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12. Juni 2012, 10:50 Uhr

Armutsfalle Schauspielerei

Willkommen in der Rollenlotterie

Von Alexander Linden

Ruhm und Glamour? Von wegen: Auf die meisten Schauspieler warten mickrige Gagen und ein unstetes Leben. Wie es in der Traumbranche wirklich zugeht, zeigen Gespräche mit Jungstars wie David Kross und Max Riemelt, mit erfahrenen Darstellern wie Christian Kahrmann und Florian David Fitz.

An einem grauen Januarmorgen beschloss Ninja Böhlke, ihren Lebenstraum aufzugeben. Zu viele Enttäuschungen, zu wenig Geld - mit 26 gestand sie sich ein, dass die Schauspielerei nicht der richtige Beruf für sie ist: "Ich habe das geliebt, aber dieses unsichere Leben, immer abhängig zu sein von Engagements, nie richtig kalkulieren zu können, das ging nicht mehr."

Dabei hatte sie alles mitgebracht, was eine angehende Schauspielerin braucht: Drei Jahre studierte sie an einer privaten Schauspielschule in Hamburg, war schon in der Schule in Theater-AGs, musizierte, spielte an Kindertheatern. "Es gab manchmal kleine Engagements für Theaterrollen, aber eben nicht regelmäßig." Hinzu kam die prekäre Bezahlung, Urlaube und Nebenjobs waren kaum drin, jederzeit konnte ja ein Angebot reinflattern. Für Ninja Böhlke stand fest: Das war's dann.

Bei kaum einem Beruf klaffen Anspruch und Wirklichkeit so auseinander. Die staatlichen Schauspielschulen werden mit Bewerbungen geflutet, die Etats aber zugleich immer weiter gekürzt. Zuletzt kämpften Berliner Studenten rabiat um den Erhalt der renommierten Ernst-Busch-Schule - bis zum Störmanöver bei "Günther Jauch". Es rumort im Schauspielgewerbe. Allenthalben werden Produktionsetats gedrosselt, Gagen der Künstler gedrückt, reguläre Tarife durch Sondergagen, Rückstellungen und Buy-out-Klauseln ausgehebelt. Zuletzt musste auch die Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten (GVL), die für Künstler und Produzenten die Zweitverwertungsrechte wahrnimmt, ihr System umstellen. Die meisten Schauspieler verloren so 90 Prozent der Ausschüttungen, mit denen sie fest gerechnet hatten.

Arbeitslosengeld ist für Schauspieler wegen ihrer unsteten Beschäftigung ein Dauerproblem, wie auch die staatliche Rente - betriebliche Altersvorsorge existiert praktisch nicht. Die meisten sind froh, wenn sie auf zehn Drehtage pro Jahr kommen. Die Gage pro Drehtag liegt meist bei 800 bis 1000 Euro brutto. Was selten bezahlt wird: Anreise, Übernachtung, Proben. Was so gut wie nie bezahlt wird: Vorsprechen, Drehbücher lesen, Netzwerken, Pressearbeit, Unterricht, Nachsynchronisieren.

Seit SPIEGEL ONLINE vor zwei Jahren über die Schauspieler-Misere berichtete, hat sich die Lage weiter verschärft - und es trifft keineswegs nur den Nachwuchs, wie Treffen mit jungen und erfahrenen Künstlern, mit Regisseuren und Agenten zeigen.

Charakterkopf Max Riemelt, Regisseur Peter Thorwarth, Schauspieler Christian Kahrmann: "Könntest du nicht vielleicht umsonst...?"

Der Charakterkopf: "Totale Willkür"

Max Riemelt sitzt in Kapuzenpulli und Sporthose beim Italiener in der Berliner Torstraße. "Die Welle", "Napola" oder "Mädchen, Mädchen" - er hat große Erfolge als Charakterdarsteller zu verbuchen. "Ich musste noch nie hungern, aber reich bin ich auch nicht", sagt der Vater einer Tochter. Einmal ging er zum Arbeitsamt, um abgesichert zu sein für die Zeit zwischen Drehtagen. "Dort zogen sie mich aus mit Fragen." Nie wieder meldete er sich arbeitslos.

