Von Jörg Römer
Vor dem kleinen Dorf Dickel in der Nähe von Diepholz stehen ein paar Kühe auf der Wiese, eigentlich grasen sie hier immer gemächlich, doch heute ist etwas anders. Lautes Hämmern dröhnt in ihre Ohren; sie wenden ihre Köpfe nach links, nach rechts - woher kommt denn dieser Lärm?
Sie müssten nach oben schauen: Volker Loos, 38, hängt knapp 65 Meter über ihnen in der Luft, vertäut mit einem riesigen Windrad, und klopft mit einem Kunststoffhammer das Rotorblatt ab. Der Mast des Rades ragt nur wenige Meter von der Kuhweide entfernt aus einem Maisfeld in den Himmel. Gerade sucht Loos nach Macken, Fehlern und Schäden in den Rotorblättern, zum Beispiel nach Hohlräumen. Vom Dach des Maschinenraums der Anlage hat er sich dafür abgeseilt.
Wer ein Windrad betreibt, muss es regelmäßig prüfen lassen. Laut dem Bundesverband für Windenergie stehen inzwischen weit über 21.000 Anlagen in Deutschland. Leute wie Loos suchen die Rotorblätter auf Materialschäden ab, etwa Haarrisse, abgeplatzte Lackstellen oder Hohlräume, die sich vergrößern. Die können entstehen, wenn der Kleber zwischen den Bauteilen bei der Fertigung nicht gleichmäßig verteilt wurde. Loos misst außerdem den Blitzschutz der Anlage und sieht sich die winzigen Entwässerungs-Röhrchen in den Rotorblättern an.
Er ist fit, durchtrainiert, seine Arbeit gleicht einem Hochleistungssport. Mindestens drei Mal muss Volker Loos pro Windrad die mehr als 70 Meter lange, senkrechte Leiter im Inneren des Masts hinauf zum Maschinenraum steigen. Dann repariert er, seilt sich ab und die Sache geht von vorne los: Aufstieg, Abseilen am nächsten Blatt, reparieren.
Schwindelfrei in den Abstieg
Meist macht Loos beim Aufstieg ein bis zwei Pausen, zum Beispiel im Maschinenraum des Windrades. Hier ist es stickig, der Geruch von altem Schmieröl liegt in der Luft. Draußen peitscht der Wind die Seile gegen den Stahlturm. Der Generator der Maschine ist ausgeschaltet, strahlt aber immer noch Wärme ab und sorgt für schweißtreibende Hitze. In den knapp fünf Stunden, die der Rotor für die Prüfung stillt steht, würde die Anlage unter idealen Bedingungen etwa den Strom produzieren, den eine Familie mit einem Kind in Deutschland pro Jahr verbraucht.
Über eine Luke steigt Loos auf das Dach der Anlage. Kalter Wind pfeift über den weißen Kunststoffkasten. Er sichert sich mit zwei Haken an einer umlaufenden Reling und geht aufrecht zum Rand, wo die Seile durch Karabiner laufen. Die Höhe von etwas über 70 Metern wirkt auf dem leicht abfallenden Dach atemberaubend. Trotzdem bewegt sich Loos so sicher und natürlich, als würde er in seiner Wohnung Staub wischen.
Er funkt seinen Kollegen an, der an der Steuerung des Rotors unten am Fuß der Anlage steht. Ein Stück weiter soll er sie drehen, damit Loos sich das nächste Blatt ansehen kann. Er hakt er sich in seine beiden Sicherungsseile und steigt über die Kante nach unten. Heute sind es 74 Meter, die es neben ihm runter geht, aber es gibt auch Masten, die 120 Meter messen, das größte Windrad bringt es auf knapp 160 Meter.
Erster Besuch auf der Windmühle
Was er zum Arbeiten braucht, trägt Loos am Körper: Ein selbstgebautes Klemmbrett, ein dicker Faserstift, ein Zentimetermaß und etliche kleine Utensilien sind mit dünnen Schnüren an seinem Gürtel und seiner Arbeitshose befestigt; dann hängen da noch einige Werkzeuge, die es in keinem Geschäft zu kaufen gibt - er hat sie mit seinem Partner-Ingenieur Jens Kesenheimer selbst gebaut und entwickelt. Zum Beispiel den Kunststoffhammer.
Oft sind die beiden wochenlang in der deutschen Provinz unterwegs, vor allem auf dem platten Land im Norden. Manchmal ist es nicht so einfach, die Räder zu finden, denn sie sind in keiner Landkarte verzeichnet und stehen häufig an namenlosen Feldwegen. Hin und wieder spielt das Wetter nicht mit und es herrscht zu viel Wind, um sich von den Anlagen sicher abzuseilen. An einem Tag mit perfekten Windverhältnissen verzichtet der Besitzer des Windrades außerdem nur ungern auf den Stromertrag, der ihm durch die Stilllegung während der Prüfung entgeht.
Die beiden Kletterer planen mitunter im Tagesrhythmus ihre Routen neu, sie müssen ständig die Wind- und Wettervorhersagen im Auge behalten. Manchmal dauert es Wochen, bis sie ein bestimmtes Windrad prüfen können. Im Winter kommt es vor, dass gar nichts mehr geht, wenn Eis und Schnee die Anlagen zu lebensgefährlichen Fallen machen. Trotzdem kann sich Volker Loos kaum einen besseren Beruf vorstellen: "Ich bin gerne draußen am Blatt. Auf der Anlage erlebe ich tolle Momente, etwa im Herbst. Dann fliegen manchmal Schwärme von Zugvögeln über unsere Köpfe."
Ein Windrad hat keine Hausnummer
Nach ein paar Stunden ist Loos mit der Prüfung des letzten Rotorblattes fertig. Langsam schwingt er sich von der rot lackierten Spitze des schmalen Flügels die knapp fünf Meter an den Mast der Anlage. Es sieht akrobatisch aus und auch ein wenig lebensmüde, aber für ihn ist Klettern, Abseilen, in der Luft hängen Routine. Zumindest hier auf dem Land.
Die nächste Herausforderung wartet über dem Wasser: In einem großen Offshore-Windpark in der Deutschen Bucht müssen bald die ersten zwölf Anlagen überprüft werden. Fast hundert Meter über dem Wasser an einem Rotor werkeln - Loos und Kesenheimer freuen sich schon drauf.
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