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Studie über anonyme Bewerbungen Eine Chance für alle 

Ohne Foto zum Vorstellungsgespräch: Anonyme Bewerbungen machen es möglich Zur Großansicht
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Ohne Foto zum Vorstellungsgespräch: Anonyme Bewerbungen machen es möglich

Die Frau könnte ein Kind bekommen? Ein Mann mit türkischem Nachnamen? Schlechte Karten bei der Bewerbung. Ein Pilotprojekt zeigt: Anonymisierte Bewerbungen ohne Namen, Foto, Alter verteilen die Chancen gerechter. Trotzdem winken große Firmen ab.

Hobbys: Lesen, Briefmarken sammeln, Fußball... Was sagen solche Angaben in Millionen von deutschen Bewerbungen eigentlich über die Eignung eines Bewerbers für eine ausgeschriebene Stelle aus? Auch über ein vorteilhaftes Foto machen sich Jobsuchende so ihre Gedanken und geben dafür bei professionellen Fotografen nicht selten viel Geld aus. Dabei können sie sich bei vielen Personalchefs damit jede Chance auf die Einladung zu einem Bewerbungsgespräch verderben. Besonders Frauen mit Kindern oder Immigranten haben schlechte Karten, wie Studien in der Vergangenheit belegt haben.

"Hierzulande geben Bewerber einfach zu viel von sich preis", sagte Christine Lüders, die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Sie hat im Dezember 2010 ein Pilotprojekt initiiert: Ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren testeten Unternehmen wie die Deutsche Post, die Deutsche Telekom, L'Oréal, der Geschenke-Vermittler Mydays, Procter & Gamble und das Bundesfamilienministerium. Ohne Namen, Alter und Geschlecht, ohne die Nationalität oder den Familienstand.

"Tatsächlich herrschte bei dem Bewerbungsverfahren Chancengleichheit im Rennen um ein Vorstellungsgespräch", sagte Lüders. Mehr als 8550 Bewerberinnen und Bewerber haben sich inkognito beworben; 1293 wurden zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen und am Ende 246 Stellen so besetzt. Manche der Unternehmen setzten dabei auf Online-Bewerbungen, einige auf Formulare per E-Mail oder Post; andere ließen Bewerbungen erst nachträglich anonymisieren, etwa durch Schwärzungen. Erst bei einer Entscheidung für einen Bewerber wurden die Details bekannt gemacht.

Berufserfahrene Frauen profitieren

Der Studie zufolge sah die Mehrheit der Personalchefs kein Problem darin, dass diese persönlichen Angaben fehlten. Einige gaben sogar zu, dass sie von Bewerbern im Vorstellungsgespräch überzeugt wurden, die sie ohne das anonymisierte Verfahren gar nicht erst eingeladen hätten.

Besonders, wenn sich die ausgeschriebene Stelle an Menschen mit Berufserfahrung richtet, verbesserten sich die Chancen für Frauen gegenüber herkömmlichen Bewerbungsverfahren. Aber auch jüngere Frauen hatten Vorteile - sie müssen oft befürchten, wegen eines möglichen Kinderwunschs bei Bewerbungen benachteiligt zu werden.

In den USA, Großbritannien und Kanada ist der Verzicht auf persönliche Angaben in vielen Unternehmen schon lange üblich. Auch einige europäische Länder wie Frankreich, Belgien oder der Schweiz haben bereits positive Erfahrungen gemacht. In Belgien wurde das Verfahren im gesamten öffentlichen Sektor eingeführt.

Klaus F. Zimmermann ist Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit und hat das Projekt wissenschaftlich begleitet. Er glaubt, dass die Unternehmen sogar aus ökonomischer Sicht von anonymisierten Bewerbungsverfahren profitieren: "Firmen, in denen Junge und Alte in Teams zusammenarbeiten, in denen die interkulturelle Kompetenz von Einwanderern klug genutzt wird und junge Mütter mehr Förderung und Unterstützung erfahren, sind insgesamt produktiver als andere. Diese Organisationen stehen somit im Ergebnis besser da."

"Ich will die Unternehmen überzeugen"

Eine gesetzliche Reglung strebt Christine Lüders trotz der positiven Ergebnisse nicht an: "Ich will die Unternehmen überzeugen, da freiwillig teilzunehmen. Unser Ziel war es, mit dem Pilotprojekt einen Prozess anzustoßen und Impulse zu geben", sagt sie. "Jeder Mensch hat gelegentlich Klischees im Kopf, auch Personaler. Das anonymisierte Verfahren kann dem entgegenwirken."

