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Großer Wurf einer Grafikerin "Bist ja blöd! Kannst auch mal was hinschicken"

Deutsche Illustratorin: Dreimal auf dem Cover des "New Yorker" Fotos
Birgit Schössow/ The New Yorker

Das US-Magazin "The New Yorker" ist legendär für starke Cover. Schon ihr drittes Titelbild in diesem Jahr hat eine Illustratorin aus einem winzigen Dorf in Schleswig-Holstein gestaltet. Nanu, wie konnte ihr denn das gelingen? Ein Anruf bei Birgit Schössow.

KarriereSPIEGEL: "The New Yorker" ist eines der renommiertesten Magazine der Welt, jede Woche ziert eine Illustration den Titel. Dieses Jahr war Ihr Name schon dreimal auf dem Cover. Wie kam es dazu?

Schössow: 2012 hat Françoise Mouly, Art Director des "New Yorker", das Buch "Blown Covers" herausgebracht. Es geht darin um abgelehnte Ideen und die Gründe dafür - weil vielleicht ein Witz nicht funktionierte oder eine Idee politisch zu prekär war. Auf einer Website zum Buch bat sie um Skizzen für Cover-Themen.

KarriereSPIEGEL: Für den "New Yorker"?

Schössow: Nein, nicht direkt, die Website war zu einer kleinen Spielwiese geworden. Françoise Mouly schlug wöchentlich Themen vor. Eine Zeitlang war ich nur Zaungast und habe zugeguckt. Nach drei Wochen dachte ich: Bist ja blöd! Kannst ja auch mal was hinschicken.

KarriereSPIEGEL: Wie viele Illustratoren haben mitgemacht?

Schössow: Etwa 50. Mouly hat jede Woche die drei aus ihrer Sicht besten Bilder ausgewählt und auch alle anderen eingereichten Arbeiten auf der Website veröffentlicht. Es ging um Sommeranfang, Fashion Week, Schulbeginn, Aktuelles. Alles, was auch Thema des "New Yorker" ist.

KarriereSPIEGEL: Haben Sie eine Reaktion bekommen?

Schössow: Eines Tages lag eine E-Mail in meinem Postfach: "Wir halten einen Ihrer Vorschläge zurück. Er kommt vielleicht aufs Cover des 'New Yorker'." Da bin ich abgedreht! Und auch beim nächsten Thema erhielt ich so eine E-Mail, war immer motivierter und dachte: Jetzt will ich drauf.

KarriereSPIEGEL: Anfang Februar erschien Ihr Cover mit einem Skifahrer, der eine Piste hinabfährt und den Hang aufzureißen scheint. Darunter wird ein Text sichtbar. Wie entstand das Motiv?

Schössow: Als nach einiger Zeit die "Blown Covers"-Seite eingestellt wurde, bekam ich eine E-Mail mit der Bitte, weiterhin Ideen zu schicken, diesmal für den "New Yorker". Im Anhang war eine Übersicht zu geplanten Themen und Eckpunkten des Jahres. Am Silvestertag habe ich am Schreibtisch über einem Wintermotiv gegrübelt. Da kam mir die Idee mit der aufgerissenen Zeitschriftenseite. Nach einer Woche war das Bild in der engeren Wahl, schließlich kam von Françoise Mouly der Anruf, dass auch der Chefredakteur es gut findet. Da stand ich dann mit meinem radebrechenden Englisch und versuchte, andere Worte als "thank you" und "fantastic" zu sagen.

KarriereSPIEGEL: So ein Anruf ist wie ein Ritterschlag, oder?

Schössow: Ja, fühlt sich so an.

KarriereSPIEGEL: Jetzt sind Sie auf Augenhöhe mit berühmten Malern und Zeichnern wie David Hockney oder Jean-Jacques Sempé, die vor Ihnen für den "New Yorker" gearbeitet haben. Bislang haben es nicht gerade viele Deutsche auf den Titel geschafft...

Schössow: Christoph Niemann! Der hat zwar lange in New York gelebt, stammt aber, soweit ich weiß, aus Baden-Württemberg. Ich habe ihn angerufen, weil ich einige Informationen brauchte. Ein sehr netter Kollege.

KarriereSPIEGEL: Sie gestalten vor allem Cover von Kinder- und Jugendbüchern. Was ist der Unterschied zu einem "New Yorker"-Titel?

Schössow: Das ist eine ganz neue Herausforderung und hat meine Arbeit insgesamt sehr beflügelt. Wie bei allen Illustrationen geht es darum, eine Lösung zu finden, die neu ist und ein Thema kreativ umsetzt.

