Das saß. Vor ein paar Monaten reiste Helga Nowotny, die Präsidentin des European Research Council (ERC), nach Berlin, um sich mit jungen deutschen Spitzenforschern zu treffen. Es ging unter anderem um die Frage, was der Forschernachwuchs, den der ERC mit Millionenbudgets fördert, denn so braucht, um besser arbeiten zu können. Die Atmosphäre war freundlich, entspannt - bis der Biochemiker und Neurobiologe Jan-Erik Siemens ein brisantes Thema zur Sprache brachte: "Was in Deutschland fehlt, ist eine längerfristige Forscherperspektive."
Später stand es in der Zeitung, und es klang so, als geriere sich der gepäppelte Nachwuchs sehr selbstgefällig: Danke für die Kohle, aber was sind das denn für popelige Aufstiegschancen? Dass ausgerechnet Siemens, 39, das Thema auf den Punkt brachte, gab dem Ganzen besondere Würze.
Erst zwei Jahre zuvor war er mit einer anderen hochdotierten Auszeichnung aus San Francisco ans Berliner Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin geholt worden. Wissenschaftspolitiker verwiesen damals stolz auf Siemens, um zu zeigen, wie es gelingen kann, Supertalente zurückzulocken, die Deutschland zuvor den Rücken gekehrt hatten, um in Amerika Karriere zu machen.
Umsorgt im Ausland, frustriert im Inland
Markus Dahlem, 43, ist dagegen zum Absprung bereit. Sollte der Physiker und Neurowissenschaftler aus Berlin ein attraktives Angebot aus dem Ausland bekommen, wird er sehr wahrscheinlich annehmen. Er würde seine Koffer packen, Freunde, Kollegen und Wegbegleiter in Deutschland zurücklassen, um in einer neuen Forscherheimat Fuß zu fassen.
Die Chancen stehen nicht schlecht. Einmal hätte es schon fast geklappt. Er stand auf der Shortlist für die Besetzung einer Professur an der McGill University in Montreal. Die Gespräche mit den Kanadiern sind ihm noch gut in Erinnerung. Denn nicht nur ihm wurden neue berufliche Perspektiven angeboten. Die Auswahljury erkundigte sich auch nach seiner Frau, die Medizinerin ist, und klopfte ab, ob sich für sie nicht auch gleich etwas finden lässt.
"Die haben sich sofort gekümmert und sich richtig gefreut", sagt Dahlem. So viel Entgegenkommen kennt er aus Deutschland nicht. Stattdessen hangelt er sich seit einigen Jahren von einem Drittmittelprojekt zum nächsten. Aktuell arbeitet er an der Technischen Universität Berlin als Projektleiter in zwei Verbundprojekten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und des Bundesforschungsministeriums (BMBF). Seine Arbeiten im Bereich Hirnforschung gelten unter Experten als hervorragend. Einen festen, unbefristeten Arbeitsplatz im deutschen Wissenschaftssystem hat er damit noch lange nicht.
Ganz im Gegenteil: Trotz seiner wissenschaftlichen Reputation verdient Dahlem als Gastdozent und Projektleiter deutlich weniger als promovierte Nachwuchskräfte in seinem Team, die arbeitsrechtlich als Hochschulmitarbeiter angestellt sind und jeden Monat mit gut 800 Euro brutto mehr nach Hause kommen. Wie es weitergeht, wenn die Projekte in etwa drei Jahren auslaufen, weiß Dahlem nicht. Deshalb spielt er mit dem Gedanken, vielleicht doch lieber in Nordamerika eine Stelle anzunehmen, die ihm und seiner Familie eine verlässlichere Perspektive bietet als hierzulande.
Erst summa cum laude, dann Patchwork-Lebensweg
Um seine Lebensplanung geht es auch Jörn Niessing, 35. Geforscht hat er zuerst am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt und später am Friedrich Mischer Institute for Biomedical Research in Basel. Seine Doktorarbeit hat er mit summa cum laude abgeschlossen. Und er hat - wovon die meisten Naturwissenschaftler träumen - bereits in "Nature" und "Science" publiziert.
Muss man sich mit solchen Referenzen Sorgen um seine Laufbahn machen? Niessing muss. Er kennt die Patchwork-Karrieren seiner älteren Kollegen. Er weiß, wie gering die Chancen in Deutschland sind, eine unbefristete Stelle an einer Hochschule oder einem außeruniversitären Forschungsinstitut zu bekommen. "Und man hat ja auch noch ein Privatleben", bemerkt der Nachwuchsforscher. Aus familiären Gründen kommt ein Job im Ausland für ihn nicht in Frage. Seine Freundin, ebenfalls Wissenschaftlerin, arbeitet zudem in Berlin. Beide führen eine Fernbeziehung, wie so viele ihrer Generation. Das zehrt an den Kräften. Angesichts all dieser Unsicherheiten stellt sich Niessing die Frage, ob eine Karriere in der Wissenschaft für ihn überhaupt in Frage kommt.
Unter Deutschlands Forschernachwuchs rumort es schon seit Jahren. Und der Unmut über die unsicheren Perspektiven wächst. Wer nicht zu den wenigen Glücklichen gehört und einen Lehrstuhl auf Lebenszeit ergattert, für den ist die Verweildauer im deutschen Wissenschaftssystem aufgrund des geltenden Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG, siehe Infokasten) klar begrenzt.
Strikte Gesetzeslage
Wie praxistauglich die Rechtslage ist, hat das Forschungsministerium untersuchen lassen und kam zu dem Schluss, dass "die Arbeit in zeitlich befristeten Forschungsprojekten heute zum typischen Karriereweg der Wissenschaftler in Deutschland gehört", dass die Beschäftigungsmöglichkeiten verbessert wurden und dass Rechtssicherheit geschaffen wurde. Für Nachwuchsforscher sieht die Lage freilich anders aus. Planbare Karriereperspektiven gab es für junge Wissenschaftler in Deutschland eigentlich noch nie. In den letzten Jahren ist die Unsicherheit aber gewachsen. Statistiken zufolge waren 1995 rund 75 Prozent der Wissenschaftler in Deutschland befristet angestellt. Im Jahr 2009 lag ihr Anteil bei 83 Prozent.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL | RSS |
| alles aus der Rubrik Berufsleben | RSS |
| alles zum Thema Karriere an der Uni - KarriereSPIEGEL | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH