ThemaErste Hilfe KarriereRSS

Alle Kolumnen


  • Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Erste Hilfe Karriere Zeugnis des eigenen Versagens

Zur Großansicht
Corbis

In der Probezeit gescheitert - wer nun das Zeugnis selbst schreiben soll, steht vor einem Problem. Wie lässt sich der Misserfolg erklären, ohne sich endgültig schachmatt zu setzen? Bewerbungstrainer Gerhard Winkler findet: Viele Erklärungen schaden nur.

"Ich bin als Branchenneuling bei einem Personaldienstleister nach wenigen Monaten gescheitert. Nach Einschätzung meiner Vorgesetzten war der Hauptgrund für die Kündigung in erster Linie meine schwache Leistung, also zu wenig Rekrutierung und Vermittlung. Offenbar bestand auch nicht die Aussicht, dass ich die Wunschleistung zukünftig erreiche. Das Arbeitsklima wurde immer schlechter, so dass ich zunehmend unter meiner beruflichen Situation litt. Zuletzt wurde ich freigestellt. Das empfand ich als Befreiungsschlag. Nun soll ich mir mein Arbeitszeugnis selbst erstellen.

Ich hatte mit meinem Vorgesetzten besprochen, dass ich in Vorstellungsgesprächen sage, die Personalarbeit in Form eines Profitcenters liege mir nicht. Dies werde ich wohl auch so im Zeugnis formulieren. Doch wie schreibt man ein neutrales, wohlwollend ausgerichtetes Arbeitszeugnis für ein Beschäftigungsverhältnis, das innerhalb der Probezeit beendet wurde, bei dem also jedem Personaler klar ist, dass da einiges nicht funktioniert hat?" (F. K.)

Sie sitzen in der Bredouille. Denn Sie haben sich auf etwas eingelassen, womit Sie sich eigentlich von vorneherein nicht die Finger schmutzig machen wollten. Sie wollten keine Personaldienstleistungen vertreiben. Vielleicht haben Sie nicht an Ihr Talent für die Kontaktaufnahme, Präsentation und Bedarfsermittlung oder an den Sinn von HR-Services geglaubt.

Goldige Tricks der Verkäufer

Doch ein Abstecher ins Profitcenter ist immer eine gute Erfahrung, um das Handeln zu lernen, das Verhandeln zu üben, sich für die Zumutungen unserer Zivilisation abzuhärten und sich die geldwerten oder zumindest goldigen Tricks der Verkäufer anzueignen. Verkaufen ist bereits eine Wissenschaft und immer noch eine Kunst - also wie geschaffen für den neugierigen akademischen Geist. Man kann sich auch als Berufseinsteiger im Personalwesen darauf einlassen.

Karrierebewusste Einsteiger befürchten natürlich, dass sie an einer schlechten Stelle kleben bleiben, dort abgestempelt werden und im Lebenslauf für alle Zeiten das Etikett "JUMW" tragen (Job unter meiner Würde). Diese Sorge ist unbegründet, denn jede Beschäftigung ist eine vorübergehende. Vor zu wenig Veränderung im Arbeitsleben braucht man sich als Jobanfänger heute gewiss nicht zu fürchten. Und wenn der Karriereweg einen in etwas steileres Gelände führt, dort wo die Leitwölfe heulen, dann schmückt einen die eigene Akquisitionserfahrung stets als Ehrenmedaille.

Erste Hilfe Karriere
Diese Experten schreiben wöchentlich wechselnd im KarriereSPIEGEL über Bewerbungen, Karriere und die Wechselfälle des Berufslebens: Gerhard Winkler, Svenja Hofert, Martin Wehrle, Uta Glaubitz (von links oben nach rechts unten)

Sie haben Fragen zu Karrierethemen, Probleme am Arbeitsplatz, Themenanregungen? Unsere Experten freuen sich über Ihre Nachricht!
Zwölf oder achtzehn Monate sollte man das Geschäft dann aber schon betreiben. Halten Sie beim nächsten Job durch! Verbuchen Sie Ihre Zähigkeit als Gewinn! Ein Sieg schmeckt schließlich am besten, wenn man auch die Niederlagen kennt.

Sie haben den Dampf in der Vertriebstruppe als übergroßen Druck empfunden und waren froh, dass man Sie nach ein paar Knüffen und Rüffeln fallengelassen hat. Damit haben Sie als williges Opfer den Corpsgeist gestärkt. Dass Verkäufer bissig werden, wenn einer nicht verkaufen will, dient der Arterhaltung. Wer bei Verkäufern im Boot sitzt, der paddelt eben mit oder er springt heraus und sucht das rettende Ufer. Freifahrten sind nicht drin.