KarriereSPIEGEL: Im Grunde veranstaltet das Magazin jede Woche einen neuen Bilder-Wettbewerb, oder?

Schössow: Mein Mann verdreht schon manchmal die Augen, wenn ich wieder mit einer Idee komme. Ja, es ist ein andauernder Wettbewerb, an dem ich aber nicht jede Woche teilnehme. Trotzdem frage ich mich ständig: Ob die mich wohl noch lieb haben? Ob die mich noch mal nehmen? Meine Unsicherheit bleibt, trotz der Veröffentlichungen.

KarriereSPIEGEL: Auf Ihrem zweiten Cover ist eine Frau mit großem Hut zu sehen...

Schössow: Ich hatte die Idee, das "O" in "Yorker" für einen Hut zu nutzen. Dann habe ich nachgeschaut, ob es das seit 1925 schon mal gab - und nichts gefunden.

KarriereSPIEGEL: Was macht eine Illustration titeltauglich?

Schössow: Manchmal denke ich: Jede Illustration sieht super aus, wenn der Schriftzug "The New Yorker" drauf ist. Na ja, natürlich übertreibe ich ein wenig. Aber von dem Heft geht Magie aus. Damit verbindet sich so viel Geschichte, dass es eine Zeichnung zu adeln scheint. Durch Cover-Sammlungen des "New Yorker" blätterte ich schon während meines Studiums, als ein eigenes Titelbild in weiter Ferne lag.

KarriereSPIEGEL: Eben erschien Ihr drittes Titelbild, diesmal zum "Film Noir". Haben Sie jetzt so was wie ein Cover-Abo?

Schössow: Ja, klar - ich muss nur irgendetwas schicken! Nein, ernsthaft: Wir sind in Kontakt, ich reiche Entwürfe ein, wenn ich eine Idee habe. Der Rest ist harte Arbeit und viel Spaß. Sicher, es gab guten Zuspruch und Glückwünsche. Aber richtig viele Menschen in Deutschland bekommen das nicht mit.

KarriereSPIEGEL: Was empfehlen Sie Illustratoren, die es Ihnen gleichtun wollen?

Schössow: Zeichnen und dabei Spaß haben. Und Durststrecken bewältigen.

KarriereSPIEGEL: Und zahlt der "New Yorker" ordentlich?

Schössow: Ja, das ist ganz nett.

  • Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autor Peter Wagner. Er ist freier Journalist in München und Herausgeber der Zeitschrift "Das Buch als Magazin".
  • Homepage: "Das Buch als Magazin"

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insgesamt 26 Beiträge
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1. optional
xees-s 04.07.2013
Die kleinen und großen Erfolge im Leben.
2.
Andreas Gonzales 04.07.2013
Ein schönes Interview. Schössows Bilder sind kreative Leidenschaft pur. Danke!
3. Gratuliere!
Flutterby 04.07.2013
Toll, gratuliere! Die Coverbilder sind wirklich aussergewöhnlich... und dieStory zeigt,dass Mut sich auch mal lohnt.
4. Toll!
spon-facebook-1810274577 04.07.2013
Ich weiß nicht, was ich mehr bewundern soll: den Ideenreichtum von Frau Schössow, die Umsetzung ihrer Ideen oder ihre stilistische Vielfalt! Glückwunsch - denn die Cover des wunderbaren "New Yorker" sind in der Regel wirklich die besten der Welt!
5. Wunderbar
badpritt 04.07.2013
Zitat von sysopBirgit Schössow/ The New YorkerDas US-Magazin "The New Yorker" ist legendär für starke Cover. Schon ihr drittes Titelbild in diesem Jahr hat eine Illustratorin aus einem winzigen Dorf in Schleswig-Holstein gestaltet. Nanu, wie konnte ihr denn das gelingen? Ein Anruf bei Birgit Schössow. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/wie-eine-deutsche-illustratorin-cover-des-new-yorker-gestaltet-a-908494.html
Vielen Dank für diesen Artikel. Unspektakulär, aber wesentlich. Jemand lebt seine Begabung und macht einfach mit. So geht das. Sehr schön!
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Zur Person
  • Birgit Schössow lernte ihr Handwerk an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg. Sie arbeitete als Grafikerin beim NDR und zog später in ein Haus an der Ostsee. Schössow illustriert vor allem Kinder- und Jugendbücher, nun arbeitet sie auch für das amerikanische Wochenmagazin "The New Yorker".
  • Ihre Homepage: www.birgit-schoessow.de
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