerspricht dem. Die Personalstatistik sage etwas anderes.

Bernd Heiler sagt, er finde solche Aussagen von Ex-Mitarbeitern nicht hilfreich. Er wägt ab, formuliert vorsichtig. Bernd Heiler will nicht brechen mit seinem alten Leben. Er kann verstehen, dass manche Leute Probleme haben mit einem Bewertungssystem, dass vorschreibt, dass es in jedem Team feste Prozentsätze von Top-Leuten, mittelmäßigen und schlechten geben muss. Einer ist immer Loser, per Definition. Aber so sei das nun mal in amerikanischen Firmen, sagt Heiler. "Es ist ja kein spezielles Microsoft-Problem."

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Bei ihm war einfach irgendwann die Luft raus, sagt er. Dass der gelernte Wirtschaftsinformatiker heute Therapeut ist, ist naheliegender als es zunächst scheint: Schon in seiner Zeit bei Microsoft kümmerte er sich als ehrenamtlicher "Personal Balance Guide" um Mitarbeiter, die vor lauter Home Office und internationalen Telefonkonferenzen quer durch die Zeitzonen ihr persönliches Lebensgleichgewicht verloren hatten. Als in seinem Team vor ein paar Jahren die ersten Burnout-Fälle auftraten und er selbst psychisch angeschlagen war, wurde ihm immer klarer, dass er nicht mehr Software, sondern Menschen betreuen wollte. "Worauf wartest du noch?" sagte seine Frau.

Nicht jeder sieht Microsoft so kritisch wie er: Bei Uni-Absolventen ist das Unternehmen seit Jahren einer der beliebtesten Arbeitgeber. Immer wieder wird der Konzern ausgezeichnet für seine modernen Arbeitszeitmodelle und für Frauenförderung. Dennoch scheinen Mitarbeiter aus dem mittleren Management um die 40 unzufrieden zu sein. Sie fragen sich: Will ich in dieser Firma alt werden? Und will mein Arbeitgeber das?

Typisch Microsoft: Immer in Bewegung, sich alles zutrauen

Diese Frage stellte sich auch Markus Voit lange. Irgendwann hörte er einen der Chefs in der Kantine sagen: "We need fresh blood." Voit, der bei Microsoft fast zehn Jahre lang denselben Job gemacht hatte, fühlte sich angesprochen. In einer Branche, die von Kreativität und neuen Ideen lebt, habe Erfahrung keinen Wert, sagt er. Sein Chef forderte ihn immer wieder auf, mal etwas ganz anderes zu machen. Typisch Microsoft, findet Voit: Sich alles zutrauen, neue Dinge anpacken, in Bewegung sein, durch die Abteilungen hüpfen.

Ihm drohte die Einstufung als "Underperformer", als einer, der's nicht mehr bringt. Wer schlechte Bewertungen kriegt, gerät in den Fokus der Personalverantwortlichen, bekommt zwar Unterstützung, muss sich aber auch rechtfertigen. Bei manchen mag das ein Aufrappeln bewirken. Doch Voit fühlt sich überwacht durch die ständigen Zielvereinbarungen, wöchentlichen Berichte und Jahresgespräche.

Irgendwann sei er nur noch mit Bauchweh und Übelkeit in die Arbeit gegangen, erzählt Markus Voit. Der Internist schickt den Mann mit dem zupackenden Händedruck ins Krankenhaus, Verdacht auf Darmkrebs. Doch es ist die Psyche. Acht Wochen lang bleibt er krankgeschrieben. Im Oktober 2010 unterschreibt er den Aufhebungsvertrag.

"Ich vermisse nichts"

Nach seinem Ausstieg bei Microsoft las Markus Voit eine Stellenanzeige von Apple. "Genau mein Job, nur das Logo war anders", erinnert sich Voit. Er schrieb eine Bewerbung und schickte sie nie ab.

Heute organisiert er Teambuilding-Seminare. Die Gruppen kochen in seiner Location Werksatt im Norden Münchens, arbeiten mit Holz oder machen Action-Painting. Markus Voit lässt sie dann mit dem Luftgewehr auf Farbbeutel-Kondome schießen, darunter liegt eine Leinwand. Sein E-Mail-Konto mit 300 Mails am Tag fehlt ihm nicht.

Was ihr heute fehlt, nach 21 Jahren bei Microsoft? Christine Niehage muss über diese Frage nicht nachdenken. "Ich vermisse nichts", sagt sie. Als die Vertriebsmitarbeiterin am 30. Juni 2009 ihren Firmenwagen abgeben musste, traf sie eine ganze Reihe alter Kollegen auf dem Absprung. Etwa hundert Mitarbeiter verließen im Krisenjahr 2009 über ein Abfindungsprogramm Microsoft Deutschland. Viele Altgediente darunter, "Charakterköpfe", sagt Niehage. Man trank noch eine Tasse Kaffee zusammen. Dann fuhr Christine Niehage mit der S-Bahn nach Hause.

