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Leben eines Workaholics "Ich war im Arbeitsrausch"

Arbeiten und kein Ende: Zu viel Eifer wird zum Killer - nicht nur für die Karriere Zur Großansicht
Corbis

Arbeiten und kein Ende: Zu viel Eifer wird zum Killer - nicht nur für die Karriere

Der Alkoholiker wird in die Entzugsklinik geschickt, der Workaholic befördert: Rund 500.000 Deutsche sind süchtig nach Arbeit. Auch Marcel Saalmaier wollte immer noch mehr leisten - bis ihn ein Unfall aus seinem Rausch riss.

Der Regionalexpress war weg, bis zum nächsten Zug blieben exakt 30 Minuten. Eine wertvolle halbe Stunde, die man nutzen musste, dachte Marcel Saalmaier*. Er schwang sich aufs Fahrrad und suchte ein Internetcafé am Berliner Bahnhof Zoo. Dort wollte er möglich schnell möglichst viele Mails bearbeiten. Und weil die Uhr tickte, trat Saalmaier hektisch in die Pedale. Er übersah eine rote Ampel und wurde von einem Motorrad angefahren. Ein "Fehlverhalten im Arbeitsrausch" - Marcel Saalmaier hatte nicht geglaubt, dass es sowas gibt.

Zwölf Jahre liegt der Unfall nun zurück. Wenn Marcel Saalmaier heute erzählt, wie er zum Workaholic wurde, hört sich das recht gewöhnlich an: Er hatte schon eine Weile als Krankenpfleger gearbeitet, als er sich für einen neuen Beruf entschied, Lehrer für Deutsch und Geschichte. Also schrieb er sich an der Uni ein und begann ein neues Leben. Schnell waren seine Tage vollgepfropft mit Terminen: Sitzungen in der Fachschaft, Vorlesungen, Hausarbeiten, Prüfungen.

Saalmaier wusste: Das war viel. Aber er merkte nicht, dass es irgendwann zu viel war. Erst in der Klinik kam er zur Ruhe. Lange Zeit konnte Saalmaier seine Beine nicht mehr bewegen. Doch in seinem Kopf rotierte es weiter. Die Arbeit war zur Sucht geworden.

Glücksspiel, Tabletten, Drogen - dass man davon abhängig werden kann, ist bekannt, oft werden diese Süchte verschämt vertuscht. Die Arbeitssucht ist eine Ausnahme, weil sie das Selbstverständnis einer modernen Leistungsgesellschaft berührt. Und das macht sie so tückisch. Die Krankheit taucht in keinem klinischen Diagnosebuch auf und auch nicht in den Abrechnungskatalogen der Psychotherapeuten. "Doch sie ist weit verbreitet", sagt Managementberater Stefan Poppelreuter. Der Diplom-Psychologe ist Personaler beim TÜV Rheinland und hat über das Thema promoviert. Er geht davon aus, dass in Deutschland bis zu 500.000 Festangestellte arbeitssüchtig sind und weitere 14 Prozent aller Arbeitnehmer gefährdet.

Ab wann ist man arbeitssüchtig?

50, 70, 80 Stunden in der Woche - wann ist man arbeitssüchtig? "Arbeitssucht kann man nicht an der Stundenzahl bemessen", sagt Poppelreuter. Nicht alle Menschen, die vom Morgengrauen bis spät in die Nacht im Büro säßen, seien süchtig. Dafür aber manchmal sogar Menschen, die gar keinen Job hätten.

Entscheidend ist, welche Macht die Arbeit über unser Leben hat, wie stark sie sich in unserem Kopf festsetzt. "Man erkennt die Sucht daran, dass Arbeiten nicht mehr unter willentlicher Kontrolle steht", sagt Poppelreuter. "Der Workaholic arbeitet, um unangenehmen Situationen auszuweichen oder Konflikte zu vermeiden." Mit der Arbeit flüchte man vor Sorgen, Einsamkeit oder innerer Leere. Und oft bleibe es nicht bei einer Sucht.

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Bei Marcel Saalmaier ging es vor 20 Jahren mit Alkohol los. Damals arbeitete er noch als Krankenpfleger in Hamburg. Warum er zur Flasche gegriffen hat, weiß er nicht. Vielleicht spielte es eine Rolle, dass schon seine Eltern Alkoholiker waren.

Er war bereits seit fünf Jahren trocken, als er merkte, dass die Arbeit den Alkohol ersetzt hatte. Die Arbeit sei wie ein Schmerzmittel gewesen. Je mehr er genommen habe, umso weniger fühlte er, wie unglücklich er eigentlich war. Bei einem Alkoholiker bemerke das Umfeld recht schnell, dass etwas nicht stimmt. Die Fahne, die zittrigen Hände, die glasigen Augen. "Aber wir Arbeitssüchtigen fallen als letztes auf. Wir bekommen sogar noch Schulterklopfen."

Personalchefs suchten Arbeitssüchtige

Die Krux der Arbeitssucht ist, dass die Gesellschaft sie scheinbar belohnt. "Süchtige Menschen gelten als willensschwach", sagt Psychologe Poppelreuter. "Beim Arbeitssüchtigen ist das oft anders: Wer viel arbeitet, gilt als Leistungsträger. Arbeitssucht gilt als eine saubere Sucht."

