ThemaPraktikaRSS

Alle Artikel und Hintergründe


  • Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Protest gegen Ausbeutung Hiermit bewerbe ich mich nicht

Protestbrief an den Arbeitgeber: Hiermit bewerbe ich mich nicht Fotos
Mario Schenk

Ein Stundenlohn von 1,50 Euro, angeboten von einer Organisation, die sich weltweit für faire Löhne einsetzt - das fand Mario Schenk unerträglich. Er antwortete auf die Praktikumsannonce mit einer Nicht-Bewerbung. Statt des Personalchefs meldeten sich bei ihm Leidensgenossen aus ganz Deutschland.

Ein bezahltes Praktikum in einem Südamerika-Projekt, ausgeschrieben von einer Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Berlin - die Stelle scheint wie geschaffen für Mario Schenk. Sein Lateinamerikanistik-Studium wird er in wenigen Wochen abschließen, er spricht fließend Englisch, Spanisch und Portugiesisch, hat jahrelang in Südamerika gelebt und schon für Nichtregierungsorganisationen gearbeitet. Der ideale Kandidat. Doch auf seinem Anschreiben prangt nicht "Bewerbung" als Betreff, sondern "Nicht-Bewerbung". Es beginnt mit den Zeilen: "Hiermit bewerbe ich mich nicht auf die Praktikumsstelle für den Bereich 'Projekte der Entwicklungszusammenarbeit und Öffentlichkeitsarbeit' in Berlin. Ich kann mir die von Ihnen ausgeschriebene Stelle einfach nicht leisten."

Eigentlich hatte Schenk eine konventionelle Bewerbung schicken wollen. Doch dann hat er es sich anders überlegt: "Ich habe beim Arbeitgeber angerufen und nachgefragt: Was ist genau mit Aufwandsentschädigung gemeint? Und was bedeutet die Angabe, dass das Praktikum mindestens drei Monate dauern soll? Dann erfuhr ich, dass es um eine 40-Stunden-Woche geht, für die Leute bevorzugt werden, die sechs Monate bleiben. Und das alles für eine Entschädigung von 250 Euro im Monat."

Ein Stundenlohn von rund 1,50 Euro, davon würde er nicht einmal leben können, wenn es ihm gelänge, zusätzlich ein Stipendium an Land zu ziehen. Besonders erboste ihn, dass ausgerechnet eine Organisation, die sich weltweit für faire Löhne einsetzt, ihre Praktikanten in Deutschland zu Bedingungen beschäftigt, die an Ausbeutung grenzen. "Das war das i-Tüpfelchen", sagt Schenk.

Er formulierte eine mehrseitige Nicht-Bewerbung, um der Organisation zu zeigen: Es gibt hier einen qualifizierten, interessierten Bewerber, dem es allerdings nicht möglich ist, unter diesen Bedingungen zu arbeiten. Die Stelle anzunehmen sei nur für diejenigen realistisch, die sie entweder durch einen zweiten Job finanzierten oder aus reichem Elternhaus stammten, schrieb er.

Seinen Lebenslauf legte er ebenfalls bei, allerdings mit geschwärztem Inhalt. Seine Argumentation: Eine Arbeit, die so schlecht entlohnt wird, entwertet geradezu das Können des Arbeitnehmers. Entsprechend "entwertete" er seinen Lebenslauf symbolisch, indem er den Inhalt schwarz markierte.

"Das fünfte Praktikum entwertet sich selbst"

Mit seinem Ärger ist Mario Schenk nicht allein. Thomas Klauck ist schon seit sieben Jahren "diplomierter Chefabsager". Den Titel hat er sich selbst gegeben, als er 2005 in Berlin die Absageagentur gründete. Unter dem Motto "Verkaufen Sie sich nicht unter Wert - sagen Sie lieber gleich ab", bot er an, "hochwertige Absagen auf aktuelle Stellenanzeigen zu schreiben". Die Idee des Philosophen und Kulturwissenschaftlers stößt immer noch auf großes Interesse, erst vor wenigen Monaten war die Absageagentur auf einer Ausstellung in Oldenburg vertreten.

Fotostrecke

4  Bilder
Rebellische Volontärin: "Das ist Ausbeutung"
Bei der Agentur für Arbeit weiß man, dass Geistes- und Sozialwissenschaftler im Durchschnitt länger suchen müssen als Absolventen anderer Fachrichtungen, bis sie eine Stelle finden, die ihrer Qualifikation entspricht. Als Taxifahrer enden die meisten trotzdem nicht: Statistiken zeigen, dass 70 Prozent der Geistes- und Sozialwissenschaftler nach einem bisweilen schwierigen Start doch noch eine passende Stelle finden. Drei bis fünf Jahre können bis dahin allerdings vergehen.