Christine Niehage war eine der ersten Mitarbeiterinnen von Microsoft Deutschland. Damals habe der deutsche Geschäftsführer auch noch Lederjacken verkauft, erzählt sie, "weil das Lager für die paar Software-Pakete viel zu groß war." Sie habe viele gute Jahre bei Microsoft gehabt. "Aber irgendwann wurde es unerfreulich, und da hab ich mich gefragt, ob ich da noch hinpasse." Bürokratie, Umsatzdruck und die ständigen Umstrukturierungen erstickten die Euphorie der Anfangsjahre.

Im Frühjahr 2009 hört Niehage von dem freiwilligen Abfindungsprogramm, das möglichst viele Mitarbeiter zum Gehen bewegen sollte. Niehage war klar: Das war's. "Erstmal hab ich geheult", erzählt sie. "Ich hatte Schiss, die Sicherheit war weg."

"Das Leben, das ich jetzt lebe, ist viel näher dran an mir"

Im November 2009 fuhr eine Freundin mit ihr nach Wuppertal und zeigte ihr dort eine alte Weberei, die einen neuen Besitzer suchte. Auf hundert Jahre alten Jacquard-Webstühlen werden dort Schmuckbänder hergestellt, zum Dekorieren von Geschenken. Christine Niehage, die in ihrer Freizeit immer gerne genäht hatte, sagte: "Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich nach Wuppertal ziehe?" Den Plan für eine Kochschule und einen Kochbuchverlag in München hatte sie fertig in der Schublade. Doch sie blieb in Wuppertal. Heute führt Niehage die Bandweberei Kafka, die gleichzeitig ein Museum ist. Sie hat acht Angestellte.

Niehage hat wie die anderen beiden Ex-Microsoft-Mitarbeiter von den guten Abfindungen profitiert. Markus Voit kann nicht sagen, ob er mit Farbbeuteln und Werkbänken die Marktlücke gefunden hat, die seine Familie auf Dauer ernährt. Er fragt sich oft, wie es weitergeht. Bernd Heiler ist zwar froh über einen Beruf, in dem er auch als älterer Mensch etwas zählt. Dennoch denkt er jede Woche darüber nach, wie seine Absicherung im Alter aussieht. Auch bei Christine Niehage sitzt das Geld nicht mehr so locker wie früher. "Aber das Leben, das ich jetzt lebe", sagt sie, "ist viel näher dran an mir."

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Julia Graven (Jahrgang 1972) ist freie Wirtschaftsjournalistin in München.

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insgesamt 42 Beiträge
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1.
altebanane 18.03.2013
"Doch Voit fühlt sich überwacht durch die ständigen Zielvereinbarungen, wöchentlichen Berichte und Jahresgespräche." Ähm, das ist schade - ich persönlich kann mir eigentlich keinen freieren Job vorstellen - einmal die Woche ein bisschen berichten und das Jahresgespräch dient ja auch eher der Kosmetik. Und Zielvereinbarungen sind meist an -zusätzliches- Geld gekoppelt, also nichts Schlimmes.
2. Nicht nur Microsoft
ironbutt 18.03.2013
Auch wenn mit - als Unix und FOSS Advokat - Kritik an MS und Apple stets gut runter geht: die genannten Probleme und Anforderungen existieren in anderen Unternehmen und Branchen genau so. MS kann hier nur als Beispiel für ganz, ganz viele Arbeitgeber dienen
3. Linux ...
distel61 18.03.2013
... heißt die Lösung! :D
4.
CompressorBoy 18.03.2013
Zitat von sysopBernd Heiler sagt, er finde solche Aussagen von Ex-Mitarbeitern nicht hilfreich. Er wägt ab, formuliert vorsichtig. Bernd Heiler will nicht brechen mit seinem alten Leben. Er kann verstehen, dass manche Leute Probleme haben mit einem Bewertungssystem, dass vorschreibt, dass es in jedem Team feste Prozentsätze von Top-Leuten, mittelmäßigen und schlechten geben muss. Einer ist immer Loser, per Definition. Aber so sei das nun mal in amerikanischen Firmen, sagt Heiler. "Es ist ja kein spezielles Microsoft-Problem."
"Er will nicht brechen mit seinem alten Leben"... Das merkt man. Eine kritische Betrachtung wird dadurch allerdings verhindert. Und heraus kommt nur abstoßendes Geschwalle.
5. Gruselfirma Microsoft?
gfh9889d3de 18.03.2013
Einem Selbständigen aus Überzeugung (ohne unternehmerischer Beziehung zu MS) fällt auf: Da es Ihnen gelungen ist, drei (!) Aussteiger von derzeit 2.600 Mitarbeitern (Microsoft: Über uns (http://www.microsoft.com/de-de/corporate/ueber-uns/default.aspx)) aufzutreiben, scheint Microsoft als Arbeitgeber wirklich zu vollstem Recht sehr beliebt zu sein. Ach, und einer wird auch noch "Heilpraktiker für Psychotherapie", ein Beruf dessen Prüfung sich laut Psychotherapie (Heilpraktikergesetz) (http://de.wikipedia.org/wiki/Psychotherapie_(Heilpraktikergesetz)) weitgehend darin erschöpft, zu verhindern, dass er eine "Gefahr für die Volksgesundheit" darstellt. Supi.
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