Anfang der Neunzigerjahre arbeitete er als Doktorand und hielt erste Vorträge zum Thema. Gelegentlich fragten ihn Personalchefs, woran man Arbeitssucht erkenne. Damals glaubte Poppelreuter noch, dass sie ans Wohl ihrer Mitarbeiter dächten. Er lag falsch. Die Personalchefs suchten Arbeitssüchtige - um sie einzustellen.

"Dabei ist ein Workaholic für ein Unternehmen eigentlich alles andere als wünschenswert", so Poppelreuter. Workaholics scheinen zwar kurzfristig mehr zu leisten, sind aber oft schnell ausgebrannt. Nicht selten fehlt es ihnen an Effizienz. Zu viel Kraft und Energie fließen in einen unnötigen Perfektionismus. Wer arbeitssüchtig ist, kann in der Regel schwer delegieren, hält sich selten an Arbeitsaufteilungen, zieht alles an sich - und setzt andere unter Druck.

Vor allem Menschen in Helferberufen sind gefährdet: Ärzte, Sozialarbeiter, Seelsorger, alle, die sich für ihren Job aufopfern. Ebenso Menschen in der Kreativbranche, für die der Job auch Selbstverwirklichung bedeutet. Auch wenn eine Kündigungswelle droht, steigt die Gefahr, weil Mitarbeiter den Chefs zeigen wollen, wie viel sie arbeiten. Auch die Persönlichkeit spielt eine Rolle: "Menschen mit einer hohen Leistungsmotivation und einem geringen Selbstwertgefühl sind besonders gefährdet", sagt Poppelreuter.

Marcel Saalmaier besucht inzwischen einmal in der Woche eine Selbsthilfegruppe der "Anonymen Arbeitssüchtigen". Um den Kopf von den ewigen Gedanken an die Arbeit zu befreien, spielen sie oft Gesellschaftsspiele. Doch in letzter Zeit hat Marcel Saalmaier dafür weniger Zeit. Die Gruppe trifft sich immer dienstags - da macht er eine Weiterbildung zum Theaterpädagogen.

* Name geändert

  • Bernd Kramer (Jahrgang 1984) ist Redakteur bei SPIEGEL ONLINE im Ressort Uni-/ SchulSPIEGEL.

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insgesamt 52 Beiträge
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1.
monzaman 06.01.2015
"Rund 500.000". So, so.....können Sie das spezifizieren?
2. Ich hatte mal einen Kollegen
Sibylle1969 06.01.2015
Der war nach meiner Auffassung ein Workaholic. Bei dem hat es dann auch nicht gewundert, dass er geschieden war. Denn Zeit für Frau und Kinder hatte er so gut wie nie.
3. Beruhigend
abby_thur 06.01.2015
Gut zu wissen, dass es einige Krankheiten gibt vor denen ich sicher bin.
4.
kdshp 06.01.2015
Einer sucht liegen ja gründe vor. Was stimmt den mit menschen nicht die Workaholics sind. Die ich kennengelernt habe hatten aufemerksamkeits probleme und wollten mit der arbeit auffallen oder sich selber damit gut fühlen. Ja einer ist dann mit ende 40 im laden umgekippt.
5. schlimm
Champagnerschorle 06.01.2015
Mir ist nur noch nicht klar, was so schlimm daran ist, wenn man gern arbeitet.
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Einarbeitung

Berufseinsteiger und neue Mitarbeiter sorgfältig einarbeiten, damit nicht das Gefühl von Überforderung aufkommt.

Arbeitsbelastung

Falsche Arbeitsbelastung vermeiden, indem Beschäftigte in die Arbeitsplanung miteinbezogen werden. Sie sollen weder überfordert noch unterfordert sein.

Überstunden

Zu viele Überstunden vermeiden. Nach zehn Stunden Arbeit ist ein Mensch kaum noch produktiv.

Klare Ziele

Führungskräfte sorgfältig auf ihre Aufgaben vorbereiten. Sie sollen Ziele bestimmen, diese klar formulieren und auf die Einhaltung im Team achten. Zugleich soll aber nicht das Gefühl extremer Kontrolle entstehen.

Anerkennung

Mitarbeitern für gute Arbeit Lob und Anerkennung zollen und dies auch kommunizieren. Auch Kritik ist wichtig. Das Feedback sollte jedoch konstruktiv formuliert werden.

(Quelle: TÜV Süd)

So können Sie persönlich vorbeugen:
Grenzen setzen

Den eigenen Perfektionismus kritisch überdenken und sich Leistungsgrenzen ehrlich eingestehen.

Nein sagen

Unrealistischen Erwartungen von Vorgesetzten ein Nein entgegensetzen.

Delegieren

Überlegen, welche Aufgaben delegiert werden können.

Pausen

Auf geregelte Essenszeiten und Pausen achten, um wieder Energie zu sammeln.

Freizeit

Freizeitpläne und Unternehmungen mit Familie und Freunden nicht ständig verschieben. Sie sollten als Ausgleich zur Arbeit fest eingeplant werden. Allerdings sollte auch nicht Freizeitstress daraus werden.

(Quelle: TÜV Süd)



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