Ambitionslos im Job Die Karriereverweigerer
Aufregend kann der Beruf sein, den täglichen Kick bringen, auch Einfluss und ein dickes Konto. Aber nicht alle jungen Akademiker reizt das. Manche steuern mit voller Absicht in einen tristen Job: Safety first, sie wollen es nett haben und pünktlich Feierabend.
Jeden Morgen um 6.30 Uhr steigt Manuela Wiese, 23, in ihren weißen Golf und parkt ihn nach einigen Autobahnkilometern vor einem achtstöckigen Betonklotz, dem Rathaus der Stadt Hemer im Sauerland. Um Punkt sieben fährt sie den Rechner hoch und öffnet Excel-Tabellen. Neun Stunden lang schaut sie auf den Bildschirm, tippt Zahlen ein. Zwischendurch: Mittagspause und ein Plausch mit Kollegen.
Wenn alles nach Plan läuft, wird Manuela in 40 Jahren noch vor dem Rathaus parken. Sie wird um 16.30 Uhr Feierabend machen, freitags schon 13.30 Uhr. Dann ist sie 63. Und wahrscheinlich wird Manuela zufrieden sein mit ihrem Leben.
HöherWeiterBesser? Manuela Wiese gehört zur wachsenden Gruppe junger Menschen, die keine Lust haben auf Karriere. Anders als 50-jährige Workaholics, die nach Bandscheibenvorfall und Scheidung erkennen, dass der Job nicht alles ist, entscheiden sie früh: Ich mache da nicht mit. Sicherheit ist ihnen wichtiger als Selbstverwirklichung, Leben zählt mehr als ein dickes Konto.
Sicher, aber langweilig
2014 wird Manuela Beamtin auf Lebenszeit. Vor ihr liegt eine ruhige Laufbahn, mit privater Krankenversicherung, lebenslangem Kündigungsschutz und komfortabler Pension. Sie hat Verwaltungsbetriebswirtschaft studiert. Ihre Abteilung, die Kämmerei von Hemer, wacht darüber, wie viel Geld die Referate der Stadt ausgeben. "Ich glaube, dass ich mit einem Job in der freien Wirtschaft nicht glücklich geworden wäre", sagt sie. "Ellenbogen ausfahren ist nichts für mich."
Manuela ist weder schüchtern noch faul. Sie ist quirlig und lustig und weiß, was sie will. Nur ist das nicht in erster Linie Karriere. Auch wenn es aufregendere Jobs gibt und der Alltagstrott sie manchmal nervt: Sie schätzt die Gewissheit, dass sie nie ihren Job verlieren wird. Abenteuer sucht sie eben in der Freizeit. Abends ist Manuela fast immer unterwegs; sie tanzt Ballett, schwitzt im Fitnessstudio, geht am Wochenende feiern.
Manuelas Entscheidung für den sicheren, aber langweiligen Karriereweg hat auch mit ihrem Vater zu tun. Er war jahrzehntelang Postbeamter, bis er an Krebs erkrankte, frühpensioniert wurde - und die Vorzüge einer privaten Krankenversicherung schätzen lernte. Ihr Vater war es, der ihr zur Beamtenlaufbahn riet.
Den Mann im Spiegel kannte er nicht mehr
Wo Manuela gar nicht erst hin will, war Jan Lohrberg bereits. Mit 33 Jahren verdiente der Jurist mehr als 100.000 Euro im Jahr und schuftete zwölf Stunden täglich im Brüsseler Büro einer Großkanzlei. Er wohnte in einer großzügigen Altbauwohnung mit Holzfußboden und Stuck an der Decke. Ein Leben auf der Überholspur - bis er freiwillig ausstieg.
Jans Lebenslauf lässt Personalchefs schwärmen: Prädikatsexamen, Master-Studium in London, erster Job bei einer Großkanzlei für Kartellrecht. Seine Chefs verlangten viel - Jan lieferte.
Sein Job war es auch, Firmen zu helfen, durch Fusionen mit anderen Firmen noch mehr Geld zu verdienen. "Die Belange der Beschäftigten waren dabei manchmal zweitrangig", sagt er heute. Der Job verdrängte sein schlechtes Gewissen wie auch sein Privatleben: Jans Fernbeziehung zerbrach; er nahm zu, weil er keine Zeit mehr für Sport hatte.
Es kam der Tag einer Besprechung in einem schicken Londoner Hotel. Den Mann, den er im Spiegel erblickte, kannte er nicht mehr: "Jetzt bist du so, wie du nie werden wolltest", dachte er. Zufällig las er eine Stellenanzeige des Bundeskartellamts - und bewarb sich.
Endlich zufrieden
Danach, mit 36, wurde Jan Oberregierungsrat in der Bonner Behörde. Sein Gehalt halbierte sich, auf große Karrieresprünge verzichtete er, wurde aber zufriedener: mehr Zeit für Motorradtouren durch die Eifel nach Feierabend, mehr Zeit mit seiner Freundin. Und er sah sich nun auf der Seite der Guten: Drohen Firmen durch Fusionen übermächtig zu werden, schreitet das Kartellamt ein.
Auf Jobmessen erzählte Jan von seiner Arbeit. Jurastudenten, sagt er, fragten vor allem nach Aufgaben und Arbeitszeiten. Geld und Aufstieg? Das interessiere sie weniger. Alles Karriereverweigerer.
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