Extrempendler Büro in Stuttgart, Wohnung in Barcelona

Einer Frau zuliebe zog der IT-Spezialist Ralf Röber nach Spanien - aber seine Arbeitsstelle ist nach wie vor in Stuttgart. So pendelt er im Halbwochen-Rhythmus zwischen den Städten. Seine Kunden merken davon nichts, sein Chef hat sich daran gewöhnt.

Dirk Engelhardt

Von Dirk Engelhardt


"Das war die beste Entscheidung meines Lebens!" Ralf Röber hat es nie bereut, seinen Wohnort 989 Kilometer von seinem Arbeitsort entfernt zu wählen. Seit gut drei Jahren fliegt der Berater für Informationsmanagement jeden Montag gegen 19 Uhr nach Stuttgart und am Donnerstag gegen 17 Uhr wieder zurück nach Barcelona. Dazwischen arbeitet er für einen großen Autokonzern im Stuttgarter Büro, Montag und Freitag im Home Office in Barcelona.

Das ist seine spezielle Art der Work-Life-Balance: "Die Kunden, mit denen ich telefoniere, bekommen es meist dank Rufumleitung gar nicht mit, dass ich Montag und Freitag nicht in Stuttgart sitze." Dank Internet und Stuttgarter Telefonnummer kann er mit ihnen von Barcelona aus zusammenarbeiten, ohne dass die Entfernung ein Nachteil ist.

Für seine Ex-Frau hatte er den Wohnort in den sonnigen Süden verlegt. Sie ist Peruanerin und konnte sich nicht an das raue Klima in Deutschland gewöhnen - damit meinte sie sowohl das Wetter, als auch die Mentalität. "Wir haben damals überlegt, nach Malaga, Palma de Mallorca oder Barcelona zu gehen", erinnert sich Röber. Ein Freund gab ihm schließlich den entscheidenden Tipp: Der Flughafen von Barcelona bietet die besten Verbindungen in Spanien. Der Flug nach Stuttgart dauert eine Stunde und 40 Minuten.

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Das Paar besichtigte die Hafenmetropole am Mittelmeer während eines zweiwöchigen Urlaubs. "Vor allem meine Frau fühlte sich in einer spanischsprachigen Umgebung sehr wohl", erzählt Röber. Dass die meisten Einheimischen Katalan statt Spanisch sprechen, fiel den beiden damals gar nicht auf. Die erste Wohnung bezogen sie direkt neben der Kathedrale, "für 20 Euro pro Quadratmeter, kalt".

Die Gegend wurde ihnen bald zu touristisch. Jetzt wohnt Röber im edlen Stadtteil Sarria, wo es grün und ruhig ist. Er schätzt die Stadt vor allem für ihre Freizeitqualität: den schnellen Weg zum Strand, die gemütlichen Tapas-Bars im Barceloneta-Viertel, die unzähligen kulturellen Veranstaltungen.

Die Flugtickets bezahlt Röber aus eigener Tasche, zum Standardpreis. Rund jeden zehnten Flug kann er von den gesammelten Meilen begleichen. Die drei Nächte in Stuttgart verbringt Röber in einem günstigen City-Hotel, von dem es nur zehn Minuten Fußweg zum Büro sind. Mit fünf bis sechs Kollegen arbeitet er dort an Projekten im Bereich Datawarehouse-Landschaften.

Im Flieger trifft er noch mehr Langstreckenpendler

Zwischendurch probierte es Röber mit einem wöchentlich wechselnden Rhythmus - eine Woche Stuttgart, eine Woche Barcelona. Aber das funktionierte nicht, weil er in der Abwesenheitswoche wichtige Meetings verpasste und den Kontakt zu den Kollegen nicht richtig halten konnte.

Er ist nicht der einzige, der Arbeit und Freizeit so kompromisslos splittet: "Ich habe im Flugzeug im Laufe der Zeit eine Menge Menschen kennengelernt, die es ähnlich machen wie ich. Im Durchschnitt sitzen im Flieger und 10 bis 15 Deutschland-Spanien-Pendler, bei rund 120 Sitzplätzen insgesamt", schätzt er.

Eine Genehmigung für seinen ungewöhnlichen Wohnort brauchte er von seinem Arbeitgeber übrigens nicht. "Ich habe einen Jahresauftrag mit einer festgelegten Anzahl von Tagen, die ich leisten muss. Während der drei Tage in Stuttgart arbeite ich rund 10 bis 12 Stunden." Natürlich hat der Chef ein wenig geguckt, als er von seinem neuen Wohnort in Katalonien erzählte. Aber Schwierigkeiten hat Röber deshalb keine bekommen.

