Für den Fußballschuh braucht Marina Müller nur Sekunden. Sie hebt den Fuß ihrer Nähmaschine an, schiebt zwei deckungsgleiche Stückchen Stoff darunter und lässt die Spezialmaschine losrattern. Fertig ist der Textildarm, der - später mit Wurst gefüllt - die Form eines Fußballschuhs hat.
Bestellt hat die formschönen Wurstpellen ein Lebensmittelhersteller aus Süddeutschland bei der Textildarmfirma Texda im mecklenburgischen Schwaan. "Wir ziehen Würste an", sagt Geschäftsführer Bernd-Adolf Lang. Je nach Kundenwunsch entstehen Hüllen in Form und Farbe schwarz-rot-goldener Fußballschuhe, rasengrüner Glücksschweine, schwarzer Pfeifen bis hin zu Trikots in den Landesfarben der 16 teilnehmenden Nationen. Vor allem aber entstehen Ball-Hüllen, in die etwa Salami oder Leberwurst gepresst wird.
Texda gehört zu den großen Herstellern von Textildärmen. 85 Millionen Wursthüllen werden jährlich gefertigt. "Zum Standardprogramm gehören inzwischen 2800 Formen", sagte Lang. Abnehmer seien vor allem namhafte Fleischverarbeiter, aber zunehmend auch kleinere Wurstproduzenten. In den Wochen vor der WM drehte sich nahezu alles um das Fußballturnier.
Gewebt wird das textile Verpackungsmaterial aus Baumwolle in China. Zu dicken Rollen gewickelt gelangen die weißen Stoffe von dort nach Deutschland. In Landau in der Pfalz werden sie nach einem speziellen Verfahren gereinigt, um dann weiter in die Produktionsstätte nach Schwaan geliefert zu werden.
Textildarm bietet zahlreiche farbliche Möglichkeiten
Grundsätzlich könnten aus den Stoffen auch Hosen und Kleider genäht werden. Doch um darin Lebensmittel zu verpacken, muss zusätzlicher Aufwand getrieben werden. Schließlich soll der Stoff elastisch sein, damit nichts platzt, wenn später mit hohem Druck die Wurstmasse in die außergewöhnlichen Formen gepresst wird. "Mit Kunstdärmen würde man das alles nicht hinbekommen", sagt der Schwaaner Betriebsleiter Holger Schlange. Auch farblich habe man mit Textildärmen wesentlich mehr Möglichkeiten.
Kundschaft für die Schwaaner Textildärme gibt es auf nahezu allen Kontinenten. Um der Nachfrage zur Fußball-WM gerecht zu werden, musste in dem 130 Mitarbeiter zählenden Betrieb in drei Schichten gearbeitet werden, sagt Schlange. "Gern würde ich noch Leute einstellen. Aber es fehlt einfach an qualifiziertem Nachwuchs. Schon seit Jahren ist Textilnäherin kein Ausbildungsberuf mehr in Deutschland", erklärt der Firmenchef.
Fast alle seiner Näherinnen hatten ihren Beruf einst bei der Rostocker Jugendmode oder auch bei den Güstrower Kleiderwerken gelernt. Nach der Schließung der Unternehmen unmittelbar nach der Wende kam für sie die Schwaaner Firmengründung im April 1991 gerade recht.
Schlange und seine Näherinnen verfolgen die Spiele der deutschen Mannschaft gemeinsam - wo sie doch schon die Würste passend zum Turnier geformt haben: "Immerhin sind wir Titelverteidiger", sagt Marina Müller. Wer weiß, vielleicht ist am Ende der schwarz-rot-goldene Wurstdarm besonders weltmeisterlich.
Jürgen Drewes, dapd/mamk
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