Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

ThemaFinanzberufeRSS

Alle Artikel und Hintergründe


 

Allianz-Vorstand "Wir wollen kein plattes Mailverbot"

Allianz-Mitarbeiterkampagne: Mit Bildern gegen Burn-out Fotos

Allianz-Vorstand Wolfgang Brezina behauptet, er wolle seine Mitarbeiter gegen Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit schützen - und schreibt ihnen sonntagabends Mails. Wie das zusammenpassen soll, sagt er im Interview.

Zur Person
  • Christian Kaufmann/ Allianz
    Dr. Wolfgang Brezina (Jahrgang 1961) ist seit 2009 Personalvorstand der Allianz Deutschland AG. Zuvor war er unter anderem Vorstandsmitglied der Vereinte Spezial Krankenversicherung AG.
KarriereSPIEGEL: Herr Brezina, Sie sind Vorstand eines Konzerns mit 30.000 Mitarbeitern. Wie viele Mails bekommen Sie am Tag?

Brezina: Das habe ich noch nie gezählt, aber die Zahl liegt wohl im hohen zweistelligen Bereich. Mindestens.

KarriereSPIEGEL: Wie viele davon erreichen Sie nach Feierabend?

Brezina: Ich würde sagen, nach 20 Uhr sind es fünf Prozent.

KarriereSPIEGEL: Es gibt Mittel gegen die Mailflut: VW schaltet die Mailserver abends aus, Daimler löscht Korrespondenz, die im Urlaub eintrifft. Warum machen Sie das bei der Allianz nicht?

Brezina: Ich halte es grundsätzlich für eine gute Entwicklung, dass wir uns unsere Arbeitszeit durch mobile Endgeräte freier einteilen können und auch örtlich flexibler sind. Diesen Fortschritt möchten wir nicht dadurch rückgängig machen, dass wir die Nutzung neuer Technologien blockieren. Trotzdem wollen wir unsere Mitarbeiter vor der Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit schützen.

KarriereSPIEGEL: Wie soll das funktionieren?

Brezina: Wir haben vor einem Jahr eine Kampagne gestartet, die Mitarbeiter und Führungskräfte für das Thema sensibilisieren soll, durch Flyer, Rundbriefe und Plakate. Auf einem ist ein Mann an seinem Laptop zu sehen. Neben ihm seine schmollende Tochter und der Schriftzug "Wie Sie Ihr Wochenende gestalten, entscheiden Sie selbst". Die Plakate hängen bei uns in Aufzügen und vor Kantinen.

Fotostrecke

13  Bilder
E-Mail-Alarm: Zehn Tipps gegen das Mail-Dauerfeuer
KarriereSPIEGEL: Eine Plakataktion und ein Rundbrief - das soll gegen den Mailstress helfen?

Brezina: Statt platte Verbote auszusprechen, wollen wir Führungskräfte für die Signalwirkung sensibilisieren, die ihr eigenes Mailverhalten hat. Es mag ja sein, dass es jemandem nichts ausmacht, abends länger zu arbeiten. Er muss aber wissen, dass sich Mitarbeiter oft verpflichtet fühlen, noch am selben Abend zu antworten, wenn ihr Chef ihnen nach Dienstschluss eine Mail schickt - und dass sie sich davon gestresst fühlen.

KarriereSPIEGEL: Am Ende ist es demnach der Vorgesetzte, der auf den Mailstress seiner Mitarbeiter maßgeblichen Einfluss hat. Schicken Sie Ihren Mitarbeitern denn am Wochenende Mails?

Brezina: Ich arbeite oft sonntagabends, weil ich nicht gern Tatort schaue. Früher habe ich um diese Zeit auch Mails verschickt - und noch am selben Abend Antworten bekommen. Das hat mich nachdenklich gemacht und war auch ein Auslöser für unsere Maßnahmen. Heute schreibe ich zwar immer noch sonntagabends Mails, datiere sie aber auf den nächsten Morgen vor. So setze ich niemanden unter Druck. Umgekehrt bekomme ich am Wochenende jetzt nur noch maximal zwei Mails. Vor der Kampagne war es ein knappes Dutzend.

KarriereSPIEGEL: Haben Sie in Erwägung gezogen, die Mails nach VW-Vorbild zu blockieren?