Sorge bereitet Riemelt, 25, die zunehmende Unstetigkeit seiner Branche. So wurde bei einer Produktion die zugesagte Gage mittendrin plötzlich gekürzt, das Drehbuch umgeschrieben. Die Firma erklärte nonchalant, man habe wohl falsch kalkuliert - "ausbaden müssen das die Schauspieler". Im Filmgeschäft herrsche totale Willkür; selbst großer Erfolg sei kein Garant mehr für anschließende Rollenangebote.

Auszuhalten sei das nur, wenn man seinen Job liebe und Erfüllung in der Arbeit finde, sagt Riemelt. Er kann sich noch Prinzipien erlauben: In einer Soap mitspielen wolle er niemals, Geld hin oder her. Dann lieber mal eine gute Komödie, doch "die Stoffe sind oft so seicht, das kann ich nicht ernst nehmen".

Der Regisseur: "Keine Courage"

1999 inszenierte Filmemacher Peter Thorwarth die Räuberpistole "Bang, Boom, Bang". 4,3 Millionen Mark waren ein ordentliches Erstlingsbudget, obwohl es "noch teurer geworden wäre, wenn die Schauspieler nicht auf einen Teil ihrer Gage verzichtet hätten". Den Deal für den Film konnte Thorwarth, 41, noch per Handschlag besiegeln: "Der Verleiher hatte meine Kurzfilme gesehen und gesagt, cool, das gefällt mir, lass uns was starten. Diese Einstellung gibt es heute leider selten." Seit dem Zusammenbruch des Neuen Marktes fehle der Mut zu Experimenten, der Druck auf die Filmbranche sei zu groß. Dabei müsse doch das Kino der "Innovationsmotor der Branche" sein - wenn der abgewürgt werde, "sieht es traurig aus".

Gegenwärtig hält der Regisseur es für schwer, außergewöhnliche Stoffe finanziert zu bekommen. Lieber setze man "auf bewährte Marketingkonzepte"; die Investoren wollten Sicherheit und "große Namen". Thorwarth: "Dabei gibt es in Deutschland, anders als in den USA, maximal eine Handvoll Schauspieler, die das Publikum in die Kinos zieht. Und für die ist es brutal - ein, zwei Flops, schon gelten sie als Kassengift."

Der Solide: "Gagen wie früher ein Anfänger"

Christian Kahrmann ist ein Freund von Thorwarth und kennt die Konkurrenz um eine Rolle. Dem Schauspieler, bekannt etwa aus der "Lindenstraße" und "Das Wunder von Lengede", geht es noch verhältnismäßig gut, er ist etabliert. Aber auch für ihn hat sich der Markt merklich verschlechtert: "Es ist kaum noch möglich, sich allein von den Film- und Fernsehgagen zu finanzieren, geschweige denn eine ganze Familie."

Man sei "immer abhängig von anderen und bekommt mittlerweile Gagen angeboten wie früher ein Anfänger", sagt Kahrmann, 40. Alter, Erfahrung, Können, das zähle nicht mehr, bei einer Friss- oder Stirb-Mentalität von Produzenten. Und der Nachwuchs höre: "Wir wollen dich, aber wir können dich nicht bezahlen, könntest du nicht vielleicht umsonst…?"

Immer öfter fordern Produzenten Künstler auf, drastische Gagenkürzungen zu akzeptieren oder "auf Rückstellung" zu arbeiten. Das bedeutet: Mal sehen, was der Film so einspielt; je nach Erfolg bekommen die Schauspieler, was übrig bleibt. Also meist viel weniger als die zuvor vereinbarte Gage - ein Glücksspiel. Schauspielern wird das als Chance verkauft, in einer großen Produktion mitzuwirken. Kahrmann: "Junge Leute, die noch keine Filmographie aufweisen können, haben ja gar keine Wahl, als auf diesen Zynismus reinzufallen."

Zugleich werden die Rekrutierungsmethoden hinterhältiger, etwa das E-Casting: Bewerber müssen daheim vor der Webcam eine Szene spielen und auf Websites hochladen, von denen nur wenige wie filmmakers.de oder schauspielervideos.de seriös sind. Caster selektieren dann die Kandidaten. Dass bei der Rollenlotterie auch Abzockfirmen mitmischen, geht unter.