Immerhin wollen vier der am Projekt beteiligten Betriebe auch künftig ihre Bewerber ohne Foto und Namen zum Bewerbungsgespräch einladen. Die großen Unternehmen wie die Deutsche Post, L Òreal oder die Telekom sind aber nicht dabei. "Unsere Personalstrategie richtet sich eher nach dem persönlichen Eindruck, den wir von einer Person im Vorstellungsgespräch gewinnen. Darauf legen wir mehr Wert als auf einen glatten Lebenslauf oder gute Zeugnisse", sagt Husam Azrak von der Telekom. "Eine anonyme Bewerbung ist da eher hinderlich."

Ähnlich sieht es die Deutsche Post. "Bei der Bewerberauswahl für ein Vorstellungsgespräch kam es während des Projekts bei uns zu keinem Unterschied im Vergleich zu vorher", so Post-Sprecherin Nina Mohammadi.

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insgesamt 35 Beiträge
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    Seite 1    
1.
faserland 17.04.2012
Herrn Zimmermanns guten Glauben in allen Ehren, aber die produktivsten deutschen Unternehmen sind vermutlich Mittelständler mit mehrheitlich männlichen deutschen Angestellten. Wer sieht, wie die deutsche Wirtschaft da steht und der mehrheitliche Rest der Welt, einschließlich der Länder mit dem angeblich vorbildlichen anonymisierten Bewerbungsverfahren, der sieht aus wirtschaftlicher Sicht wenig Grund, die deutsche Einstellungspraxis zu verändern.
2.
kfp 17.04.2012
Zitat von faserlandHerrn Zimmermanns guten Glauben in allen Ehren, aber die produktivsten deutschen Unternehmen sind vermutlich Mittelständler mit mehrheitlich männlichen deutschen Angestellten. Wer sieht, wie die deutsche Wirtschaft da steht und der mehrheitliche Rest der Welt, einschließlich der Länder mit dem angeblich vorbildlichen anonymisierten Bewerbungsverfahren, der sieht aus wirtschaftlicher Sicht wenig Grund, die deutsche Einstellungspraxis zu verändern.
Genau. Wäre ja echt schlimm, wenn Sie im nächsten Interview versehentlich einer Frau gegenübersäßen, die am Ende auch noch so fähig und passend auf die Stelle rüberkommt, dass Sie Ihr gesamtes Weltbild in Frage stellen oder offen zugeben müssten, dass - Eignung hin oder her - Sie eben nicht mit Frauen zusammenarbeiten wollen. (Ach nee, ich vergaß, Frauen passen per definitionem nicht ins Team, können also gar nicht passend auf die Stelle rüberkommen. Puh, Weltbild gerettet...)
3.
4qfghei3pers 17.04.2012
hat die anonyme Bewerbung ihren Zweck verfehlt. Denn dann wird auch nach anderen Maßstäben beurteilt wie z.B. Teamfähigkeit, Durchsetzungsvermögen etc. Beim Handwerk ist die anonyme Bewerbung sogar kontraproduktiv, denn der Handwerksmeister stellt nach persönlichen Eindrücken ein, selbst wenn die Qualifikation gleich ist.
4. Zensur-nein danke
kfp 17.04.2012
Zitat von faserlandHerrn Zimmermanns guten Glauben in allen Ehren, aber die produktivsten deutschen Unternehmen sind vermutlich Mittelständler mit mehrheitlich männlichen deutschen Angestellten. Wer sieht, wie die deutsche Wirtschaft da steht und der mehrheitliche Rest der Welt, einschließlich der Länder mit dem angeblich vorbildlichen anonymisierten Bewerbungsverfahren, der sieht aus wirtschaftlicher Sicht wenig Grund, die deutsche Einstellungspraxis zu verändern.
Genau. Wäre ja echt schlimm, wenn Sie im nächsten Interview versehentlich einer Frau gegenübersäßen, die am Ende auch noch so fähig und passend auf die Stelle rüberkommt, dass Sie Ihr gesamtes Weltbild in Frage stellen oder offen zugeben müssten, dass - Eignung hin oder her - Sie eben nicht mit Frauen zusammenarbeiten wollen. (Ach nee, ich vergaß, Frauen passen per definitionem nicht ins Team, können also gar nicht passend auf die Stelle rüberkommen. Puh, Weltbild gerettet...)
5. Weltfremd
Stawrogin aus Berlin 17.04.2012
Was sich so Personaler und das BMFSJ so ausdenken. Am besten noch das Vorstellungsgespräch mit Stimmenverzerrer und mit einer Zwischenwand durchführen.
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