WM-Trikotdesignerin Neue Kleider für die Kaiserinnen
Modedesignerin Annette Kres hat die WM-Trikots für die deutsche Frauen-Elf entworfen. Die hängen nicht mehr wie Kleidersäcke am Körper, sondern sind ein bisschen knapper geschnitten - was nicht jedem gefällt.
Die neuen Hosen sind ein paar Zentimeter kürzer, na und? "Dadurch wird eine Spielerin doch nicht gleich zum Sexsymbol", sagt Annette Kres.
Die Modedesignerin hat für Adidas die WM-Kollektion für die Fußball-Nationalmannschaft der Frauen entworfen: Hosen, Trikots, Poloshirts und einiges mehr. In der Cafeteria im bayerischen Herzogenaurach berichtet sie von ihrer Arbeit. Durch die Fenster blickt sie auf einen Firmenpark mit See. Die Haare trägt Kres offen, unter einer Baggyhose verschwinden winzige Schuhe.
Es ist eine Arbeit, die Kres beherrscht, die sie gern macht. Doch Frauenfußball ist in Teilen auch politisch, immer wieder geht es in diesen Tagen der Weltmeisterschaft um die Gesellschaft und um Geschlechterverhältnisse: Ist es gerecht, dass Fußballerinnen so viel weniger verdienen als Fußballer? Ist die Stimmung in den Stadien wirklich toll oder nur bemüht? Ist der DFB ein alter Macho-Klüngel?
Ein Problemfeld, wo man leicht für das falsche Wort viel Kritik einstecken kann. Adidas
hat sich gewappnet: Kres gegenüber sitzt eine Pressesprecherin, die streng über das Gespräch wacht.
Kres, 29, kreiert für Adidas normalerweise weibliche Trainingskleidung vom Yoga-Shirt bis zur Trainingsjacke, feminin und elegant. Bis jemand auf die Idee kam, diese Eleganz auf den Fußballrasen zu übertragen: Kres bekam den Auftrag, das erste WM-Trikot zu entwerfen, dessen Design extra für Frauen entwickelt wurde.
Früher trugen die Spielerinnen verkleinerte Männershirts, die mal mehr, mal weniger gut passten. Die Ex-Nationalspielerin Kerstin Stegemann ("Stege") erinnert sich mit Grausen an die ersten Versuche in den neunziger Jahren: "Teils hingen die Trikots am Körper wie Säcke, teils waren sie viel zu eng. Die haben zu dünne Models zum Vorbild genommen", vermutet sie. Doch die Ausstatter haben dazugelernt.
Frauenfußball soll attraktiver werden - vor allem die Frauen
Ganz ohne schöne Oberfläche geht's dann aber auch nicht. Spielerinnen in Schienbeinschonern gelten nicht gerade als typisch weiblich. In einer Frankfurter Disco ließ der Sportartikelhersteller die neuen Trikots nicht von robusten Fußballerinnen vorführen, sondern lieber von Models, die auch in Strohsäcken noch bella figura gemacht hätten.
Frauenfußball soll attraktiver werden - in jeder Hinsicht. Dafür wirbt die Nationalspielerin Lira Bajramaj; in einem Film auf ihrer Webseite tuscht sie sich tüchtig und geht in der Nachschminkzeit aufs Spielfeld ("Der Platz ist unser Laufsteg"). "Sponsoren schauen nicht nur auf das Talent", weiß sie. Ähnlich offensiv bemühte sich kürzlich ein "Tatort" um Zuschauer, darin posiert eine Spielerin mit Netzstrümpfen über den Schienbeinschonern. Dann ließen noch einige Nachwuchsspielerinnen für den "Playboy" die Trikots fallen. Und taten sicher ihrem Konto einen Gefallen, dem Frauenfußball eher weniger.
Fifa-Präsident Sepp Blatter hat sich auch schon am Thema versucht. Den Männern aus Kamerun hatte er einst ihren einteiligen Dress verboten; die Fußballfrauen aber sollten sich doch an den knapp bekleideten Volleyballerinnen ein Beispiel nehmen, regte der Funktionär 2004 an. Die Kleiderregeln des Volleyball-Weltverbandes hatten bereits 1996 für einen Skandal gesorgt und wurden als sexistisch gescholten. "Heutzutage spielen schöne Frauen Fußball", begründete Blatter den Vorstoß damals.