Im Gegenteil - die sonnigen Wochenenden beflügeln ihn bei der Arbeit im trüben Wetter Deutschlands. Sein Lieblingsvergleich: Stuttgart hat 1692 Sonnenstunden pro Jahr, in Barcelona sind es rund 2700.

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insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
Stäffelesrutscher 14.05.2012
1.
Alles richtig gemacht: am Wochenende Nou Camp statt Daimlerstadion ...
cucco 14.05.2012
2. ein Vorbild an Umweltbewusstsein...
dieser Herr Röber. Passt genau zu unserer Angie Merkel, die, kaum als sie Kanzlerin wurde, erstmal die Zölle für Asien Importe zusammen gestrichen hat und damit die Segnungen der Globalisierung einleitete. Z. B. die sprunghaft gestiegenen Transporte rund um den Globus für Waren, die einstmals in Deutschland und Europa besser hergestellt wurden mit hiesigen Leuten, die heute arbeitslos sind. In Röbers Fall ist es natürlich er selber, der transportiert wird. Er hat auch gleich die netter Ausrede der empfindlichen Ehefrau parat, eigentlich findet er selber es einfach chic, in Barcelona zu wohnen.
hartholz365 14.05.2012
3. Cool
wenn das mit dem Job vereinbar ist. Würde ich auch so machen wenn ich könnte. Ich frage mich nur wie er den Wechsel vom Dreckloch Barcelona zur Kehrwochehauptstadt Stuttgart überlebt, das muss doch jedesmal ein Schock sein.
Mirko D. Walter 14.05.2012
4. re
Gut gemacht. Ich hatte vor wenigen Jahren auch einen Kollegen, der zwischen Barcelona und München wöchentlich gependelt ist. Hat sehr viele Stunden gearbeitet, damit er jeden Freitag freinehmen konnte. Man wünscht sich, dass mehr Auftraggeber etwas flexibler sind. Das Modell der "Vor-Ort"-Arbeit ist in dieser Absolutheit bei einigen/vielen Jobs gar nicht mehr nötig. Für beide Parteien gäbe es durchaus Vorteile: Der Auftraggeber spart sich die Arbeitsplatzkosten, der Auftragnehmer das (häufige) Pendeln und den Stress. Unterm Strich wäre die Arbeit in kürzerer Zeit oder günstiger zu erledigen. Für Abstimmungen und anderes kann doch immer noch vor fallweise Ort gearbeitet werden. Pendelzeiten von mehreren Stunden pro Strecke klingen für die meisten Menschen fürchterlich. Aber hier lesen wir von einem Beispiel wie hoch die Lebensqualität des Einzelnen sein kann, wenn ein wenig flexibel gedacht wird. Dann wiederum sind auch Stunden im Flugzeug keine große Sache mehr. Ich selbst pendle übrigens auch mehrere Stunden pro Strecke. Allerdings täglich.
antilobby 14.05.2012
5.
Zitat von Mirko D. WalterGut gemacht. Ich hatte vor wenigen Jahren auch einen Kollegen, der zwischen Barcelona und München wöchentlich gependelt ist. Hat sehr viele Stunden gearbeitet, damit er jeden Freitag freinehmen konnte. Man wünscht sich, dass mehr Auftraggeber etwas flexibler sind. Das Modell der "Vor-Ort"-Arbeit ist in dieser Absolutheit bei einigen/vielen Jobs gar nicht mehr nötig. Für beide Parteien gäbe es durchaus Vorteile: Der Auftraggeber spart sich die Arbeitsplatzkosten, der Auftragnehmer das (häufige) Pendeln und den Stress. Unterm Strich wäre die Arbeit in kürzerer Zeit oder günstiger zu erledigen. Für Abstimmungen und anderes kann doch immer noch vor fallweise Ort gearbeitet werden. Pendelzeiten von mehreren Stunden pro Strecke klingen für die meisten Menschen fürchterlich. Aber hier lesen wir von einem Beispiel wie hoch die Lebensqualität des Einzelnen sein kann, wenn ein wenig flexibel gedacht wird. Dann wiederum sind auch Stunden im Flugzeug keine große Sache mehr. Ich selbst pendle übrigens auch mehrere Stunden pro Strecke. Allerdings täglich.
In Großstädten sind Pendelzeiten bis 3 Stunden normal, allerdings mit ökologisch korrekten, verspäteten S-Bahnen.
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