Bufdi-Jubiläum Billig und freiwillig
Seit zwei Jahren gibt es den Bundesfreiwilligendienst, an diesem Mittwoch beginnt der hunderttausendste "Bufdi" mit der Arbeit. Die Regierung jubelt, Kritiker jammern. Die neuen Zivis würden als billige Arbeitskräfte missbraucht.
Eine Abiturientin aus Berlin tritt an diesem Mittwoch als hunderttausendste "Bufdi" ihren Dienst an. "Bufdi" steht für den Bundesfreiwilligendienst. Für diesen hat sich Sophie Warmbrunn, 18, beworben. Ein Jahr lang wird sie im Berliner Stadtmuseum arbeiten. Eine Urkunde hat sie schon jetzt bekommen: Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) gratulierte ihr persönlich zum ersten Arbeitstag.
Im Gegensatz zum Zivildienst, den es seit dem 1. Januar 2011 nicht mehr gibt, hat der Bundesfreiwilligendienst keine Altersbegrenzung. Und dies wird von vielen Menschen genutzt: Mehr als 40 Prozent aller Bufdis sind älter als 27 Jahre. Kritiker sehen damit ihre Befürchtungen bestätigt. Sie glauben, dass der Bundesfreiwilligendienst reguläre Arbeitsplätze gefährdet.
Die Bufdis arbeiten sechs bis 24 Monate lang in Krankenhäusern oder Behindertenheimen, in Sportschulen, Jugendherbergen oder Therapiezentren. Dafür bekommen sie ein Taschengeld von maximal 348 Euro monatlich. Gefördert werden vom Ministerium jährlich maximal 35.000 Plätze mit 200 Millionen Euro. "Der Bundesfreiwilligendienst hat alle Erwartungen übertroffen", jubelt Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU).
Chance zum beruflichen Neustart
Zumindest beim Deutschen Roten Kreuz gibt man ihr recht: Die Hilfsorganisation war 2011 bei der Einführung des neuen Dienstes skeptisch. Mittlerweile bewerte man ihn aber sehr positiv, sagt Sprecher Dieter Schütz. Derzeit hält das Rote Kreuz 2700 Plätze für Bufdis bereit, will aber auf 3000 erhöhen. Die Nachfrage sei weit höher als die Zahl der Plätze.
Auf der Webseite des Bundesfreiwilligendienstes wird dieser auch als Chance zur beruflichen Neuorientierung angepriesen: Verkäufer Steffen Brömel, 28, arbeitet jetzt in einer Jugendherberge, um "Einblicke in einen anderen Beruf zu bekommen", Krankenschwester Sonja Petersen, 37, ist Bufdi in einer Rehaklinik für Suchtkranke: "Ich wollte einfach raus aus dem Krankenhaus und Abstand zu den Krankengeschichten gewinnen, die mich dort jeden Tag aufs Neue belasteten. Trotzdem wollte ich weiter mit Menschen tätig sein."
Zusammen mit dem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ), dem Freiwilligen Ökologischen Jahr und dem Internationalen Jugendfreiwilligendienst sind derzeit insgesamt mehr als 85.000 Freiwillige in Deutschland aktiv - nach Auskunft des Ministeriums ein Rekord.
Niedriglohnmodell im Osten
Doch es gibt weiter Kritik. Die Linke befürchtete schon vor dem Start, dass sich der Bundesfreiwilligendienst zu einem neuen Niedriglohnsektor entwickeln werde. Vor allem in Ostdeutschland gebe es überproportional viele ältere Bufdis: "Der Bundesfreiwilligendienst ist im sozialen und Pflegebereich Auffangbecken für im Osten vorher wegrationalisierte ältere weibliche Arbeitskräfte", kritisiert der Linken-Abgeordnete Harald Koch.
Bei der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg sieht man keine Konkurrenz zwischen Freiwilligendienst und Arbeitsmarkt. Im Einzelfall könne es sehr sinnvoll sein, sich zusätzlich zu qualifizieren. In Zeiten doppelter Abiturjahrgänge sei etwa das FSJ eine gute Idee, die Zeit bis zu einer Ausbildung oder einem Studium zu überbrücken.
Auch das Ministerium widerspricht: Freiwillige seien keine Arbeitskräfte, sondern übernähmen überwiegend praktische Hilfstätigkeiten. Für eine Verdrängung regulärer Arbeitsplätze gebe es keine Anzeichen. Die Kriterien zur Prüfung der Arbeitsmarktneutralität entsprächen inhaltlich in vollem Umfang denen im Zivildienst sowie denen der Jugendfreiwilligendienste.
Kerstin Münstermann/dpa/vet
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