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Zeugenbetreuer Tränen im Gerichtssaal

Birgitt Schnitzler und Erik Holschuh arbeiten als Zeugenbetreuer am Landgericht Frankfurt Zur Großansicht
DPA

Birgitt Schnitzler und Erik Holschuh arbeiten als Zeugenbetreuer am Landgericht Frankfurt

Wenn Opfer vor Gericht als Zeugen aussagen sollen, müssen sie dem Täter ein zweites Mal ins Auge sehen. Doch vor dem Richterpult sind sie nicht allein: Zeugenbetreuer helfen, die Verhandlung durchzustehen - wenn es sein muss, auch mit Spaziergängen und Atemtechnik.

Alles hängt an ihrer Aussage. Die junge Frau weiß das. Aber den Gerichtssaal will sie trotzdem nicht betreten. Dem Peiniger noch einmal in die Augen schauen? Bloß das nicht! Birgitt Schnitzler, 52, redet auf die Zeugin ein, macht ihr Mut, verspricht, mit in den Gerichtssaal zu kommen. Schließlich sagt die junge Frau doch aus. Der Beschuldigte wird verurteilt.

Birgitt Schnitzler ist Sozialpädagogin - und von Beruf Zeugenbetreuerin. Sie und ihr Kollege Erik Holschuh werden gerufen, wenn Zeugen im Frankfurter Landgericht heulend zusammenbrechen, die Aussage zurückziehen wollen oder einfach nur Angst haben vor dem Gerichtstermin. "Wir lesen vorher nicht die Akte, sondern schauen, was jemand braucht", sagt Holschuh.

Zeugenbetreuer hören zu, erklären, unterstützen. Auf Wunsch kommen sie mit in den Gerichtssaal und setzen sich neben den Zeugen - und vor den Täter. Sie kümmern sich um Kinder, deren Eltern vor Gericht über das Sorgerecht streiten. Müssen die Kleinen selbst in den Zeugenstand, können sie im eigens dafür eingerichteten Kinderzimmer des Gerichts vernommen werden.

"Die Leute sind so dankbar"

Schon der Ladung zum Verhandlungstermin liegt eine Information über das Betreuungsangebot bei. Manche Zeugen sind bereits beruhigt, wenn sie nur mal den leeren Gerichtssaal gesehen haben. Anderen helfen Entspannungstechniken und Atemübungen, ein Spaziergang oder eine Unterhaltung über völlig andere Themen wie Fußball oder Kochen.

"Viele Betreuungen ergeben sich vor Ort, wenn die Gefühle plötzlich wieder wachgerufen werden", sagt Holschuh. Manchmal ruft ein Richter direkt aus der Verhandlung an, weil ein Zeuge weinend zusammengebrochen ist. Oder er entscheidet sich auf Anraten von Schnitzler und Holschuh für eine Videovernehmung.

Als die Zeugenbetreuung in Frankfurt 1993 ins Leben gerufen wurde - sechs Jahre nach der deutschlandweit ersten in Limburg - seien die meisten Richter gegen das Angebot gewesen, sagt Schnitzler. Viele Anwälte hätten eine Beeinflussung ihrer Mandanten befürchtet, obwohl die Zeugenbetreuer keinen rechtlichen Rat geben.

Rund 1200 Männer und Frauen betreuen Schnitzler, Holschuh und eine Kollegin am Frankfurter Landgericht pro Jahr. Wie viele Zeugenbetreuer es in Deutschland gibt, weiß nicht einmal das Bundesjustizministerium genau. Holschuh und Schnitzler sind beim Landgericht angestellt, viele Zeugenbetreuer arbeiten aber auch bei der Opferhilfe. "Die Leute sind so dankbar", sagt Holschuh. "Anerkennung bekommt man in der Sozialarbeit ja nicht immer."

Von Ira Schaible, dpa/vet

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