Berufsanfänger Du hast dich so verändert

Schule, Uni, das ist die Zeit der maximalen Selbstentfaltung. Dann kommt der Job. Plötzlich ist es nicht mehr egal, wenn Pulli oder Strumpfhose ein Loch haben. Und das ist noch das Wenigste. Was macht der Beruf bloß mit mir?

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Die Verwandlung in eine Arbeitskraft verblüfft selbst die Betroffene
Corbis

Die Verwandlung in eine Arbeitskraft verblüfft selbst die Betroffene


Man kann sich einen Job als Handel vorstellen, als einen Tausch von Zeit gegen Geld. Ob dabei genug für einen rausspringt, muss jeder selbst entscheiden. Ein Kollege von mir, den ich sehr schätze, sagte mal, da hatte er gerade drei Wochen Urlaub: Bei so viel Freizeit lohne es sich sogar, die Namen seiner Kinder zu lernen. Ein Scherz, natürlich. Ein bisschen lustig - und auch ein bisschen wahr.

Egal, als was und wo, mit dem ersten Job beginnt eine Metamorphose, aus dem Mal-gucken-Typ wird einer fürs Malochen. Die meisten erwischt es zwischen 20 und 30. Die Symptome der Arbeit überlagern sich nun mit denen des beginnenden Verfalls.

"Quarterlife Crisis" heißt ein Buch, das vor Jahren mal ein Bestseller war - die Krise, die kommt, sobald das Leben ein bisschen ernst und die Haut ein bisschen schlaff wird. Wer wie meine älteren Kollegen denkt, ich steigere mich rein, der sieht die Zeichen nicht: graue Haare, Falten, Bürostuhlbuckel. Nicht mehr lange, und die Brüste sagen dem Bauchnabel hallo.

"Arbeiten", hat es eine Freundin zusammengefasst, "macht vor allem eins: fett. Drei Kilo jedes Jahr, mindestens." Klar, viel Stress, wenig Sport, das Alter, und, ja, sie übertreibt.

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Erwischt: Zehn Anzeichen, dass ich Spießer werde
Arbeiten prägt. Es verändert unter Umständen den Körper, und es verändert definitiv den Menschen, der drin steckt. Vor ein paar Jahren haben Psychologen 2000 deutsche Studenten, Schüler und Auszubildende untersucht. Dreimal in vier Jahren wurden sie befragt. Mit dem Berufsstart, beobachteten die Forscher, veränderten sich ihre Probanden. Wer auf einmal mehr Druck spürte, wer gefordert wurde, wer wusste, Fehler haben Konsequenzen, weil Menschen verletzt werden, weil Fehler Geld kosten - kurz: Wer seinen Job behalten wollte, der machte keinen Blödsinn mehr.

Arbeiten kann sich anfühlen wie Urlaub mit den Eltern

So verändert die erste Arbeitsstelle die Persönlichkeit. Menschen werden gewissenhafter und emotional stabiler. Sie werden: scheinbar erwachsen. Erst als Rentner leben sie wieder lässiger. Wenn die Arbeit endet, wird alles wieder ein bisschen egal. Forscher nennen diesen Zustand den "Dolce Vita"-Effekt. Doch bis es so weit ist, wird die Verwandlung in eine Arbeitskraft längst abgeschlossen sein.

Wozu man mutiert, lässt sich oft schon zu Beginn der Werktätigkeit erkennen: zu einer jungen Version der Leute, auf die man da trifft. Wer nach einem halben Jahr im Büro noch Pullis mit Comic-Figuren trägt, wirkt wie ein Punk zwischen den Agenten aus der Matrix. "Als ich in deinem Alter war", sagen die Agenten gern, und dann folgt eine Anekdote, die in der Zeit spielt, als es noch kein Handy und kein Internet gab. Für Berufsanfänger ist das eine schmerzhafte Erkenntnis. Arbeiten kann sich anfühlen wie Urlaub mit den Eltern.

