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27. Februar 2013, 18:55 Uhr

Heimarbeit bei Yahoo

Rückrufaktion für lockere Mitarbeiter

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Rückschritt ins 19. Jahrhundert - oder eine dringende Maßnahme zur Wiederbelebung von Yahoo? Marissa Mayer, die neue Chefin des Internetkonzerns, holt alle Mitarbeiter vom Home Office zurück in die Firmenzentrale. Die Debatte über den Schritt wird erbittert geführt.

Wer in den vergangenen Tagen im Internet auf den Namen Marissa Mayer stieß, konnte leicht zu dem Schluss kommen, die neue Chefin des Internetkonzerns Yahoo sei eine Art Kasernenkommandantin, die nun zum Zapfenstreich bläst: Alle Arbeiter, die sich bislang frei in Yahoos Steinbrüchen bewegen, müssen zurück auf den Hof, zum Exerzieren. Stramm aneinandergekettet, werden sie nun im Gleichschritt malochen - und an nichts anderes denken als ihre Flucht.

Was ist geschehen? Anfang der Woche wurde eine interne E-Mail bekannt, mit der Mayer alle Tele-Arbeiter des Konzerns wieder in die Unternehmenszentrale zurückruft:

"Um der absolut beste Arbeitsplatz zu werden, sind Kommunikation und Zusammenarbeit wichtig, also müssen wir Seite an Seite arbeiten. (...) Wir müssen ein Yahoo sein, und das beginnt damit, dass wir physisch zusammen sind."

Die Entrüstung über diese Zeilen ist groß. Viele mutmaßen in Blogs und Artikelkommentaren, dass es Mayer um Kontrolle geht, ein Rückschritt in die industrielle Arbeitslogik des 19. Jahrhunderts. Kate Lister von "Bloomberg Businessweek" etwa hält es für ein Armutszeugnis, wenn eine Technologiefirma es nicht schaffe, ihre Mitarbeiter auf Distanz zusammenarbeiten zu lassen. Und Richard Branson, Gründer und Chef des Virgin-Konzerns, erklärt in seinem Blog:

"Um erfolgreich zusammenzuarbeiten, muss man einander vertrauen. Dazu gehört in besonderer Weise, dass man Mitarbeitern zutraut, ihre Aufgaben zu erledigen, ohne Überwachung, egal wo sie sich gerade befinden."

Nur wenn ein Chef dieses Vertrauen habe, könne er auch mit der Motivation seiner Mitarbeiter rechnen. Das ist eine verbreitete Sicht. Ein Kommentator im SPIEGEL-ONLINE-Forum etwa schreibt: "Was man mit der Stechuhr messen kann, ist nur die Zeit, in der jemand im Büro die Luft verdrängt. Anders ausgedrückt: Die Anwesenheitszeit zu messen ist zwar die einfachste, aber auch die sinnloseste Methode der Leistungsmessung."

Tatsächlich gibt es wissenschaftliche Belege dafür, dass die Arbeit im Home Office die Mitarbeiter zufriedener mache. Darauf weist die gewerkschaftsnahe Hanns-Böckler-Stiftung hin. Eine Studie der Nottigham University kam kürzlich zu dem Schluss: "Wer zu Hause arbeitet, ist sowohl mit der Arbeit als auch mit der Freizeit überdurchschnittlich zufrieden." Andere Untersuchungen hätten die Gefahren betont: Die Grenze zwischen Privatem und Beruflichem verschwimme im Home Office, der direkte Kontakt zu Kollegen fehle, und am Ende würden viele Arbeitnehmer mehr Zeit mit dem Beruf verbringen als vorher.

Bei Google heißt es: Warum willst du nach Hause gehen?

Es ist eine Debatte, bei der alte ideologische Gräben wieder aufbrechen, stellt Marcus Wohlsen vom Magazin "Wired" fest, für oder wider die Präsenzkultur. Dabei müsse man sich das Büroleben bei Yahoo nun nicht künftig so vorstellen, dass jeder der 11.500 Mitarbeiter ein graues Leben in einer Stellwandbox friste: "Mayer kommt von Google und hat dort erfahren, wie viel unorthodoxe Ideen fürs Büroleben zu großen Erfolgen beitragen können", schreibt er. Und weiter:

"Der kokonartige Google-Campus mit kostenlosem Essen und Dienstleistungen wie Reinigung oder Schuhreparaturen lässt die Grenze zwischen Privatem und Beruflichem verschwimmen, um die Mitarbeiter möglichst lange am Arbeitsplatz zu halten: Die Firma kümmert sich doch um alles, warum willst du überhaupt nach Hause gehen?"

Wohlsen zitiert aber auch Yahoo-Mitarbeiter, die in Mayers Maßnahme einen ganz anderen Sinn erkennen: Das Ganze sei ein Loyalitätstest. Es könne nämlich gut sein, dass viele der Heimarbeiter bei Yahoo gar nicht mehr sonderlich produktiv sind - nur falle das nach den Problemen und Krisen, die der Konzern in den vergangenen Jahren erlebt hat, gar nicht groß auf. Wer nun zurückkehre und die Maßnahme nicht als Anlass zur Kündigung sieht, auf den könne man auch weiterhin zählen.

"Das richtige Signal"

Raymond Fisman, Professor an der Columbia Business School, findet das nachvollziehbar: "Das ist das richtige Signal von einer Chefin, die einen der größten Krisenfälle des Internets wieder auf die Beine bringen will", schreibt er auf cnn.com. Die Kommunikation von Angesicht zu Angesicht findet der Organisationswissenschaftler unersetzlich. Allerdings könne es sein, dass die Maßnahme nicht für alle Yahoo-Mitarbeiter geeignet sei: "Viele von ihnen arbeiten im Kundenservice und dürften zu Innovationen im Konzern ohnehin wenig beitragen."

Ansonsten kann er der Begründung der Yahoo-Chefin viel abgewinnen, die in ihrer Anweisung erklärte: "Einige der besten Entscheidungen und Erkenntnisse erwachsen aus Gesprächen auf dem Flur oder in der Cafeteria." In der "Süddeutschen Zeitung" hält Alexandra Borchardt deshalb ein Plädoyer für die Präsenzpflicht und weist darauf hin, dass Heimarbeit für Eltern nicht unbedingt vorteilhaft sei: "Ein geregelter Arbeitstag lässt sich mitunter besser mit Familienaufgaben kombinieren als ständige Erreichbarkeit."

Das als kleiner Trost für alle Yahoo-Beschäftigten, die nun widerwillig ins Büro fahren müssen. Und dazu der Twitter-Kommentar der Nutzerin "chérie": "Homeoffice wäre natürlich super. Aber dann entgingen mir ja die Deppen in der Bahn, die mir als Muse dienen."

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