Wer zu viel preisgibt, macht sich zum Clown

Man hat Ihnen nach einiger Quälerei endlich den Befreiungsschlag versetzt. Dies ist kein Grund zur Traurigkeit. Sie haben etwas versucht. Sie konnten sich nicht verbiegen. Sie haben Ihren Arbeitgeber daraus die Konsequenz ziehen lassen. Jetzt richten Sie sich nach Ihrem inneren Kompass aus. Bevor Sie nach vorn schauen und den Flop schnell vergessen, texten Sie entweder einen kurzen Arbeitsnachweis oder ein reguläres Arbeitszeugnis.

Eine einfache Bescheinigung führt nur auf, in welcher Funktion Sie bei wem innerhalb welchen Zeitraums tätig waren. Sie endet mit einer Dankesformel. Falls Sie in den Wochen Ihres Engagements wenig bewirkt und noch weniger erreicht haben, vermeiden Sie mit dem einfachen Arbeitsnachweis eine ungute Beurteilung Ihres Jobverhaltens und Ihrer Arbeitsergebnisse.

Das qualifizierte Zeugnis ist bekanntlich wahr, vollständig und wohlwollend. Deshalb hat es auch die Konsistenz von rosa gefärbtem Fertigschaum aus der Satzsprühdose. Es besteht aus einer formalisierten Einleitung, einem Kurzprofil des Arbeitgebers, einer Zuordnung der Stelle, einem Abriss der beruflichen Entwicklung, einer Aufgabenbeschreibung sowie aus einer Bewertung von Arbeitsbereitschaft, Arbeitsbefähigung, Arbeits- oder Managementstil, Führungsverhalten, fachlichem Know-how, Bildungsbereitschaft und Sozialverhalten.

Das reguläre Zeugnis ist in der gerechten Sprache gehalten und hat den Appeal eines Latexanzugs aus der Bahnhofspassage: eine Größe für alle. Erfolge und besondere Leistungen werden meist unterschlagen - noch ein Grund, das Arbeitszeugnis selbst zu texten oder es gleich einem Profizeugnisveredler zu überlassen. Ein kostenloses Formular, das alle Ihre Zeugnisdaten in der richtigen Reihenfolge abfragt und daraus eine Rohfassung generiert, finden Sie beispielsweise in meinem Blog.

Auf keinen Fall wollen Sie in Ihrem Zeugnis die "Aussage bringen, dass mir die Personalarbeit in Form eines Profitcenters nicht liegt". Das mag aufrichtig und wahr sein, macht Sie aber zum Clown.

Wer sich von wem weshalb verabschiedet, ist eine der Schlüsselinformationen im Arbeitszeugnis. Bei einer Kündigung innerhalb der Probezeit geben Sie einen Grund für die Auflösung nur dann an, wenn er nicht an Ihrer beruflichen Reputation kratzt. Ein akzeptabler, jedoch seltener Kündigungsgrund: Sie steigen innerhalb der Probezeit aus, weil Ihre Partnerin zur Bundespräsidentin gekürt wurde.

