Von Alexander Linden
An einem grauen Januarmorgen beschloss Ninja Böhlke, ihren Lebenstraum aufzugeben. Zu viele Enttäuschungen, zu wenig Geld - mit 26 gestand sie sich ein, dass die Schauspielerei nicht der richtige Beruf für sie ist: "Ich habe das geliebt, aber dieses unsichere Leben, immer abhängig zu sein von Engagements, nie richtig kalkulieren zu können, das ging nicht mehr."
Dabei hatte sie alles mitgebracht, was eine angehende Schauspielerin braucht: Drei Jahre studierte sie an einer privaten Schauspielschule in Hamburg, war schon in der Schule in Theater-AGs, musizierte, spielte an Kindertheatern. "Es gab manchmal kleine Engagements für Theaterrollen, aber eben nicht regelmäßig." Hinzu kam die prekäre Bezahlung, Urlaube und Nebenjobs waren kaum drin, jederzeit konnte ja ein Angebot reinflattern. Für Ninja Böhlke stand fest: Das war's dann.
Bei kaum einem Beruf klaffen Anspruch und Wirklichkeit so auseinander. Die staatlichen Schauspielschulen werden mit Bewerbungen geflutet, die Etats aber zugleich immer weiter gekürzt. Zuletzt kämpften Berliner Studenten rabiat um den Erhalt der renommierten Ernst-Busch-Schule - bis zum Störmanöver bei "Günther Jauch".Es rumort im Schauspielgewerbe. Allenthalben werden Produktionsetats gedrosselt, Gagen der Künstler gedrückt, reguläre Tarife durch Sondergagen, Rückstellungen und Buy-out-Klauseln ausgehebelt. Zuletzt musste auch die Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten (GVL), die für Künstler und Produzenten die Zweitverwertungsrechte wahrnimmt, ihr System umstellen. Die meisten Schauspieler verloren so 90 Prozent der Ausschüttungen, mit denen sie fest gerechnet hatten.
Arbeitslosengeld ist für Schauspieler wegen ihrer unsteten Beschäftigung ein Dauerproblem, wie auch die staatliche Rente - betriebliche Altersvorsorge existiert praktisch nicht. Die meisten sind froh, wenn sie auf zehn Drehtage pro Jahr kommen. Die Gage pro Drehtag liegt meist bei 800 bis 1000 Euro brutto. Was selten bezahlt wird: Anreise, Übernachtung, Proben. Was so gut wie nie bezahlt wird: Vorsprechen, Drehbücher lesen, Netzwerken, Pressearbeit, Unterricht, Nachsynchronisieren.
Seit SPIEGEL ONLINE vor zwei Jahren über die Schauspieler-Misere berichtete, hat sich die Lage weiter verschärft - und es trifft keineswegs nur den Nachwuchs, wie Treffen mit jungen und erfahrenen Künstlern, mit Regisseuren und Agenten zeigen.
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