Apps programmieren mit Gleichaltrigen kann eine Alternative sein; der Look aber ist ähnlich sektenhaft. "Alter Snob!", sagen jene, die es noch nicht erwischt hat, "kommste mit feiern?" Mittwoch, Kneipe, erst Bier, dann Schnaps. Ich muss morgen früh raus, sagst du und sprichst plötzlich wie dein Vater: Lass, ich zahl das.

Am Anfang glimmt noch die Nostalgie für die alte Welt, in der Wecker nicht klingeln, sondern nur die Uhrzeit anzeigen. Aus der Anne und Jörn Fotos mailen, zwei Monate Südamerika, Semesterferien, Sommerferien, was auch immer, auf jeden Fall spontan gebucht. Der Arbeitnehmer hingegen erlebt die Jahreszeiten meist durchs Fenster.

In diesen Momenten ist Arbeit ausschließlich Mist, und einmal angefangen, will man möglichst bald auch wieder damit aufhören, am besten, bevor es zu spät ist. Der Übergang in die neue Welt kann weh tun. Wer früher anarchisch Termine nicht einhielt, wer sagte, was er dachte, der agiert nun diplomatisch, egal, was der Chef für eine Pflaume ist.

Das Rollköfferchen wird zum schicken Accessoire

So passt man sich an, jeden Tag ein Stückchen, bis man irgendwann womöglich hineingehört in sein neues Milieu - während das alte den Roadtrip nach Amsterdam plant. Der Spagat gelingt, bis einer ausspricht, was alle längst wussten: Irgendwie wirkst du so erwachsen. Ein Satz wie ein Urteil. Eigentlich ist damit auch alles gesagt.

Freunde gehören zu den ersten Opfern der Erwerbstätigkeit. Sie werden nach und nach ersetzt, meistens durch solche, die den gleichen Beruf haben wie man selbst. Das ist praktisch, die sieht man sowieso, die verstehen, wovon man spricht. Dieser Prozess ist natürlich effizient.

Und in einer Welt, in welcher der Tag zusammenschnurrt auf wenige Stunden zwischen dem Zähneputzen morgens und dem Heimkommen, in so einer Welt gilt: effizient = gut.

In dieser Welt entschuldigen sich alte Freunde, wenn sie vor 19 Uhr anrufen ("Ist gerade schlecht, ich bin bei der Arbeit"). Hier gilt ein Rollköfferchen als schickes Accessoire. Willkommen in der neuen Welt. Wilkommen in der Matrix.

Natürlich gibt es ein paar, die rebellieren, Fluchtpläne schmieden. Die keinen Hosenanzug kaufen als letzte Verweigerung des Erwachsenwerdens. Die jeden Tag einen anderen Weg ins Büro wählen, weil Alltag für Spießer ist. Die fragen: War es das? Ein Job bis zur Rente? Ein Ausweg existiert.

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Berufsstart: Hilfe, ich habe keine Ahnung
Die Freundin von damals hat gekündigt. "Mist an Idioten verhökern", hat sie gesagt, das mache sie nicht. Also studiert sie nun weiter, mit ein paar Nachwirkungen aus ihrem alten Dasein. Am ersten Uni-Tag war sie zu spät, der Bus weg, es eilte. Da rief sie ein Taxi. Ihren Kommilitonen hat sie davon nie erzählt. Die Scham des Yuppies.

Noch so etwas, was sich ändert. Egal, für welche Summe man die eigene Zeit verkauft hat, das erste Gehalt ist meist mehr, als man vorher hatte. Mit dem Geld beginnt die Zeit der materiellen Möglichkeiten. Der Wirtschaftswunderrausch, im besten Fall. Kein Nachtbus, dafür Taxi; keine Spülhände, sondern Spülmaschine, vielleicht sogar ein Rollköfferchen.

Es sind die Annehmlichkeiten des Arbeitens. Das nach einer Weile so schlimm doch eigentlich gar nicht ist. Man gewöhnt sich. Und wer das anders sieht, der jammert. So.