Dass Sie etwas anderes vom Job erwartet haben, dass Sie keine Freude an der In- und Outbound-Akquisition gezeigt haben, dass die Aufgaben nicht wie besprochen ausfielen, dass das Team nicht halb so lieb war wie angekündigt, dass die Kunden missmutig und die Kandidaten unauffindbar waren, das alles steht natürlich nicht im Zeugnis. Gesprächsweise vorbringen werden Sie all das auch nur dann, wenn Ihnen partout nichts Klügeres einfällt.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Zeugnis wessen
smartphone 23.05.2012
Problem 1 ist , das die HRs erwarten - noch heute übrigens - daß man bruchfrei von einem Job in den nächsten wechselt . Bruchfrei heißt , nihct mal eben 4 Monate auf Jobsuche zu sein - denn sowas qualifiziert einen schon als nicht mehr arbeitsfähig ( o-Zitat ... ) Punkt 2 , wer sagt ,denn ,daß das Zeugnis wirklich widergibt ,was man in der Firma gemacht hat .... die Firma schreibt , man hat einen Einblick gewährt - in Wirklichkeit hat man in Rekord ein zB an die Wand gefahrenes Projekt/Verfahren gerettet . man will nur die Macher feuern, damit nur das sog Establishment profitiert ... Nur auf letztere Tour verheizt man die besten Leute nachhaltig .... Die Folgen spürt man ja schon deutlich . Wir sind zwar Exprotweltmeister , was i.d.R. fast nur auf dem Ruf vergangener Zeiten basiert - Wer sich ein weinig auskennt ,weis, daß selsbt in der Hightec wir nur noch unteres Mittelmaß sind - Tendenz fallend.....
2. Haltloses Blablabla...
ww-bc 23.05.2012
Wer sich zum Bewerbungs-Guru aufschwingt, sollte sich auch seiner Verantwortung bewußt sein und die Betroffenen nicht nur unpräzise Tipps auf eine falsche Fährte locken - wie hier geschehen. Die Probezeit-Kündigung ist aus Arbeitgeber-Sicht wie vor ein Super-Gau, denn tendenziell unterstellt man dem Mitarbeiter aus meiner jahrelangen Erfahrung bei Bewerber Consult geringe persönliche Anpassungsfähigkeit. Im Übrigen ist das Zeugnis nicht der entscheidene Faktor, sondern eher die Frage, wie sich der Kündigungs-Arbeitgeber gegenüber Nachfragen von potentiellen und neuen Arbeitgebern verhält (das läuft leider hinter dem Rücken des Bewerbers ab). Und außerdem benötigt der Kandidat glaubhafte Argumente für das nächste Vorstellungsgespräch. Deshalb meine Empfehlung: ein faktisch darstellendes kurzes Zeugnis und darüber hinaus die persönliche Vereinbarung einer Sprachregelung hinsichtlich Nachfragen neuer Arbeitgeber. Im nächsten Schritt eine glaubwürdige Ausstiegsargumentation erarbeiten, die nicht grundsätzliche Fähigkeiten - insbesondere Soft-Skills in Frage stellt (evtl mit Hilfe eines Coaches, der nicht zu blablabla rät, sondern mit Ihnen am Problem arbeitet und auch in der Lage ist, sich eindeutig zu positionieren und sie dabei mental zu unterstützen).Im Übrigen kommen Probezeitkündigungen in der Praxis häufig bei Arbeitgebern vor, bei denen die (Probezeit-)Kündigung keine Seltenheit ist oder die von Anbeginn falsche Versprechungen machen.
3. Nur temporär
inx_1 23.05.2012
Zitat von smartphoneProblem 1 ist , das die HRs erwarten - noch heute übrigens - daß man bruchfrei von einem Job in den nächsten wechselt . Bruchfrei heißt , nihct mal eben 4 Monate auf Jobsuche zu sein - denn sowas qualifiziert einen schon als nicht mehr arbeitsfähig ( o-Zitat ... )
Diese Spezies "stirbt" zum Glück gerade aus - sprich geht in Rente -, und hat ihren Samen auch nicht wirklich durchgängig erfolgreich auf neue Generationen übertragen können. Insofern ist das nur eine temporäre Erscheinung, in eine Firma die Leute mit solchen Ansichten beschäftigt würde ich persönlich ohnehin nicht tätig sein wollen.
4. Viel geschwurbel- wenig Ergebnis
ratiosubito 23.05.2012
Wenn das alles ist, was dem BewerbungsGuru einfällt, dann würde ich empfehlen, das Geld lieber für eine guten Freund beim Essen auszugeben - und mich von dem beraten zu lassen- der weiss das auch! Sorry....
5. Verhältnismässigkeit
monoflo314 23.05.2012
Selbst wenn Arbeitszeugnisse immer mehr die Substanz eines "Latexanzugs aus der Bahnhofspassage" bzw. von "rosa gefärbtem Fertigschaum aus der Satzsprühdose" besitzen, sollten sie meiner Meinung nach, wenigstens noch ein wenig unverfälschten Informationsgehalt besitzen, was nach schiefgelaufenen 6 Monaten offensichtlich nicht mehr der Fall sein kann, wenn man auf die üblichen Phrasen zurückgreift. Von daher habe ich, als es einmal während der Probezeit nach zwei Monaten zu einem Aufhebungsvertrag kam, einfach auf das Zeugnis verzichtet. Und soweit man das so auch erklären kann, kommt man auch in weiteren Vorstellungsgesprächen damit nicht allzusehr in Verlegenheit. Selbst Arbeitgeber schätzen manchmal ein wenig Ehrlichkeit...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsleben
RSS
alles zum Thema Erste Hilfe Karriere
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Zum Autor
Gerhard Winkler arbeitet als Trainer und Bewerbungshelfer in Berlin. Er bloggt regelmäßig auf www.jova-nova.com.
Fotostrecke
Bewerbungsgespräch: Wann Sie straflos lügen dürfen

Verwandte Themen


Social Networks