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Nach Diktat verreist Wer viel verdient, soll wenigstens keinen Spaß haben

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Top-Gehälter in Top-Jobs sind auch Schmerzensgeld für ein ungemütliches Leben. Aber jetzt reden schon Bewerber von Work-Life-Balance, und auch Chefs wollen alles - ein prall gefülltes Konto plus mehr Freizeit. Mittelmanager Achtenmeyer fragt: Wo bleibt da die Gerechtigkeit?

Achtenmeyer mag Recruiting. Wann immer ein Personaler per Rundmail und in devotem Ton anfragt, ob sich möglicherweise einer der geschätzten Herren Line-Manager dazu herablassen könnte, eventuell bei dem ein oder anderen Bewerbungsgespräch dabei zu sein, sagt er zu.

Nicht nur, weil das Verständnis der jungen Zielgruppe key factor für sein Produktmarketing ist. Nein, er mag diese Aura der Hoffnung, diese Mein-Leben-liegt-noch-vor-mir-Atmosphäre, wenn die Absolventen mit Krawatte und blitzenden Schuhen den Raum betreten. Zu schade, dass es damit erst mal vorbei ist, wie ihm der Personaler mitteilte - plötzlich gar nicht mehr devot und auch nicht per Rundmail, sondern mit hochrotem Kopf.

Mag ja sein, dass das schrille Lachen, gefolgt von einer vierminütigen Tirade gegen die verweichlichte Jugend (der Personaler hatte doch tatsächlich die Zeit gestoppt) ein wenig over the top war. Aber, das fragt sich Achtenmeyer nun schon seit drei Tagen, wie soll man auch reagieren, wenn ein Jüngling mit Justin-Bieber-Frisur als Erstes wissen will, wie es denn in der company um die Work-Life-Balance bestellt sei?

Bewerber Bubner sprach: Natürlich sei er bereit zu arbeiten, notfalls auch viel und hart, aber es müsse ausreichend Zeit bleiben für Familie, Freunde, Facebook und Twitter. Da er mit seinem Notendurchschnitt mehrere Jobangebote habe, lege er darauf eben besonderen Wert. Angesichts dessen findet Achtenmeyer seine Reaktion im Rückblick eher noch gemäßigt, da kann der Personalheini noch so viel von war for talents und Generation Y fabulieren.

Gemeinheit: Jetzt verlangen die Streber auch noch ein Privatleben

In Wahrheit hatte Bewerber Bubner das Pech, dass Achtenmeyer seit kurzem gegen Work-Life-Balance ist. Genauer gesagt, seit dem Abend vor dem Bewerbungsgespräch, an dem Achtenmeyer seinen alten Freund Feigl wiedertraf. Feigl und er hatten gemeinsam studiert, wobei Achtenmeyer als lebenslustiger Hallodri galt (und im Marketing landete), Feigl dagegen als disziplinierter, doch spröder Streber (und bei einer Top-Tier-Unternehmensberatung anheuerte). Die Bilanz des Abends: drei geleerte Flaschen eines wirklich sehr guten Crianza, viele aufgewärmte alte Geschichten und ein zerstörter Glaubenssatz Achtenmeyers.

Dieser Glaubenssatz ging so: Sicher, Feigl (und all die anderen Streber) verdienen das Doppelte und Dreifache seines Gehalts - aber was haben sie schon vom Leben außer Arbeit? Wenn sich Achtenmeyer die Tage und Terminpläne der top-performer in seinem Bekanntenkreis ansah und ihre Geschichten anhörte, dann waltete darin, so schien es ihm, eine höhere Gerechtigkeit: Wer viel Geld verdient, soll wenigstens keinen Spaß haben. Dagegen verfügt er, Achtenmeyer, zwar über ein ordentliches, doch keineswegs übertriebenes Gehalt, hat aber auch noch Zeit für Frau, Kinder und Hobbys.

"Ich sehe meine Kinder auch nur im Urlaub."

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Okay, er hat keine Kinder, Hobbys findet er öde, und die Gespräche mit seiner Frau dauern selten länger als zweieinhalb Minuten (ja, auch Achtenmeyer stoppt ab und an gern die Zeit). Aber darum geht es auch nicht. Es geht um die höhere Gerechtigkeit.

Und genau die brachte Feigl am bewussten Abend ins Wanken, als er vom Work-Life-Balance-Programm seiner Beratung berichtete. Sabbaticals, Zeitkonten, Flex-Time, Home-Office, Spa-Behandlungen - schon nach wenigen Minuten dröhnte Achtenmeyer der Kopf vor Bitterkeit. Wo sollte das hinführen, wenn jetzt schon Consultants und Wirtschaftsanwälte sich um das Wohlergehen ihrer Angestellten sorgen? Dann hätten Feigl und Co. demnächst alles: ein prall gefülltes Konto PLUS ein schönes Leben. Was bliebe dann noch für ihn übrig?