Berufsberater haben einen Namen für den Moment, in dem die alte und die neue Welt aufeinanderprallen: Praxisschock. Ist die Phase überstanden, so die Hoffnung, geht es aufwärts. War es nicht sogar das, was man wollte? Wofür man all die Jahre geackert hat? Endlich echte Fälle, echte Menschen, keine Bücher lesen, Bücher schreiben. Etwas schaffen, bauen und verändern, möglichst was Sinnhaftes.

Vielleicht ist es aber auch nur die Gewöhnung, ein Fügen in die Umstände. Vielleicht weiß man auch schon gar nicht mehr, was man mit seiner Zeit sonst anstellen würde. Vielleicht. Das ist ja das Verflixte an der Matrix. Man weiß nie, was stimmt.

  • Laura Höflinger, 25, ist derzeit die jüngste SPIEGEL-Redakteurin. Die meisten ihrer Freunde studieren noch und lachen über Lauras Geldverdiener-Allüren (Taxi statt Nachtbus, Lachs aufs Brot statt Billig-Gouda).



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insgesamt 52 Beiträge
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Seite 1
braman 06.01.2014
1. Spießer?
der Einstieg ins 'Berufsleben' ist nicht der Übergang vom Menschen zum Spießer sondern (in den meisten Fällen) zum Lohnsklaven mit den entsprechend angepassten Verhaltensweisen. Dabei bleibt viel Kreativität auf der Strecke, leider, und das nur aus Angst womöglich an zu ecken. MfG: M.B. (Emeritierter Arbeitnehmer und -geber)
urban4fun 06.01.2014
2. Viel Potenzial geht verloren
Zitat von sysopCorbisSchule, Uni, das ist die Zeit der maximalen Selbstentfaltung. Dann kommt der Job. Plötzlich ist es nicht mehr egal, wenn Pulli oder Strumpfhose ein Loch haben. Und das ist noch das Wenigste. Was macht der Beruf bloß mit mir? http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/berufsstart-wie-der-job-den-menschen-veraendert-a-936160.html
Eine traurige Entwicklung. Wenn plötzlich Äußerlichkeiten wichtiger werden, als Ergebnisse der Arbeit, läuft etwas falsch. Wenn Angepasstheit wichtiger ist als Authentizität, läuft erst recht etwas falsch.
KurtFolkert 06.01.2014
3.
Zitat von bramander Einstieg ins 'Berufsleben' ist nicht der Übergang vom Menschen zum Spießer sondern (in den meisten Fällen) zum Lohnsklaven mit den entsprechend angepassten Verhaltensweisen. Dabei bleibt viel Kreativität auf der Strecke, leider, und das nur aus Angst womöglich an zu ecken. MfG: M.B. (Emeritierter Arbeitnehmer und -geber)
..Nicht die Angst vorm anecken, sondern die Furcht, dass nach 2 Jahren befristete Arbeit danach die Jobsuche von Neuem beginnt.
Zaunsfeld 06.01.2014
4.
Danke für den schönen Artikel. Ich habe ein paar Mal lächeln müssen. Auch bei mir ist der Übergang vom Studium ins Berufsleben noch nicht gar so lange her und ich kann mich noch deutlich an die Umstellung erinnern. Ich hab mich tatsächlich in den meisten Begebenheiten des Artikels wiedererkannt.
clausde 06.01.2014
5. Naja
Auch nach vierig Berufsjahren habe ich mir noch ein wenig Kreativität bewahrt. Klar ist man angepasst, inzwischen Vorbild und man wird als solches beobachtet. Lockerheit und Menschlichkeit und Erfolg schließen sich gegenseitig nicht aus. Einfach beginnen mit dem Berufsleben. Es fügt sich Eines zum Anderen. Und wer sich im tiefsten Inneren treu bleibt, verliert nur wenig.
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