Brezina: Ja, und ich werde auch jetzt noch manchmal danach gefragt. Ich bin aber überzeugt, dass unserer der bessere Weg ist - zumal es Möglichkeiten gibt, ein Mail- oder Telefonverbot zu umgehen. Man kann jemanden ja auch über andere Kanäle kontaktieren. Außerdem muss man ab einer bestimmten Hierarchiestufe im Notfall auch nach Dienstschluss erreichbar sein.

KarriereSPIEGEL: Was definieren Sie als Notfall?

Brezina: Ich kann nur aus eigener Erfahrung sprechen: Als vor einigen Jahren die Schweinegrippe ausbrach, war ich gerade im Urlaub. Es musste aber schnell entschieden werden, welche Vorsorgemaßnahmen wir treffen und ob wir Impfstoffe für unsere Mitarbeiter besorgen. Da war es äußerst sinnvoll, dass ich nicht vom Mailverkehr abgeschnitten war.

KarriereSPIEGEL: Ihre Mitarbeiter sind in ganz Deutschland verteilt. Zielt die Kampagne gegen Mails in der Freizeit auf alle Mitarbeiter ab?

Brezina: In erster Linie natürlich auf diejenigen, die ein mobiles Endgerät nutzen und damit die Möglichkeit haben, in der Freizeit Mails zu checken. Das sind immerhin circa 40 Prozent unserer Belegschaft.

KarriereSPIEGEL: Haben Sie mitgeholfen, die Flyer zu verteilen?

Brezina: Ja, ich stand abends am Ausgang unserer Tiefgarage. Für jeden gab es einen Flyer und einen Beutel Feierabendtee.

KarriereSPIEGEL: Auch für Ihre Vorstandskollegen?

Brezina: Nein, von ihnen war keiner dabei. Dafür war es wohl noch zu früh.