Für Kahrmann bleibt der Beruf "der schönste der Welt, den man nicht weiterempfehlen kann". Was ein junger Mensch, der Schauspieler werden will, tun sollte? "Man braucht Können, Glück, Beharrlichkeit. Ich würde jedem empfehlen, sich nie auf die Branche zu verlassen und ein zweites Standbein zu besorgen." Denn die meisten würden an dem Beruf scheitern.

Aufsteiger Florian David Fitz, Agent Peter Schulze, Shooting-Star David Kross: Die Quote als TV-Gradmesser

Der Aufsteiger: "Qualität setzt sich am Ende durch"

Dass Beharrlichkeit und Entbehrungen sich auszahlen können, zeigt der Aufstieg von Florian David Fitz, 37. Schauspieler wollte er werden, um seine kreative Ader auszuleben, "ich fand auch Grafikdesigner oder Musiker eine Option". Fitz machte ein Schauspielstudium in Boston, kellnerte in Restaurants, sprach bei den begehrten auditions für Rollen vor. Manchmal musste er sich Geld pumpen, "aber nie hungern".

"Ich selbst habe meine ersten Filmgagen nicht als Dumping empfunden, aber ich hatte natürlich Glück", sagt Fitz. "Aus meiner Abschlussklasse bin ich der Einzige, der noch spielt." Seine Eltern machten sich Sorgen, aber Fitz machte weiter: "Ich glaube, es lohnt sich, nach Qualität zu streben. Sie setzt sich am Ende durch."

Auch Florian David Fitz saß schon beim Arbeitsamt, wegen der Rente. Einmal und nie wieder. Inzwischen sorgt er privat vor. Die Comedy-Serie "Doctor's Diary" brachte den Durchbruch. Beim Spielfilm "Vincent will Meer" spielte er die Hauptrolle und schrieb auch das Drehbuch - es regnete große Preise. "Das erlaubte mir, eine Rolle zu spielen, die ich sonst nicht bekommen hätte", so Fitz. Wie Max Riemelt ringt er mit flachhumorigen deutschen Produktionen, sagt jedoch: "Es gibt auch viele schöne Filme mit Humor, der von Herzen kommt. Wenn man die Balance hinbekommt, ist das toll."

Fitz hat sich durchgesetzt. Dass viele gern berühmt wären, erklärt er mit den "Sehnsüchten", die Stars wecken: "Kino lebt immer auch von Projektion. Dass die Hollywood-Stars in echt vielleicht so nicht sind, wissen die meisten, aber sie wollen sich verzaubern lassen." Erfolg bringe viele Vorteile, aber auch eine Form von Druck, die nur wenige Schauspieler kennen. "Früher hatte ich Angst, diese oder jene Rolle nicht zu bekommen", so Fitz, "heute habe ich Angst, Erwartungen nicht zu erfüllen."

Der Shootingstar: "Bei Spielberg gab es eine Pauschale"

Manche Jungschauspieler erreichen überraschend schnell Star-Status. Wie David Kross, 21, der mit Oscar-Preisträgerin Kate Winslet in "Der Vorleser" spielte und in Steven Spielbergs "Gefährten". Ja, klar gebe es in der Branche Dumping-Gagen. Gleichwohl: "Ich hatte bislang keinen Grund zu klagen." Was aber nicht heiße, dass er reich sei, schiebt Kross direkt nach. Vielmehr habe er eifrig gespart und pflege auch keinen aufwendigen Lebensstil, habe sich nur ein Motorrad gegönnt.

Kross hatte das Glück, von Detlev Buck entdeckt zu werden und rasch attraktive Rollen zu bekommen. Durch seine internationale Arbeit hat er einen Blick auf die Unterschiede zwischen deutschem Filmgewerbe und dem Ausland. Er erzählt von komfortablen Drehbedingungen in Norwegen ("immer um 18 Uhr Schluss") und von systematisch-korrekter Arbeit in den USA. Dort würden Schauspieler gleich für mehrere Monate geblockt zwecks intensiver Vorbereitung auf eine Rolle. "Ich konnte Reitunterricht in London nehmen für die Rolle bei Spielberg", so Kross.

