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Von Rechts wegen Du sollst nicht falsch Zeugnis geben

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Corbis

Tschüs, Chef: Arbeitnehmer haben Anspruch auf warme Worte in Zeugnissen

Gelogen wird in Firmen jeden Tag, gerade in Arbeitszeugnissen. "Wohlwollend" sollen sie formuliert sein. Das führt oft zu Knatsch zwischen Chef und Angestellten: Wann ist ein Lob ehrlich, wann ist Gift versteckt in einem Geheimcode, den Personaler sofort entschlüsseln?

Früher oder später beschäftigt das Thema Zeugnis nahezu jeden Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Wer die Firma wechselt, kann vom Chef ein Endzeugnis einfordern; ein Zwischenzeugnis kann beim Vorgesetztenwechsel, bei Änderungen des Jobprofils und ähnlichen Veränderungen verlangt werden.

"Du sollst nicht falsch Zeugnis geben", so steht es in den Zehn Geboten. Dennoch wird kaum so viel gelogen wie in Zeugnissen. Das liegt zum einen an den rechtlichen Rahmenbedingungen, zum anderen aber auch oft am Wunsch des Arbeitgebers, mit einem herausragenden Zwischenzeugnis den ungeliebten Arbeitnehmer elegant loszuwerden.

Häufig kommt es zu Auseinandersetzungen, wenn der Mitarbeiter mit dem Zeugnisinhalt nicht einverstanden ist. Als juristischer Laie fragt man sich: Ist das ein gutes Zeugnis? Hat sich der Arbeitgeber eines "Geheimcodes" bedient, so dass das Zeugnis bei einer Bewerbung eher schadet als nützt?

Von Rechts wegen
Das Bundesarbeitsgericht (BAG) hat Ende vergangenen Jahres über eine solche Zeugnisstreitigkeit entschieden. Ein Angestellter zog wegen folgender Zeugnisformulierung vor Gericht:

"Wir haben Herrn X als sehr interessierten und hochmotivierten Mitarbeiter kennengelernt, der stets eine sehr hohe Einsatzbereitschaft zeigte. Herr X war jederzeit bereit, sich über die normale Arbeitszeit hinaus für die Belange des Unternehmens einzusetzen. Er erledigte seine Aufgaben stets zu unserer vollen Zufriedenheit."

Der Arbeitnehmer argwöhnte, dass die Formulierung "kennengelernt" in der Berufswelt weitgehend negativ verstanden werde. Der Arbeitgeber habe damit verschlüsselt zum Ausdruck gebracht, dass gerade das Gegenteil der Aussage gemeint gewesen sei - das lehrt auch meine Erfahrung als Arbeitsrechtler. Dagegen hat das BAG entschieden, durch die gewählte Formulierung werde nicht der Eindruck erweckt, dass der Arbeitgeber dem Mitarbeiter in Wahrheit Desinteresse und fehlende Motivation bescheinige (Aktenzeichen 9 AZR 386/10).

Die Grenzen der Lobhudelei

Viele arbeitsrechtliche Praktiker schütteln über diese Entscheidung den Kopf. Die Mehrheit der Personalverantwortlichen würde über die Formulierung "haben kennengelernt als" stolpern. Warum steht im Zeugnis nicht: "Herr X war sehr interessiert und hochmotiviert"? Klare, nicht passivisch verklausulierte Formulierungen sind eindeutig und erwecken nicht den Anschein, das Gegenteil sagen zu wollen. Diesen Grundsatz sollten Personalverantwortliche berücksichtige, schon um unnötige Streitigkeiten zu vermeiden.

Für Arbeitnehmer ist es nicht leicht, die Zeugnissprache zu verstehen. Denn der Arbeitgeber muss zwar ehrlich sein, das Zeugnis aber auch "wohlwollend" formulieren. Er steckt damit in einer Zwickmühle, wenn er einen nur durchschnittlichen oder schlechten Mitarbeiter beurteilen muss.

