Von Alexander Linden
Der Charakterkopf: "Totale Willkür"
Max Riemelt sitzt in Kapuzenpulli und Sporthose beim Italiener in der Berliner Torstraße. "Die Welle", "Napola" oder "Mädchen, Mädchen" - er hat große Erfolge als Charakterdarsteller zu verbuchen. "Ich musste noch nie hungern, aber reich bin ich auch nicht", sagt der Vater einer Tochter. Einmal ging er zum Arbeitsamt, um abgesichert zu sein für die Zeit zwischen Drehtagen. "Dort zogen sie mich aus mit Fragen." Nie wieder meldete er sich arbeitslos.
Sorge bereitet Riemelt, 25, die zunehmende Unstetigkeit seiner Branche. So wurde bei einer Produktion die zugesagte Gage mittendrin plötzlich gekürzt, das Drehbuch umgeschrieben. Die Firma erklärte nonchalant, man habe wohl falsch kalkuliert - "ausbaden müssen das die Schauspieler". Im Filmgeschäft herrsche totale Willkür; selbst großer Erfolg sei kein Garant mehr für anschließende Rollenangebote.
Auszuhalten sei das nur, wenn man seinen Job liebe und Erfüllung in der Arbeit finde, sagt Riemelt. Er kann sich noch Prinzipien erlauben: In einer Soap mitspielen wolle er niemals, Geld hin oder her. Dann lieber mal eine gute Komödie, doch "die Stoffe sind oft so seicht, das kann ich nicht ernst nehmen".
Der Regisseur: "Keine Courage"

Regisseur Peter Thorwarth: "Ein, zwei Flops, schon gelten Schauspieler als Kassengift"
Gegenwärtig hält der Regisseur es für schwer, außergewöhnliche Stoffe finanziert zu bekommen. Lieber setze man "auf bewährte Marketingkonzepte"; die Investoren wollten Sicherheit und "große Namen". Thorwarth: "Dabei gibt es in Deutschland, anders als in den USA, maximal eine Handvoll Schauspieler, die das Publikum in die Kinos zieht. Und für die ist es brutal - ein, zwei Flops, schon gelten sie als Kassengift."
Der Solide: "Gagen wie früher ein Anfänger"

Christian Kahrmann: "Immer abhängig von anderen"
Man sei "immer abhängig von anderen und bekommt mittlerweile Gagen angeboten wie früher ein Anfänger", sagt Kahrmann, 40. Alter, Erfahrung, Können, das zähle nicht mehr, bei einer Friss- oder Stirb-Mentalität von Produzenten. Und der Nachwuchs höre: "Wir wollen dich, aber wir können dich nicht bezahlen, könntest du nicht vielleicht umsonst ?"
Immer öfter fordern Produzenten Künstler auf, drastische Gagenkürzungen zu akzeptieren oder "auf Rückstellung" zu arbeiten. Das bedeutet: Mal sehen, was der Film so einspielt; je nach Erfolg bekommen die Schauspieler, was übrig bleibt. Also meist viel weniger als die zuvor vereinbarte Gage - ein Glücksspiel. Schauspielern wird das als Chance verkauft, in einer großen Produktion mitzuwirken. Kahrmann: "Junge Leute, die noch keine Filmographie aufweisen können, haben ja gar keine Wahl, als auf diesen Zynismus reinzufallen."
Zugleich werden die Rekrutierungsmethoden hinterhältiger, etwa das E-Casting: Bewerber müssen daheim vor der Webcam eine Szene spielen und auf Websites hochladen, von denen nur wenige wie filmmakers.de oder schauspielervideos.de seriös sind. Caster selektieren dann die Kandidaten. Dass bei der Rollenlotterie auch Abzockfirmen mitmischen, geht unter.
Für Kahrmann bleibt der Beruf "der schönste der Welt, den man nicht weiterempfehlen kann". Was ein junger Mensch, der Schauspieler werden will, tun sollte? "Man braucht Können, Glück, Beharrlichkeit. Ich würde jedem empfehlen, sich nie auf die Branche zu verlassen und ein zweites Standbein zu besorgen." Denn die meisten würden an dem Beruf scheitern.
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