Was er an seinem Beruf liebt: "Die Schauspielerei erlaubt mir, immer neue Geschichten zu erzählen, mir neue Fähigkeiten anzueignen. Ich bin sehr wissbegierig, aber auch schnell gelangweilt." Was er gar nicht liebt: die penetrante Öffentlichkeit. Gewöhnt hat David Kross sich daran, meidet aber öffentliche Auftritte, so weit es geht. Drei bis fünf Anfragen bekomme er pro Woche, erzählt sein PR-Agent Peter Schulze. Das meiste habe nichts mit der Arbeit als Schauspieler zu tun.

Kross will sich künftig mehr engagieren in seiner Branche. Damit ein Bewusstsein entsteht für die Schauspielerei als kulturelle Leistung, die gerecht entlohnt werden muss. "In Amerika erkennen die Leute viel mehr an, dass wir Schauspieler Künstler sind." Und bei internationalen Produktionen - ist die Gage automatisch höher? Kross winkt ab: "Nein, ich habe bei Spielberg eine Pauschale bekommen, da war alles drin, auch alle Proben und ähnliches." In den USA sind solche Pauschalen bei Hauptrollen üblich; dort werden Schauspieler oft danach beurteilt, ob sie bankable sind, also den Kredit wert. Die im Verhältnis zum Arbeitsaufwand höchste Gage erhielt Kross nicht für Rollen an der Seite berühmter Hollywood-Stars, sondern für die Synchronisation eines Animationsfilmes.

Auf die drängenden Fragen der Branche hat David Kross noch keine Antworten. Ein Streik? Mindestgagen? Ein schüchternes Lächeln: "Ich bin noch nicht so erfahren, um das alles richtig beurteilen zu können. Aber ich werde mich mehr damit auseinandersetzen."

Der PR-Agent: "Warum starren die immer auf die Quote?"

Nicht nur die Zuschauer entscheiden über die Popularität von Schauspielern; die testen vor allem Medien. Aber es kämen fast nur jene vor, die ohnehin gerade en vogue seien, kritisiert Peter Schulze, bestens vernetzter PR-Agent mit begehrten Künstlern im Portfolio: "Ich wünsche mir, dass die Medien öfter auch mal unbekanntere Gesichter vorstellen und einen Blick für ungewöhnliche Talente haben."

Dass Privatsender streng ökonomisch bei Produktionen vorgehen, findet Schulze "nur logisch" und sieht Defizite eher bei den Öffentlich-Rechtlichen. "Die haben einen Informationsauftrag und dafür Gebührengelder zur Verfügung, wieso schauen die immer auf die Quote? Die darf nicht deren alleiniger Gradmesser sein." Dann gäbe es größere Vielfalt und "in der Breite auch bessere Gagen".

Schulzes Verdacht: Der Quote wegen werden immer die gleichen Gesichter besetzt und alle kleinen Rollen beschnitten, um die großen Gagen dieser Hauptdarsteller bezahlen zu können. Auch die oft späten Sendetermine für Experimentierstücke wie "Das kleine Fernsehspiel" oder "Debüt im Dritten" wurmen den Agenten: "Warum kommen gute Sachen oft zur Schlafenszeit?"

Die Gewerkschaft: die Tücken der Mindestgage

Der Bundesverband der Film- und Fernsehschauspieler ringt nahezu verzweifelt um Mindestgagen. Der BFFS organisierte Demonstrationen in großen deutschen Städten; bei Preisverleihungen prangern Mitglieder die prekäre Lage ihrer Kollegen an. Auf der Gegenseite steht die Allianz der Film- und Fernsehproduzenten.

Der Haken: Kommt es zu einer Mindestgage, kann es sein, dass alle nur noch diesen Betrag bezahlen. Und steigen die Gagen, drohen die Sender, einfach weniger Filme zu drehen. Wichtiger wären Tarife, die Alter, Erfahrung, familiären Status berücksichtigen. Derzeit laufen Verhandlungen über angemessene Anfängergagen.

Die Aussteigerin: dann lieber Hebamme

Das alles hat Ninja Böhlke, heute 31, hinter sich gelassen. Bisweilen spielt sie noch kleine Rollen in Vorabendserien, doch ihre Berufung hat sie anderswo gefunden. An jenem Januarmorgen vor fünf Jahren, als sie beim Arzt im Wartezimmer saß, entschied sie sich gegen die Schauspielerei. Und für einen Job, der nicht minder emotional ist: Böhlke schulte um zur Hebamme.

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