Jetzt ist auch Achtenmeyer reif fürs Sabbatical

Seither ist Achtenmeyer also strikt gegen Work-Life-Balance. Obwohl ihm natürlich bewusst ist, dass Feigl ja nicht mehr arbeiten muss, nur weil Achtenmeyer gegen Erholung ins Feld zieht. Aber Rationalität wird ohnehin überschätzt, es ist eben eine Sache höherer Gerechtigkeit.

Leider ist eines noch mächtiger als die Gerechtigkeit - der Markt. In diesem Fall der Bewerbermarkt, mit seinen hinterhältigen Zwillingsalliierten, dem demografischen Wandel und dem Fachkräftemangel. Dass dem Trio zudem ein gewisser Sinn für Ironie nicht abgeht, muss Achtenmeyer einige Tage später lernen.

Wieder sitzt er mit Feigl zusammen, der jetzt abends "öfter mal früher Schluss macht", wieder gibt es Crianza, und Feigl erzählt von diesem wirklich äußerst vielversprechenden jungen Talent, das seine Firma gerade angeheuert hat. Top-Noten, souveräner Auftritt, schnell im Kopf. "Und weißt du, womit wir ihn überzeugt haben?", fragt Feigl triumphierend. "Mit unserem Work-Life-Balance-Konzept! Hat ihn mächtig beeindruckt, diesen Bubner."

Achtenmeyer nickt müde. Und nimmt sich vor, den Personaler am nächsten Tag um Entschuldigung zu bitten. Sowie um ein Konzept für flexible Arbeitszeiten. Er selbst will mit gutem Beispiel vorangehen und eine Auszeit nehmen. Irgendwie fühlt er sich reif für ein Sabbatical.


+++ Lessons learned +++

  • Stiff upper lip: Linienmanager mit Erfahrung im operativen Geschäft ins Recruiting einzubinden, ist eine gute Sache. Doch auch für Nicht-Personaler gelten die Regeln des Bewerbungsgesprächs: Gefühlsausbrüche sind tabu, neutrale Professionalität ist Trumpf. Für den Meinungsaustausch über den Bewerber ist nach dem Gespräch noch ausreichend Zeit.
  • Ziemlich beste Kollegen: Unternehmen stellen Mitarbeiter ein, keine Freunde fürs Leben. Ob man als (künftiger) Vorgesetzter mit den Lebensprinzipien eines Bewerbers übereinstimmt oder nicht, sollte höchstens eine geringe Rolle spielen. Entscheidend ist die Qualifikation, die Passung zur Firmenkultur und der allgemeine Auftritt. Klar: Das vielzitierte Bier sollte man mit künftigen Kollegen schon trinken können. Mehr ist aber nicht nötig.
  • Die Macht der Balance: Auch wenn es so manchem Vertreter vorangehender Generationen nicht schmeckt: Die aktuell in die Unternehmen drängende Generation Y setzt zum Teil andere Prioritäten in Job und Privatleben. Und ja, sie ist in der Position, das auch von den Firmen einzufordern. Sonst geht sie wie Bubner eben woanders hin.

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insgesamt 3 Beiträge
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    Seite 1    
1. Was soll das?
lars_w 03.07.2012
Ich kann nur den Kommentar eines Forumskollegen zum letzten Beitrag dieser selbsternannten "Kolummne" wiederholen: Aus welchem Universum wird hier berichtet? Was ist das für ein unglaublicher, selbstverliebter, nichtssagender Unsinn? Bitte schnell aufhören damit, oder ab in den Hohlspiegel statt in den Karrierespiegel ...
2.
tolle_Sache 03.07.2012
Zitat von lars_wIch kann nur den Kommentar eines Forumskollegen zum letzten Beitrag dieser selbsternannten "Kolummne" wiederholen: Aus welchem Universum wird hier berichtet? Was ist das für ein unglaublicher, selbstverliebter, nichtssagender Unsinn? Bitte schnell aufhören damit, oder ab in den Hohlspiegel statt in den Karrierespiegel ...
Diese komischen Dinge wie Ironie und Sarkasmus muss man halt schon verstehen können.... ;-) Grundsätzlich ist diese Kolummne natürlich sehr überzeichnet, aber es lassen sich schon deutliche Parallelen zu real existierenden Konzernen sehen. Insofern sorgt "Achtenmeyer" bei mir meist für ein breites Grinsen. :-)
3. Davon kann man mit 50 nur träumen
gsm900 04.07.2012
man wird nur noch als Rentner in spe gesehen oder im Jargon der GLosse "wir ham doch kein Altersheim"
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Zum Autor
Klaus Werle (Jahrgang 1973) ist Redakteur beim manager magazin und Buchautor ("Die Perfektionierer"). In seiner Kolumne "Nach Diktat verreist" demonstriert Protagonist und Mittelmanager Achtenmeyer regelmäßig, dass Karrieremachen wirklich ganz einfach ist. Nach allem, was er so hört.
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