Der Regisseur "Das machen wir noch mal!"

Der Kopf einer Inszenierung ist der Regisseur. Beim Bochumer Stück "König Richard der Dritte" verantwortet Roger Vontobel alle künstlerischen Entscheidungen. Nach acht Wochen intensiver Proben nimmt er Abschied - und ist bei der Premiere auf keinen Fall selbst im Publikum.

SPIEGEL ONLINE

"Stopp", ruft Roger Vontobel aus dem Zuschauerraum, "das machen wir noch mal!" Mit ein paar großen Sätzen springt der Regisseur von Shakespeares "König Richard der Dritte" auf die Bühne. "Passt auch, zwei Dinge", sagt er zu den Schauspielern, die sich in Kostümen und Perücken um ihn gruppieren. Eindringlich und mit den Armen fuchtelnd erklärt Vontobel, wie er sich die Szene vorstellt: "Eure Gegnerschaft muss klarer werden, dieser Penner will von dir die Krone! Stellt euch mal anders auf." Dann spurtet der gebürtige Schweizer die Stufen zum Regiepult hoch und ruft: "Wir probieren das mal aus. Alle bereit? Und los."

Vontobel sprüht vor Energie, obwohl er in der Phase der Endproben kaum Schlaf bekommt. "Drei oder vier Stunden, mehr ist im Moment nicht drin", sagt der Vater zweier Kinder, der als Hausregisseur regelmäßig in Bochum inszeniert, aber auch in Dresden, Berlin oder Hamburg arbeitet. Die Wochen vor der Premiere ist Vontobel fast ausschließlich im Theater, bespricht sich mit dem Dramaturgen, der Kostüm- und der Bühnenbildnerin, richtet die Beleuchtung ein und probiert mit den Schauspielern Szenen.

"Ich gelange über die Geschichte zum Bild", sagt er, in dieser Hinsicht sei er stark vom Film geprägt. "Dann versuche ich mit den Details, die mich interessieren, eine Story zu erzählen." Auch wenn der Regisseur schon vorher weiß, welche Geschichte er erzählen möchte - für ihn entstehen viele Dinge erst im Miteinander. "Wenn es anders wäre, müsste ich alle Ideen selbst haben. Das wäre doch langweilig!"

Er redet, läuft, flucht, lacht, tobt

Mit Shakespeares "Richard III." hat sich Vontobel einen der großen Klassiker herausgesucht. Die Titelfigur ist die Verkörperung des Bösen. Bei seinem Weg auf den Thron geht er über Leichen und steigert sich in einen paranoiden Herrschaftswahn. In der Bochumer Version spielt Paul Herwig, Gewinner des Theaterpreises "Der Faust", diese Rolle. Hinter den Kulissen ist Herwig eher ein ausgeglichener, achtsamer, freundlicher Typ. "Genau dieser Konflikt hat mich gereizt: Was muss passieren, damit ein Mensch wie Paul so böse wird?", so Vontobel.

Fotostrecke

3  Bilder
Regisseur Roger Vontobel: "Dieser Penner will von dir die Krone!"
Die Antwort darauf findet sich ebenso bei Shakespeare, im Drama "Heinrich VI." - zusätzlich zum heftigen "Richard"-Pensum erzählt Vontobel auch die Vorgeschichte. Bis zuletzt feilt er an Szenen, dirigiert Beleuchter und Bühnenassistenten und rennt immer wieder auf die Bühne. Vontobel redet, läuft, flucht, lacht, lobt.

Zugute kommt ihm dabei, dass er selbst Schauspiel studiert hat - "aber ich habe gemerkt, dass das nicht das Richtige für mich ist". Über eine Off-Theater-Produktion in den USA kam Vontobel zum Regiefach und machte sich dann mit wilden, emotionalen und bildstarken Produktionen in Deutschland einen Namen.

Einen Königsweg zum Beruf des Regisseurs gebe es nicht, sagt er: "Ich weiß nicht, ob man es erlernen kann. Man kann nur an seiner eigenen Arbeit lernen, sie hinterfragen und wachsen." Ihn haben dabei auch Misserfolge geschult - wie etwa der totale Verriss eines Projektes für junge Regisseure bei den Salzburger Festspielen.

Bei der "Richard"-Produktion ist Regieassistentin Christina Pfrötschner fast immer an seiner Seite. Vontobel hat ein gutes Gefühl bei der Inszenierung. Nach der Generalprobe ist für ihn die Arbeit am Stück beendet: "Wahrscheinlich würden wir noch viel verändern, wenn wir mehr Zeit hätten. Aber Theater lebt davon, dass irgendwann der Vorhang hochgeht."

Am Abend der Premiere sitzt Vontobel nicht mehr im Zuschauerraum - er geht etwas essen. "Abschied nehmen", sagt er. Rechtzeitig zum Schlussapplaus steht er wieder auf der Bühne.

Fünf Fragen an Roger Vontobel

  • Warum haben Sie sich für Shakespeares "König Richard der Dritte" entschieden - gibt es nicht schon genug Inszenierungen dieses Klassikers?

Für mich ist es das erste Mal und für viele aus dem Team auch. Ich schere mich nicht darum, was wann und wo schon mal gelaufen ist. Ich mach's halt so, wie ich's mache.

  • Wie wichtig ist Erfolg?

Erfolge geben mir Selbstvertrauen und eine gewisse Unabhängigkeit. Viel wichtiger als die Erfolge ist aber das Überleben der eigenen Misserfolge. Daran wächst man wirklich.

  • Wann entsteht etwas, das größer ist als nur Ideen, Text, Maske, Bühne, Schauspieler und Kostüme?

Wenn all das mit Leben gefüllt wird. Wenn die Schauspieler auf der Bühne mit ihrer Umgebung agieren, zu einem Großen zusammenschmelzen. Indem es eine zwingende Situation ergibt, in der sich Menschen bewegen - und zwar glaubhaft.

  • Woher wissen Sie, wann eine Szene funktioniert?

Das merkt man als Regisseur. Und das merkt man auch als Schauspieler. Wenn eine Szene sich richtig anfühlt, dann geht relativ viel - auch Dinge, die man sich vorher überhaupt nicht gedacht hat.

  • Sind Zweifel erlaubt auf einer Probe?

Oh ja. Und ich glaube, die müssen auch sein. Man zweifelt ja sowieso schon immer, nicht nur auf der Probe. Zweifel ist der große Motor am Theater. Nicht Wissen.

  • KarriereSPIEGEL-Autor Fritz Habekuß (Jahrgang 1990) studiert Wissenschaftsjournalismus, Biowissenschaften und Medizin in Dortmund und arbeitet als freier Journalist.



© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.