Ingrid Arbeitlang vom Hochschulteam der Berliner Agentur für Arbeit erlebt täglich, wie hart diese Zeit des Wartens ist: "Viele Absolventen nehmen aus lauter Verzweiflung fast jedes Praktikum an. Aber das ist, denke ich, nicht die richtige Strategie. Das fünfte Praktikum mit fünfmal der gleichen Arbeitsaufgabe entwertet sich selbst."

Manchen wird die Entscheidung für oder wider ein weiteres Praktikum dadurch abgenommen, dass sie sich die Praktikumstelle sowieso nicht leisten können - so wie Mario Schenk. Denn auch die Agentur für Arbeit fördert Praktika im Normalfall nicht. Ein Hochschulabsolvent, der Arbeitslosengeld II bezieht und ein Praktikum beginnen möchte, bekommt nur dann weiterhin Unterstützung, wenn sein Betreuer vom Arbeitsamt in dem Praktikum eine reelle Chance für den Berufseinstieg sieht.

Solidarische Grüße aus ganz Deutschland

Diesen Charakter haben viele Praktika aber verloren. Sie werden ausgeschrieben, um eine Stelle einzusparen, nicht, um qualifizierte Mitarbeiter zu rekrutieren. Ingrid Arbeitlang hält es daher für notwendig, dass Arbeitgeber wie auch Gesetzgeber über Wege nachdenken, Praktika wieder zu dem zu machen, was sie ursprünglich einmal waren: "Die Frage ist, ob man nicht konsequent die Forderung erhebt, dass Unternehmen nur noch Studenten als Praktikanten einstellen sollten. Aber im Moment macht das nur ein Teil der Arbeitgeber - was dann zur Folge hat, dass zu mir Absolventen kommen, die sagen: Ich werde nicht genommen, weil ich kein Student mehr bin. Und für die stellt sich dann die Frage, wie sie den Berufseinstieg schaffen sollen, noch mal in verschärfter Form."

Weil entsprechende gesetzliche Regelungen nicht in Sicht sind, hält es Arbeitlang für sinnvoll, dass sich Betroffene wehren und auf Ausbeutung aufmerksam machen - wie Mario Schenk es getan hat. Von der Berliner Nichtregierungsorganisation hat er zwar nie eine Antwort bekommen, dafür aber jede Menge solidarische Grüße aus ganz Deutschland.

Nachdem er seine Nicht-Bewerbung eingereicht hatte, schickte er eine Kopie per E-Mail an seine Freunde und Kommilitonen. Und die leiteten sie an ihre Freunde und Bekannte weiter. Nach und nach erhielt Schenk Dutzende E-Mails von Menschen, die seine Erfahrung teilten. "Natürlich war das ein tolles Gefühl, so viel Resonanz zu bekommen", sagt er. "Gleichzeitig hat es mich noch wütender gemacht. Es war eine Bestätigung für mich, aber auch eine traurige Bestätigung der Tatsache, dass das Problem sehr viele Menschen betrifft."

Die Nicht-Bewerbung könne er nur weiterempfehlen: "Natürlich hat es Zeit gekostet, eine sachliche und gut argumentierende Nicht-Bewerbung zu schreiben. Und das habe ich just zu der Zeit gemacht, als ich in der Endphase der Magisterarbeit war. Das hat der Arbeit sicher nicht gut getan. Mir aber schon. Denn das musste einfach raus."

Anmerkung der Redaktion: Durch einen Rechenfehler haben wir in einer ersten Version des Textes den Stundenlohn mit 64 Cent angegeben. Tatsächlich beträgt er bei einem 8-Stunden-Tag und 21 Arbeitstagen pro Monat rund 1,50 Euro. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