  • Das Interview führte Anja Tiedge (Jahrgang 1980), freie Journalistin in Hamburg.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 37 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Als Vorstand weniger als 100 Emails am Tag?
solidsnake104 08.09.2014
Der Mann scheint ein angenehmes Leben zu haben oder jeden zum Meeting zu beten, wenn er ihm eine Email schickt!
2. Der Drops ist jetzt aber langsam mal gelutscht
yshitake 08.09.2014
Sie haben jetzt von vielen namhaften Firmen eine Mickey Maus-Erklärung erhalten wie diese dem ach so großen Problem der Email-Flut menschenwürdiger umgehen wollen. Alle Leute die ich kenne, die cool sind, haben überhaupt kein Problem damit, ständig erreichtbar zu sein. Es sind ja eher die Miesmuscheln, Spiegel-Leser, Wochenend-Gutmenschen, Gewerkschafts-Fanboys und chronische Minderleister die sich wirklich jeder noch so kleinen Modernisierung ihres Arbeitslebens mit einem Widerstand entgegensetzen der andernorts mal wünschenswerter wäre hier in Deutschland. Stattdessen wird hier lauthals gegen gutbezahlte Büroarbeit gewettert, als würden hier tausendfach Leute ohne Lampen in die Stollen geprügelt. Ich für meinen Teil kann ehrlicherweise von mir behaupten: Viele Teile meiner Freizeit nutze ich eh total unproduktiv, da ist es mir selbst auch mal ganz recht wenn ich beim Disney schauen mit der Familie, warten im Stau, beim Schuhe einkaufen mit Frau und Kindern schnell mal eine Emal lesen und beantworten kann. Dann ist wenigstens nicht das ganze Wochenende sinnlos verplempert...Wer sich davon stressen lässt, das am Wochenende Mails hereinkommen der muss einfach noch ein bisschen cooler werden. Spaßvögel wie ich nutzen schon immer die lustige Option des zeitversetzten Sendens...wer mir am Wochenende auf eine Email antwortet ist einfach selber schuld, denn beantworten tu ich am Wochenende nichts...habe aber grundsätzlich genug zum delegieren für die nimmersatten Arbeitsbienen.
3. Wenn meine
Don_Draper 08.09.2014
Bereichsleiter am Wochenende Mails von meinem Vorstand bekommen und auch noch lesen, dann ist das wohl im Gehalt mit drin. Ich nehme meinen Laptop nur bei Bedarf mit nach Hause und dann wird er nach getaner Arbeit ausgeschaltet, so sieht es mein Vertrag vor. Was ich sagen will, zu dem Spiel gehören doch zwei. Mein Abteilungsleiter kann mir gerne das ganze Wochenende Mails schreiben, wenn es keine besondere Situation gibt (vorher angekündigte Wochenendarbeit) lese ich die Mails erst am Montag und reagiere dann. Meistens funktioniert das doch mit den Mails nach Feierabend nur, wenn die Leute entsprechende Verträge haben, die weit über dem Tarif liegen, dann ist das dort eingepreist, oder wenn sie Angst um ihren Arbeistplatz haben oder wenn sie sich durch Wohlverhalten und Ehrgeiz Karriere machen wollen.
4.
makromizer 08.09.2014
Ich finde die VW- und Daimlermethode auch ziemlich albern. Das Problem ist doch viel mehr, dass E-Mails für jeden Mist benutzt werden. Braucht es wirklich eine E-Mail-Benachrichtigung, wenn der Kopierer in 3F heute vormittag nicht funktioniert, und danach noch eine, dass er repariert wurde und nun wieder geht? Viele Unternehmen und Mitarbeiter haben bis heute nicht kapiert, wie Bulletin-Boards funktionieren und weichen stattdessen auf E-Mails aus, wo es dann unglaublich umständlich wird, sinnvolles von sinnfreiem zu unterscheiden. Was passiert eigentlich bei Daimler und VW, wenn ein MItarbeiter die ganze Zeit andere Mitarbeiter mit schwachsinnigen Telefonanrufen belästigt? Wird den anderen Mitarbeitern dann auch einfach der Telefonanschluss gekappt?
5. Sie tun mir leid.
fridericus1 08.09.2014
Zitat von yshitakeSie haben jetzt von vielen namhaften Firmen eine Mickey Maus-Erklärung erhalten wie diese dem ach so großen Problem der Email-Flut menschenwürdiger umgehen wollen. Alle Leute die ich kenne, die cool sind, haben überhaupt kein Problem damit, ständig erreichtbar zu sein. Es sind ja eher die Miesmuscheln, Spiegel-Leser, Wochenend-Gutmenschen, Gewerkschafts-Fanboys und chronische Minderleister die sich wirklich jeder noch so kleinen Modernisierung ihres Arbeitslebens mit einem Widerstand entgegensetzen der andernorts mal wünschenswerter wäre hier in Deutschland. Stattdessen wird hier lauthals gegen gutbezahlte Büroarbeit gewettert, als würden hier tausendfach Leute ohne Lampen in die Stollen geprügelt. Ich für meinen Teil kann ehrlicherweise von mir behaupten: Viele Teile meiner Freizeit nutze ich eh total unproduktiv, da ist es mir selbst auch mal ganz recht wenn ich beim Disney schauen mit der Familie, warten im Stau, beim Schuhe einkaufen mit Frau und Kindern schnell mal eine Emal lesen und beantworten kann. Dann ist wenigstens nicht das ganze Wochenende sinnlos verplempert...Wer sich davon stressen lässt, das am Wochenende Mails hereinkommen der muss einfach noch ein bisschen cooler werden. Spaßvögel wie ich nutzen schon immer die lustige Option des zeitversetzten Sendens...wer mir am Wochenende auf eine Email antwortet ist einfach selber schuld, denn beantworten tu ich am Wochenende nichts...habe aber grundsätzlich genug zum delegieren für die nimmersatten Arbeitsbienen.
Ich hoffe für Sie, dass Sie nicht irgendwann vor den Scherben Ihrer Lebensauffassung stehen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Fehlender Schutz vor Psycho-Stress: Wie die EU-Länder Arbeitgeber bestrafen

Burn-out: Zahlen und Fakten
Die neue Zivilisationskrankheit
REUTERS
Erschöpfungssyndrom, Anpassungsstörung, Depression, Belastungsstörung, Burn-out - die Volksleiden der modernen Gesellschaft haben viele Namen. Die WHO hat beruflichen Stress zu "einer der größten Gefahren des 21. Jahrhunderts" erklärt. Bis 2030 könnte die Depression die wichtigste Ursache von Krankheitsbelastungen sein - in reichen Ländern ist sie es bereits.
Erschöpfung - ein Massenphänomen
Eine repräsentative Studie von Techniker-Krankenkasse (TK), "FAZ"-Institut und Forsa macht deutlich, welche Ausmaße das Problem inzwischen in Deutschland angenommen hat: Acht von zehn Deutschen empfinden demnach ihr Leben als stressig. Jeder Dritte steht unter Dauerstrom, jeder Fünfte bekommt die Folgen gesundheitlich zu spüren - von Schlafstörungen bis hin zum Herzinfarkt. Stress bestimmt den Alltag in Deutschland immer stärker.