Das war auch öffentlichkeitswirksam, kam aber weniger gut an. Steffi Jones, damals Nationalspielerin und heute Organisationschefin der WM, gab die passende Antwort: "Auf dem Platz soll auf den Ball, nicht meinen Hintern geschaut werden. Es ist peinlich. Wenn wir Weltmeister werden, kommt Blatter und will ganz vorne stehen, andererseits scheint ihn der Sport nur zu interessieren, wenn wir uns anders anziehen", sagte Jones in einem Interview.
"Wir fanden das einfach schön"
Kres und ihr Team arbeiteten auf dezentere Art am neuen Image, etwa fünf Mitarbeiter in wechselnder Besetzung ohne formale Hierarchie. Das Ergebnis: ein Trikot mit tailliertem Schnitt und runden Rückennummern. Auf den Hemdkragen ist eine Zeile aus der Nationalhymne gedruckt: Blüh im Glanze dieses Glückes. Nicht etwa als Gedächtnisstütze für Sarah Connor, "wir fanden das einfach schön", sagt Kres. Wie feminin das alles sei, das hätten sie und ihr Team nicht diskutiert.
Wenige Tage nach dem Gespräch wird im Internet sogar die Schrifttype auf den Trikots diskutiert: Kindisch sei sie, albern. Manche halten sie für Comic Sans, eine der meistgehassten Schriftarten bei Designern und Gestaltern. Man würdige damit den Damenfußball herab, so die Interpretation. So empfindlich sind Teile der Öffentlichkeit bei dem Thema inzwischen.
Wenn Kres über technische Details sprechen darf, wirkt sie entspannter. Weil sie sich gut auskennt, und weil die Pressesprecherin gegenüber unauffällig nickt wie immer, wenn Kres die richtigen Sätze findet. Also die aus den Pressemitteilungen. Darin fällt der Begriff "feminin" möglichst oft, und es wird betont, dass das Outfit zusammen mit der Mannschaft entwickelt wurde.
Nicht ganz dazu passen will, dass Kres mit keiner der Spielerinnen persönlich geredet hat, weil sich bezeichnenderweise die Marketingabteilung darum kümmerte. Wer da verantwortlich ist? Die Pressesprecherin schüttelt den Kopf. Die Marketingleute dürfen keine Interviews geben, sagt sie, das passe nicht ins Konzept.
Der Goldton muss kamerakompatibel sein
Im Oktober 2009 wurde Kres zum ersten Mal gebrieft, wie das Trikot aussehen soll. Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) machte Vorgaben und legte etwa fest, dass die Trikots wegen der Reflektion im Stadion einen bestimmten Goldton haben müssen. Das ist für die Kameras wichtig, von denen es bei dieser WM besonders viele gibt: ARD und ZDF übertragen alle Spiele.
Am Anfang ließ sich das Designteam von Stimmungsbildern inspirieren, von Adlern, Deutschlandflaggen und ähnlichem. Mit dem Bleistift entwarf Kres die ersten Skizzen, die sie später auf Computerprogramme übertrug. Mit der Grafikdesignerin arbeitete sie dabei eng zusammen, die saß Tisch an Tisch im selben Büro. Während Kres sich viel über Stoffe und Drucke Gedanken machte, kümmerte die Grafikerin sich darum, Details wie den Schriftzug zu entwerfen. "Wir können nicht ohne einander", sagt Kres.
Nach sechs Wochen legte das Team dem Werk in China die ersten Entwürfe vor, die meisten Ideen ließen sich umsetzen. Eine Ausnahme: Das Auswärtstrikot musste ohne Elasthan produziert werden, das Material sei nicht kompatibel gewesen mit dem Druck. Monate später folgte ein zweiter Entwurf. "Was wir danach ändern, kann man mit bloßem Auge kaum erkennen."
Nach einer Ausbildung zur "Bekleidungstechnischen Assistentin" machte Kres das Fachabitur und studierte Modedesign in Trier. Bei Adidas landete sie gleich im Anschluss, seitdem hat sie verschiedene Projekte umgesetzt. Das Trikot zu entwerfen, sei trotzdem eine besondere Herausforderung gewesen, sagt sie.
Doch die politische Belastung des Themas meint sie damit nicht: Sie hatte zum ersten Mal mit Fußballkleidung zu tun, das war so herausfordernd. Außerdem musste sie nebenher an anderen Entwürfen arbeiten.

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