Berufspendler im Stress "Wie ein Kampfpilot im Einsatz"

Arbeitnehmer verplempern auf dem Weg zum Job immer mehr Zeit. Der Soziologe Norbert Schneider warnt vor gravierenden Folgen und beantwortet die Frage: lieber Auto oder Bahn?

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Ein Interview von


Zur Person
  • Fiedler
    Der Soziologe Norbert F. Schneider ist seit 2009 Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. Das Institut berät mit seinen Studien vor allem das Bundesinnenministerium.

SPIEGEL ONLINE: Herr Schneider, immer mehr Menschen müssen zur Arbeit in eine andere Gemeinde fahren. Im vergangenen Jahr waren es 60 Prozent der Arbeitnehmer, 2000 nur 53 Prozent. Wird das Berufspendeln zum Problem?

Schneider: Ja, wobei ich finde, das andere Zahlen das noch viel deutlicher zeigen. Bei uns im Bundesinstitut für Bevölkerungsentwicklung steht die Zeit im Mittelpunkt, die Arbeitnehmer auf ihrem Arbeitsweg verbringen. Wir wissen, dass eine Fahrtdauer von mindestens 45 Minuten so belastend ist, dass die Gefahr gesundheitlicher Schäden deutlich zunimmt. Schon ab einer halben Stunde kann es öfters stressig werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Leute müssen das auf sich nehmen?

Schneider: 26 Prozent aller Arbeitnehmer haben einen Arbeitsweg von mehr als einer halben Stunde. Und auch diese Zahl steigt. 1991 waren es noch 20 Prozent - ein Anstieg von rund einem Drittel. Außerdem wissen wir, wie viele Menschen eine volle Stunde oder länger unterwegs sind. Das sind 5 Prozent der Erwerbstätigen, also rund zwei Millionen Menschen. Und das sind Fahrtdauern, die man auch haben kann, ohne eine Gemeindegrenze zu überschreiten.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist die Lage bei Wochenendpendlern?

Schneider: Deren Zahl hat sich seit 1991 sogar verdreifacht. Im vergangenen Jahr waren das insgesamt 400.000 Menschen, 1 Prozent der Erwerbstätigen.

SPIEGEL ONLINE: Sie nennen diese Entwicklung problematisch. Was sind die Folgen?

Schneider: Es ist belastend, so lange unterwegs zu sein, das kostet Kraft. Außerdem sorgt die ständige Zeitknappheit für Stress. Und bei Wochenendpendlern beobachtet man zusätzlich, dass sie sich oft von ihrem sozialen Umfeld entfremden. All das belastet die Psyche und erhöht zum Beispiel das Risiko für einen Burnout.

SPIEGEL ONLINE: Ganz gleich, welche Zahl man heranzieht: Es wird immer mehr gependelt. Woher kommt das?

Schneider: Dafür gibt es viele Gründe. Zum Beispiel sind heute viel mehr Jobs befristet als vor 25 Jahren. Für eine befristete Stelle ziehen aber nur wenige Menschen um. Auch gibt es immer mehr Paare, bei denen beide Partner erwerbstätig sind. Nur wenige davon wohnen so, dass beide einen kurzen Arbeitsweg haben. Eine wichtige Rolle spielt auch der Wohnungsmarkt: Viele ziehen an den Rand der Metropolen, weil es im Zentrum zu teuer wird. Innerhalb der Städte sind oft auch kurze Wege sehr zeitraubend, das schlägt sich in diesen Zahlen nieder.

SPIEGEL ONLINE: Kann es sein, dass viele Deutsche eigentlich ganz gerne pendeln?

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    Lange Arbeitswege belasten die Psyche, dennoch fahren Arbeitnehmer immer länger. Umweltministerin Hendricks will deshalb Fahrradstellplätze fördern - dabei würde es eher helfen, befristete Jobs einzudämmen.
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Schneider: Zumindest ist es so: Die Mehrheit in Deutschland nimmt lieber einen langen Arbeitsweg in Kauf als einen Umzug. Das ist tatsächlich auch eine Mentalitätsfrage. Leider entscheiden sich die Menschen damit oft für die Variante, die sie am stärksten belastet. Diese Entscheidung wird ihnen aber auch immer leichter gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Schneider: Durch den Ausbau der Infrastruktur. Viele Pendelstrecken heute waren vor fünfzehn Jahren für die meisten gar nicht praktikabel. Aber seitdem es zum Beispiel sehr schnelle ICE-Verbindungen zwischen Berlin und Hamburg gibt oder zwischen Köln und Frankfurt, fahren immer mehr Pendler auf diesen Routen.

SPIEGEL ONLINE: Was belastet denn stärker? Das Pendeln mit dem Auto oder mit Bus und Bahn?

Schneider: Das spielt keine große Rolle, vielmehr ist die Pendeldauer entscheidend. Oder auch die Frage, ob die Situation selbst gewählt wurde. Wer aus Überzeugung in sein Häuschen im Grünen gezogen ist, für den ist die Belastung nicht annähernd so groß wie für jemanden, dem der Standortwechsel seiner Firma aufgezwungen wird.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man zur Entlastung beitragen?