Alarmierend ist der TK zufolge die hohe Zahl von Burn-out-Patienten. 2008 sind demnach "ausgebrannte" Berufstätige fast zehn Millionen Tage krankgeschrieben worden. Damit fehlten rund 40.000 Menschen das ganze Jahr über am Arbeitsplatz. Dies entspricht einer Zunahme von 17 Prozent verglichen mit 2003.
Job ist Stressfaktor Nummer eins
Stressfaktor Nummer eins ist der Job. Das haben die 1014 befragten Personen zwischen 14 und 65 Jahren zu Protokoll gegeben. Jeder Dritte arbeitet am Limit, getrieben von Hektik, Termindruck und einem zu hohen Arbeitspensum. Ein Drittel der Beschäftigten leidet darunter, rund um die Uhr erreichbar sein zu müssen und von Informationen überflutet zu werden.

Berufstätige Eltern geraten der Studie zufolge besonders häufig an ihre Belastungsgrenze. Ihre größte Sorge sei, dass die Familie zu kurz kommt. Doch auch 90 Prozent der Schüler klagen über Stress. Jeder Dritte steht nach eigener Aussage permanent unter Leistungs- und Prüfungsdruck.
Kosten für das Gesundheitssystem
Auch für das Gesundheitssystem ist die Dauerbelastung der Menschen ein ernstzunehmender Kostenfaktor. Mit knapp 27 Milliarden Euro im Jahr stehen die Ausgaben für die Behandlung stressbedingter psychischer Erkrankungen an dritter Stelle der Kostentabelle. Hinzu kommen massive Aufwendungen für Herz-Kreislauf-Krankheiten, unter denen Dauergestresste mehr als doppelt so häufig leiden wie ihre weniger unter Druck stehenden Zeitgenossen.
Fotostrecke
Volkskrankheit Burnout: Wie Erschöpfung die Volkswirtschaft schwächt

Wie sich Burn-out vermeiden lässt
So können Firmen vorbeugen:
Einarbeitung

Berufseinsteiger und neue Mitarbeiter sorgfältig einarbeiten, damit nicht das Gefühl von Überforderung aufkommt.

Arbeitsbelastung

Falsche Arbeitsbelastung vermeiden, indem Beschäftigte in die Arbeitsplanung miteinbezogen werden. Sie sollen weder überfordert noch unterfordert sein.

Überstunden

Zu viele Überstunden vermeiden. Nach zehn Stunden Arbeit ist ein Mensch kaum noch produktiv.

Klare Ziele

Führungskräfte sorgfältig auf ihre Aufgaben vorbereiten. Sie sollen Ziele bestimmen, diese klar formulieren und auf die Einhaltung im Team achten. Zugleich soll aber nicht das Gefühl extremer Kontrolle entstehen.

Anerkennung

Mitarbeitern für gute Arbeit Lob und Anerkennung zollen und dies auch kommunizieren. Auch Kritik ist wichtig. Das Feedback sollte jedoch konstruktiv formuliert werden.

(Quelle: TÜV Süd)

So können Sie persönlich vorbeugen:
Grenzen setzen

Den eigenen Perfektionismus kritisch überdenken und sich Leistungsgrenzen ehrlich eingestehen.

Nein sagen

Unrealistischen Erwartungen von Vorgesetzten ein Nein entgegensetzen.

Delegieren

Überlegen, welche Aufgaben delegiert werden können.

Pausen

Auf geregelte Essenszeiten und Pausen achten, um wieder Energie zu sammeln.

Freizeit

Freizeitpläne und Unternehmungen mit Familie und Freunden nicht ständig verschieben. Sie sollten als Ausgleich zur Arbeit fest eingeplant werden. Allerdings sollte auch nicht Freizeitstress daraus werden.

(Quelle: TÜV Süd)

Fotostrecke
Prominente Burn-out-Fälle: Wenn Erfolg müde macht


Social Networks