Verlangt ist zunächst, dass alle wesentlichen Aufgaben des Mitarbeiters wiedergegeben werden. Bei der Leistungs- und Verhaltensbeurteilung haben sich bestimmte Formulierungen durchgesetzt, darauf greifen die meisten Zeugnisautoren zurück:

  • Wer seine Aufgaben "stets oder jederzeit zur vollsten Zufriedenheit" / "immer oder stets zur vollen Zufriedenheit" / "zur vollen Zufriedenheit" erfüllt hat, wurde hinsichtlich seiner Leistung mit der "Schulnote" Eins / Zwei / Drei beurteilt.
  • Mit der Formulierung "Er zeigte reges Interesse an seiner Arbeit" attestiert der Arbeitgeber seinem Mitarbeiter eine nur mangelhafte Leistung.
  • Bei der Beurteilung des Verhaltens zu Vorgesetzten, Kollegen oder Kunden findet man meist Formulierungen wie "war stets einwandfrei" / "war vorbildlich" für die Noten Eins bzw. Zwei.
  • Wer mit Führungsverantwortung etwa als "verständnisvoller und toleranter Vorgesetzter" gekennzeichnet wird, gilt in der Zeugnissprache als ein Mitarbeiter ohne Durchsetzungsvermögen.
  • Wer zur Verbesserung der Stimmung im Betrieb beiträgt, hat ein Alkoholproblem.
  • Wer bereit ist, Überstunden zu leisten, ist eigentlich grundfaul.

Justitiabel ist das alles nur schwer. Fest steht: In einem guten Zeugnis dürfen wichtige Aspekte nicht fehlen, beispielsweise die Stressresistenz bei Journalisten. Werden Selbstverständlichkeiten jedoch erwähnt ("Er war immer pünktlich"), so ist dies wiederum negativ.

Nichts als Ärger mit Arbeitszeugnissen

Nicht akzeptabel sind bereits der Form nach Zeugnisse, die geknickt sind, "Eselsohren" oder Rechtschreibfehler haben. Solche Mängel zu vermeiden, dürfte Personalverantwortlichen und Arbeitnehmern viel Ärger ersparen.

Auch eine Schlussformel, die Dank für die geleistete Arbeit, Bedauern über das Ausscheiden und gute Wünsche für die Zukunft, sind für Zeugnisse von Vorteil. In manchen Fällen haben Richter entschieden, dass Arbeitgeber ein Zeugnis mit Dank für die geleistete Arbeit und mit guten Wünschen für die Zukunft schreiben müssen. Ein Anspruch darauf besteht laut ständiger Rechtsprechung jedoch nicht - auch wenn das Fehlen in der Praxis als klarer Hinweis verstanden wird, dass da etwas nicht stimmt.

Zeugnisse, die länger als zwei Seiten sind, erwecken in der Praxis ebenfalls Misstrauen. Die Überlänge wird als Hinweis auf ein erzwungenes Zeugnis verstanden, so auch zu große oder viel zu kleine oder auffällig ungewöhnlich platzierte Unterschriften.

Am Ende liest der eine Personalchef zu viel zwischen den Zeilen, der andere zu wenig. Eines jedenfalls ist klar - und das sieht man der BAG-Entscheidung deutlich an: Weder Richter noch Anwälte mögen Zeugnisstreitigkeiten.