  • Nadja Leoni Nolting
    KarriereSPIEGEL-Autorin Nadja Leoni Nolting (Jahrgang 1984) ist freie Journalistin und lebt in Brüssel.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 261 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Methados 04.01.2013
Zitat von sysopEin Stundenlohn von 64 Cent, angeboten von einer Organisation, die sich weltweit für faire Löhne einsetzt - das fand Mario Schenk unerträglich. Er antwortete auf die Praktikumsannonce mit einer Nicht-Bewerbung. Statt des Personalchefs meldeten sich bei ihm Leidensgenossen aus ganz Deutschland. Absagen statt Bewerben: Kreativer Protest der Generation Praktikum - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/absagen-statt-bewerben-kreativer-protest-der-generation-praktikum-a-875549.html)
da sieht man einmal immer mehr, wie verlogen diese ganzen NGOs sind! früher waren es die gewerkschaften, die ihre mitarbeiter fürs eigene wohl und fette pfründe an die arbeitgeber verschachtelten - heute, ganz im internationalen bild, nennt man diese heuchlerischen ausbeuter NGO`s. und das witzigste dabei: die mitarbeiter solcher NGos sind eben diejenigen, die ein paar jahre zuvor mit ihren Apple produkten in berliner szene läden die zeit totschlugen und von einer gerechteren welt träumten. welcome to reality.
2. 64 Cent???
lorn order 04.01.2013
Zitat von sysopEin Stundenlohn von 64 Cent, angeboten von einer Organisation, die sich weltweit für faire Löhne einsetzt - das fand Mario Schenk unerträglich. Er antwortete auf die Praktikumsannonce mit einer Nicht-Bewerbung. Statt des Personalchefs meldeten sich bei ihm Leidensgenossen aus ganz Deutschland. Absagen statt Bewerben: Kreativer Protest der Generation Praktikum - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/absagen-statt-bewerben-kreativer-protest-der-generation-praktikum-a-875549.html)
Nicht, dass durch diese Rechnung der Stundenlohn erträglicher würde, aber der Monat hat bei einer 40 Stunden Woche 168 Arbeitsstunden. Also beträgt der Lohn pro Stunde bei 250 Euro im Monat 1,48 Euro und nicht 64 Cent. Ist der Rest des Artikels genauso gut recherchiert?
3. da ist diese Generation doch selbst schuld.
Oskar ist der Beste 04.01.2013
ich weiß gar nicht, worüber sich der Kandidat aufregt, wer hat denn die Parteien gewählt, die mit H4 und Agenda 2010 für die Verwahrlosung des Arbeitsmarktes in Deutschland gesorgt haben und nunmehr müssen die Lemmige sich eben mit den Folgen abfinden. Ich kann mir eine Schadenfreude über diese unerträglichen Zustände jedenfalls nicht verkneifen, weil es auch zeigt, daß angepasstes Bückeln eben nicht zum Erfolg führt....wer sich einmal verarschen läßt ohne es zu merken, der fällt halt immer wieder auf die Fresse. Und die jetzt 20 bis 30 jährigen sind nur durch angepasstes Verhalten aufgefallen und dafür gibt es jetzt ordentlich Haue.
4. Beim Stundenlohn verrechnet?
wurschdbrod 04.01.2013
40 Stunden / Woche macht bei ca. 4,3 Wochen / Monat = ca. 170 Stunden / Monat. 250 € : 170 Stunden ergeben nach meiner Rechnung ca. 1,47 € / Std. Ist immer noch wenig, aber deutlich mehr als Ihre 0,64 €. Sie haben (vermutlich) 160 Std. / 250 € gerechnet und sind so auf die 0,64 € / Std. gekommen. Gut, das war aber auch schwer zu rechnen!
5. Genau recheriert?
Don Lucio 04.01.2013
Zitat von sysopEin Stundenlohn von 64 Cent, angeboten von einer Organisation, die sich weltweit für faire Löhne einsetzt ....
Aufgrund von Erfahrungen, die ich selbst mit einer ähnlichen NGO habe (SES in Bonn), möchte ich ergänzen, dass die 250,00 € "Entschädigung" wahrscheinlich bei freier Unterkunft + Verpflegung zu verstehen sind. Wäre zumindest mal eine Nachfrage wert. Was natürlich immer noch zu wenig wäre, denn die Kosten für Miete etc. im Heimatland laufen ja weiter.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsstart
RSS
alles zum Thema Praktika
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen



Fotostrecke
Genug vom "Irgendwas mit Medien"-Job: Kaffee kochen statt Filme drehen
Praktikanten-Quiz
REUTERS

Schuftest du noch, oder verdienst du schon? Haben Praktikanten Rechte? Welche Zeugnisfloskel ist fies verstecktes Gift - und wer ist eigentlich die deutsche Monica Lewinsky? Testen Sie, was Sie über das akademische Prekariat wissen im Quiz zur "Generation Praktikum"!


Fotostrecke
Unternehmensberatung für Kreative: Muss denn Kunst brotlos sein?
Verwandte Themen

Fotostrecke
Selbständig in den Medien: Freie Journalisten als Niedriglöhner


Social Networks