Von Anne Haeming
Juristen fürchten diese Art Partysmalltalk: "Wie, Du bist Anwalt? Ich bräuchte Hilfe bei meiner Scheidung/einem Bußgeldverfahren/Streit mit dem Nachbarn/einer Klage gegen meinen Zahnarzt." Um das zu ersparen, hilft nur eine Antwort: "Nee, ich bin Wirtschaftsanwalt." Und alle verstummen. Zu abstrakt.
Zumindest in Italien scheint man als Wirtschaftsanwalt in einer großen internationalen Kanzlei ein einigermaßen angenehmes Leben zu haben, das erzählt Federico Baccomo jedenfalls in seinem Büro-Roman "Abgekanzelt". Ok, und langweilig ist es auch, jedenfalls in der Kanzlei von Andrea, dem Helden von Baccomos Buch. Eine Sitzung reiht sich an die nächste, es geht nur darum, Verträge für Firmenübernahmen zu stricken, das Adrenalin und das Drama einer Gerichtsverhandlung gibt es da nicht.
Nun zeigt Baccomos Geschichte natürlich das Luxus-Segment der Branche. Nur als Reality-Check: In Deutschland müssen gerade selbständige Anwälte eher mit einem mageren Honorar auskommen und die Arbeitszeiten von Juristen in Großkanzleien sind auch kein Zuckerschlecken.
Von der Dramaturgie einer Gerichtsshow hat das alles gar nichts, aber das ist ja nichts Schlechtes. Andrea, der Held, ist ein 30-jähriger Wirtschaftsanwalt in Mailand. Es geht bei ihm andauernd um Übernahmen, Joint Ventures, Firmenverschmelzungen. Und darum, die Vertragsvorlagen anzupassen: "Suchen nach: Gesellschaft X; Ersetzen durch: Gesellschaft Y; alle ersetzen. Schon sind gut fünfzig Prozent der Arbeit erledigt." Ein paar Absätze dazufügen, ein bisschen rumverhandeln, fertig. Und zur Aktensichtung schickt man dann die Praktikanten zu den Mandanten in die Provinz.
Andrea und sein Bürogenosse Michele singen zu You-Tube-Clips Lieder, kriechen unterm Tisch rum, werfen mit Papierkügelchen, rülpsen bei Telefonkonferenzen in den Hörer. Und wenn ihnen dann noch langweilig ist, ziehen sie Post-its durch die Tastatur, um sie zu säubern. Muss ja auch einer machen.
Wenn's dumm läuft, die Hose mit den Löchern. Aber wie es sich für Mailänder Anwälte gehört, gibt es da ja noch den dunkelblauen Nadelstreifenanzug, extra vom Schneider angefertigt, rosafarbene Socken zur rosafarbenen Krawatte und natürlich die schwarzen Slipper. Die sind ein Rat vom Chef: "Wenn der Mensch ohne Schnürsenkel auskommt, kommt er ohne alles aus."
In den Schlussphasen der Vertragsformulierung, wenn die Mandanten mit immer mehr Pipifax nerven, setzt es massenweise Überstunden, gegessen wird am Schreibtisch. Könnte ja jemand anrufen. Da sitzt man schon mal bis nachts. Die Freundin ist auch schon ausgezogen deswegen, es wartet also eh keiner.
In italienischen Kanzleien zumindest scheint man erst dann zu den Top of the Pops zu gehören, wenn man Anglizismen in jede Unterhaltung einstreut. Vom "Closing" ist dann die Rede, von "due diligence", "kick-off meetings", von "way outs" und "deadlock". Das ist höhere Fachjargon-Schule.
Mal abgesehen davon, dass das Gehalt einem erlaubt, sich rundum mit Bang- und Olufsen-Geräten auszustatten, gibt's auch im Arbeitsalltag reinste Sahnestücke. Etwa, wenn die Mandanten Scheichs in Dubai sind. Dann werden alle für die finale Verhandlungsphase in den Wüstenstaat eingeflogen, um im Luxushotel alles zu bereden. Und natürlich fürstlich zu speisen. Und Etablissements zu besuchen, zu denen sich auch deutsche Versicherungsangestellte und Bankmanager so hingezogen fühlen. Gehört doch dazu, zum Geschäftsabschluss unter Männern.
7. Wie lange dauert so eine Karriere?
Die einen richten sich gemütlich ein in ihren weichen Ledersesseln, mit ihren Bonuszahlungen und immensen Spesenkonten - die anderen schmeißen den Kram hin. So wie am Ende der Protagonist. Sein Mantra: "Was mache ich hier? Warum mache ich es?"
8. Für wen taugt's?
Um über das Buch in Anwaltssprech zu schreiben: Wer Zeit hat, eine 350-Seiten dicke Akte zu lesen, die doppelt so lang ist, als sie sein müsste - nur zu.
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