Schneider: Der Druck ist besonders groß, wenn sich unvorhergesehene Hindernisse auftun. Ein überraschender Stau erzeugt laut einer Studie den gleichen Stresspegel, den ein Kampfpilot im Einsatz erlebt. Da hilft oft Gleitzeit, weil dann nicht so wichtig ist, ob man eine halbe Stunde früher oder später auf der Arbeit eintrifft. Außerdem stresst jeder einzelne Pendelweg. Schon ein Homeoffice-Tag in der Woche kann die Lebenszufriedenheit deutlich erhöhen.

Was erledigen Sie beim Pendeln?
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viwaldi 04.04.2017
1. Ja, ja - über die befristeten Arbeitsverhältnisse herziehen,...
aber dann Frau Schwesigs und Herrn Schulz`s schwachsinnigen Vorschlag eines Rechts auf Teilzeit und Wiedervollzeit unterstützen. Die Folge? Arbeitgeber werden, wenn jemand auf Teilzeit in einer Planstelle runtergegangen ist, nur noch befristete Teilzeitstellen vergeben, weil der andere ja jederzeit wieder aufstocken könnte. So sozial ist die SPD, und dann erklärt uns der nächste, das Pendeln sei so stressig. Aber den Verkehrsausbau blockieren wo es geht. Aber wer kann schon 40km morgens mit dem Rad fahren? Jeder "Experte" sieht sein kleines Teilchen, aber der normale arbeitende Mensch hat das Problem, mit dem Gesamtkonstrukt leben zu müssen.
Sabin Chen 04.04.2017
2. ich hab die 75km sehr gemocht
75km hin und 75 zurück. das hat sich überhaupt nicht gerechnet für eine teilzeitstelle, aber ich konnte in diesen zwei jahren haufenweise großartige hörbücher genießen und hab mich schon während der arbeit auf den heimweg gefreut. ich konnte in diesen 45min perfekt abschalten..
oschn 04.04.2017
3. Prioritäten
Ich würde zuerst einmal nach folgender Prioritätenliste sortieren: 1. Fahrrad 2. motorisiertes Zweirad (Roller, bzw. Motorrad) 3. Umzug möglich? 4. Auto 5. Zug 6. Job wechseln Dieser Reihenfolge nach abarbeiten. Wenn Fahrrad nicht geht (weil zu weit oder zu hügelig), dann die Option Roller/Motorrad prüfen, nächste Option wäre der Umzug, wenn das nicht geht, dann doch Auto. Wenn damit der Weg zu lang wird (Stau), dann muss es mit dem Zug gehen. Und wenn alle diese Möglichkeiten nichts bringen, dann muss man entweder den Job wechseln, oder leiden.
beob_achter 04.04.2017
4. Das wichtigste Schlüsselwort in den Artikel ist
"Gleitzeit" Ja, es gibt Tätigkeiten, bei denen es unabdingbar ist, daß alle zu den gleichen Zeiten arbeiten. Wenn man aber die Arbeitszeiten stärker entflechten kann, sollte man das auch tun! Viele AG kleben immer noch an der Präsenzpflicht und merken nicht, daß die Menschen motivierter sind, wenn man sie weniger gängelt. Amazon ist ein typisches Negativ-Beispiel für Menschenführung! Jede Stunde außerhalb der Verkehrsspitzen am Morgen und am Nachmittag bringt signifikant weniger Autos gleichzeitig auf die Straße. Diese Entflechtung sollte relativ einfach zu bewerkstelligen sein. Beispiel: Firmen, die in der gleichen Gegend angesiedelt sind, arbeiten eine Woche "normal", in der nächsten Woche beginnt die Kernzeit eine Stunde früher, und in der dritten Woche eine Stunde später. Flankierend dazu müssen unbedingt ausreichende Kapazitäten in KITAs vorliegen - und daran wird mein "Modell" wohl scheitern....
Le Commissaire 04.04.2017
5.
Ich habe meinen Wohnort immer so gewählt, dass der Fahrtweg zur Uni und dann zum Arbeitsplatz maximal 30 Minuten dauert. Wenn ich mit dem ÖPNV fahre, gehen dann pro Wegstrecke ca. 10 Minuten verloren, die übrigen 20 Minuten lese ich den "Spiegel" oder ein Buch. Seitdem ich mit dem Rad zur Arbeit fahre, kann ich dabei zwar nicht lesen, dafür spare ich Zeit (und Geld), weil ich mich vom Fitness-Studio abmelden konnte. Mit dem Pkw zur Arbeit zu fahren ist in jeder Hinsicht die schlechteste Variante. Es kostet am meisten Geld und am meisten Zeit: Man kann während der Bedienung der Fahrmaschine nichts vernünftiges anderes tun, außerdem muss man sehr viel Zeit aufwenden, um überhaupt erst einmal das Geld für einen Pkw zu verdienen. Hinzu kommt dann auch noch der Zeitverlust für die Auswahl und den Kauf des Pkw, für Parkplatzsuche, Tanken, Putzen, gelegentliche Reifenwechsel, gelegentliche Ölwechsel, Auswahl der Versicherung, gelegentliche Bußgelder für Falschparken etc. pp.
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