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insgesamt 10 Beiträge
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    Seite 1    
1. Arbeitsbescheinigung reicht
kira1615 05.04.2012
Ich finde es schrecklich mit den Arbeitszeugnissen. Wofür hat man dann noch eine Probezeit? Nach meinem Empfinden müsste man doch einem Punkt Glauben schenken können und der andere könnte dann wegfallen. Wenn ich dem Zeugnis glaube, müsste die Probezeit wegfallen. Tut sie aber nicht, weil dem Zeugnis eh keiner glaubt. Also: Zeugnis unnötig, Arbeitsnachweis von wann bis wann man dort gearbeitet hat, reicht. Und wenn ich wirklich als Personaler wissen will, was sich dort zugetragen hat, dann kann man immer noch anrufen.
2.
ksail 05.04.2012
Zitat von kira1615Und wenn ich wirklich als Personaler wissen will, was sich dort zugetragen hat, dann kann man immer noch anrufen.
Das mach ich eigentlich immer, wenn im Zeugnis irgendwelche merkwürdigen Formulierungen auftauchen oder ich meine Bedenken bei einem sehr guten Zeugnis habe. Das persönliche Gespräch ist im Zweifel viel informativer als ein Stück Papier, um das möglicherweise sogar vor Gericht gestritten worden ist. Allerdings sollte man auch berücksichtigen, dass viele Zeugnisse aus mittelständischen oder kleinen Firmen stammen, bei denen auch mal der Chef oder Vorgesetzte schnell das Zeugnis schreiben muss. Und da kommt dann mal auch ein unübliche Formulierung zustande, die aber eigentlich positiv gemeint war.
3.
stier11194 05.04.2012
Zitat von kira1615Ich finde es schrecklich mit den Arbeitszeugnissen. Wofür hat man dann noch eine Probezeit? Nach meinem Empfinden müsste man doch einem Punkt Glauben schenken können und der andere könnte dann wegfallen.
Warum gibt es bei uns Arbeitszeugnisse? Ganz einfach, man kann so ungeliebte AN herausloben aber auch in Kündigungsstreitigkeiten dem AN Feuer unterm Hintern machen, damit er einer "gütigen" Einigung zustimmt. Ob ein AN auf einer neuen Stelle die gleiche Leistung überhaupt bringen kann, kann man nie einem Zeugnis entnehmen. Das Umfeld und auch die Arbeit als solche bei der neuen Arbeitsstätte eben komplett anders. Daher ist genaugenommen ein Zeugnis für die Eignung so gut wie wertlos. Vermutlich hätte ohne das KSchG auch in D wie in vielen anderern Ländern das Zeugnis so gut wie keine Bedeutung. Leider nutzen und können vielleicht die AG die Probezeit zur richtigen Beurteilung nicht ausnutzen. Auch gibt es manchmal zwischenmenschliche Probleme (beispielsweise neuer Vorgesetzter). Wenn sich dann der AN nicht flexibel zeigt, gibt es nicht selten unlösbare Probleme.
4. deutscher Bürokratenblödsinn
Graphite 05.04.2012
Ich durfte meine letzten drei Arbeitszeugnisse selbst schreiben. das sagt wohl alles. inzwischen fordere ich keines mehr an. falls ich beim Jobwechsel danach gefragt werde ist die Antwort auch eindeutig. Solch einen Blödsinn machen eh nur wir deutschen. in anderen Ländern interessiert es keinen und es will auch keiner haben. Ein schweizer Unternehmen hat mich mal gefragt, was sie damit machen sollen ;) => ab in die Tonne damit!
5. :) Stimmt!
kira1615 05.04.2012
Zitat von GraphiteIch durfte meine letzten drei Arbeitszeugnisse selbst schreiben. das sagt wohl alles. inzwischen fordere ich keines mehr an. falls ich beim Jobwechsel danach gefragt werde ist die Antwort auch eindeutig. Solch einen Blödsinn machen eh nur wir deutschen. in anderen Ländern interessiert es keinen und es will auch keiner haben. Ein schweizer Unternehmen hat mich mal gefragt, was sie damit machen sollen ;) => ab in die Tonne damit!
In anderen Ländern interessiert es keinen Menschen (Personaler) was in deutschen Zeugnissen drinsteht. Es lässt sich auch keiner übersetzen bzw. man muss auch keine Übersetzung beilegen. Es reicht ein Lebenslauf und die Probezeit. Naja, Deutschland und Bürokratie passen einwandfrei zusammen. Kostet ja auch überhaupt kein Geld. Achja, da hab ich wieder was verpasst. Die Post muss ja verdienen, der Kopierladen um die Ecke auch, denn Online-Bewerbungen haben sich ja auch noch nicht durchgesetzt.
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